Mein Vater hatte ein kleines Landgut in Nottinghamshire in Mittelengland. Ich war der dritte von fünf Söhnen und meine Eltern nannten mich Gulliver. Als ich vierzehn Jahre alt war, schickte mich mein Vater nach Cambridge, wo ich drei Jahre lang blieb und mich in meine Studien vertiefte. Obwohl ich nur ein klägliches Taschengeld erhielt, waren die Kosten für so ein bescheidenes Vermögen, wie es mein Vater besaß, viel zu hoch. So kam ich in die Lehre zu Mister James Bates, einem berühmten Chirurgen in London, bei dem ich vier Jahre lang blieb. Kleine Geldbeträge, die mir mein Vater ab und zu schickte, benutzte ich ausschließlich dazu, Schifffahrtskunde und verschiedene mathematische Wissenschaften zu studieren, die man benötigt, wenn man zur See fahren will. Ich war nämlich davon überzeugt, dass mir dies eines Tages beschieden sein werde.
Später besuchte ich die Universität in Leiden, wo ich zwei Jahre und sieben Monate lang Medizin studierte, denn ich war der Meinung, dass mir dies auf weiten Reisen nützlich sein werde. Bald nach meiner Rückkehr aus Leiden empfahl mich mein guter Lehrer, Mister Bates, als Schiffsarzt an den Kapitän der Swallow, Abraham Pannell. Hier blieb ich dreieinhalb Jahre und machte mehrere Reisen in die Levante und andere Gegenden. Als ich nach Hause zurückkehrte, ermunterte mich Mr Bates, mich in London niederzulassen, und er war es auch, der mich einer Reihe von Patienten empfahl. Da mir allgemein geraten wurde, mein Junggesellendasein aufzugeben, heiratete ich Mary Burton, zweite Tochter von Mr Edmond Burton.
Nach dem Tod meines Lehrers und einem ständigen Rückgang meiner Praxis nahm ich nach Rücksprache mit meiner Frau ein vorteilhaftes Angebot des Kapitäns William Pirchard an, der im Begriff war, mit seinem Schiff, der Antelope, eine Reise in die Südsee anzutreten. Wir stachen am 4. Mai 1699 in See und hatten anfangs eine durchaus glückliche Fahrt.
Ich will den Leser nicht mit Einzelheiten über unsere Erlebnisse während der Fahrt ermüden. Zur Information soll genügen, dass wir auf unserer Reise nach Ostindien durch einen furchtbaren Sturm nordwestlich von Tasmanien abgetrieben wurden. Am 5. November, dem Sommerbeginn in dieser Gegend, sahen wir vor uns ein Riff, aber der Wind war so stark, dass wir gerade darauf zugetrieben wurden und unmittelbar danach daran scheiterten. Sechs von uns ließen ein Boot ins Wasser und versuchten, von unserem Schiff und von den Klippen wegzukommen. Nach meiner Berechnung ruderten wir ungefähr drei Meilen weit, dann konnten wir nicht mehr; unsere Kräfte waren erschöpft. Wir ließen also unser Boot von den Wogen treiben und etwa eine halbe Stunde später kenterten wir durch eine plötzlich vom Norden her kommende Böe.
Was aus meinen Begleitern und der übrigen Mannschaft geworden ist, kann ich nicht sagen. Vermutlich ertranken sie alle. Ich für meinen Teil schwamm auf gut Glück darauflos, wohin mich Wind und Wogen trieben. Als es fast mit mir zu Ende war, fühlte ich plötzlich festen Boden unter den Füßen, und gleichzeitig flaute auch der schreckliche Sturm ab. Der Strand war so flach, dass ich etwa eine halbe Stunde weit gehen musste. Es war nach meiner Schätzung ungefähr acht Uhr abends, als ich das Ufer erreichte. Ich ging etwa eine halbe Meile weiter, konnte aber nicht die geringste Spur von Häusern oder Einwohnern entdecken, aber ich war auch so total erschöpft, dass ich kaum etwas von meiner Umgebung wahrnahm. Da ich todmüde war, legte ich mich ins Gras, das hier sehr kurz und weich war, und schlief ungefähr neun Stunden lang; ich erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben so tief geschlafen zu haben.
Als ich erwachte, war heller Tag. Ich versuchte aufzustehen, aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich lag auf dem Rücken und meine Arme und Beine waren auf jeder Seite an den Erdboden gefesselt. Auch meine langen, dichten Haare waren in gleicher Weise angebunden. Ich fühlte, dass mehrere dünne Stricke quer über meinen Körper gespannt waren. Ich konnte nur aufwärts blicken und sah, wie die Sonne immer höher stieg.
Nach einer Weile spürte ich etwas Lebendiges auf meinem Fuß herumkrabbeln; es kam leise über meine Brust bis dicht an mein Kinn. Ich senkte meinen Blick und sah eine menschliche Gestalt von etwa fünfzehn Zentimeter Größe, die mit Pfeil und Bogen bewaffnet war und einen Köcher auf dem Rücken trug. Gleichzeitig bemerkte ich noch an die vierzig gleicher Geschöpfe, die, wie ich vermutete, dem ersten nachfolgten. Ich war durch ihr plötzliches Auftauchen so überrascht, dass ich laut aufschrie. Meine Stimme jagte ihnen einen solchen Schrecken ein, dass sie alle entsetzt davonliefen. Wie ich später erfuhr, verletzten sich einige beim Fallen, als sie von meinem Körper hinabsprangen. Aber sie kamen bald zurück, und einer wagte sich so nahe heran, dass er mir voll ins Gesicht schauen konnte. Erstaunt hob er die Hände und rief mit lauter, deutlicher Stimme: »Hekinah degul!« Die anderen wiederholten diese Worte mehrere Male. Damals wusste ich aber noch nicht, was sie damit meinten.
Währenddessen befand ich mich in einer sehr unangenehmen Lage. Ich versuchte, mich zu befreien, und es gelang mir, die Fesseln zu sprengen und die Pfähle auszureißen, an denen mein linker Arm am Erdboden festgehalten war. Ich hob ihn in die Höhe und sah nun, wie ich gefesselt war. Gleichzeitig löste ich mit einem heftigen und sehr schmerzhaften Ruck die Stricke, mit denen meine Haare auf der linken Seite angebunden waren. Nun konnte ich meinen Kopf etwa sechs Zentimeter seitwärts drehen.
Aber die kleinen Geschöpfe rannten weg, ehe ich eines von ihnen ergreifen konnte. Alsbald erscholl ein lautes, schrilles Geschrei, und als es verstummte, hörte ich einen von ihnen laut rufen: »Tolgo phonac!« Gleichzeitig fühlte ich etwa einhundert Pfeilschüsse auf meiner linken Hand, die mich wie Nadeln stachen. Zugleich schossen sie noch eine zweite Salve in die Luft. Einige dieser Pfeile fielen auf mein Gesicht, das ich sofort mit der linken Hand bedeckte. Als dieser Pfeilregen vorüber war, stöhnte ich vor Schmerz und Unmut und versuchte nochmals, mich loszureißen. Dies trug mir eine zweite, noch reichlichere Salve ein, und einige versuchten sogar, mich mit Speeren in die Seite zu stechen. Zum Glück hatte ich ein büffelledernes Wams an, das die Kleinen nicht durchbohren konnten.
Ich fand, dass es das Klügste war, still zu liegen, und beschloss, so die Nacht abzuwarten; dann würde ich mich mit meiner linken Hand leicht losmachen können. Als das Volk sah, dass ich mich ruhig verhielt, wurden keine weiteren Pfeile gegen mich abgeschossen. Aus dem Lärm, der immer mehr wuchs, schloss ich, dass sich die Zahl der kleinen Leute vermehrte. Ungefähr vier Meter von mir entfernt vernahm ich ein Klopfen und Hämmern wie von Handwerkern an der Arbeit. Ich drehte meinen Kopf, so weit ich konnte, in diese Richtung und sah, dass dort mit fieberhaftem Eifer eine ungefähr einen halben Meter hohe Tribüne errichtet wurde, die vier von diesen Dreikäsehochs Platz bot und die sie mithilfe von Leitern erreichen konnten.
Einer von ihnen kletterte auch schon hinauf und hielt von dort eine lange Ansprache an mich, von der ich keine Silbe verstand. Es war dies ein Mann von mittlerem Alter, anscheinend eine hochgestellte Persönlichkeit, der größer war als seine Mitbürger. Ich konnte aus seiner Ansprache genau erkennen, ob er mir drohte oder etwas versprach und ob das, was er sagte, mitleidig oder freundlich gemeint war. Ich antwortete mit wenigen, aber untertänigen Worten und hob meine linke Hand und meine Augen zur Sonne, als ob ich sie zum Zeugen anrufen wollte. Da ich beinahe vor Hunger verschmachtete - ich hatte den letzten Bissen mehrere Stunden, bevor ich das Schiff verließ, zu mir genommen -, konnte ich mich nicht enthalten, vielleicht gegen die Regeln des Anstands, mehrmals meine Finger in den Mund zu stecken, um dadurch mein Verlangen nach Nahrung auszudrücken.
Der Hurgo - so nennt man dort eine hochgestellte Persönlichkeit, wie ich später erfuhr - verstand mich. Er stieg von dem Gerüst herab; auf seine Anordnung wurden mehrere Leitern an meine Seite gelehnt und etwa hundert Leute stiegen nun über die Leitern auf meine Brust herauf. Sie kamen mit Körben voll Fleisch bis zu meinem Mund. Ich erkannte das Fleisch verschiedener Tiere, konnte es aber dem Geschmack nach nicht unterscheiden. Es waren Schulterstücke, Keulen und Rippenstücke, in der Art wie Hammelkeulen und -rippen ausgezeichnet zubereitet, aber kaum von der Größe eines Lerchenflügels. Ich steckte immer zwei oder drei zugleich in den Mund und aß dazu zwei oder drei Laibe Brot, die nicht größer als eine Flintenkugel waren. Unter tausend Zeichen der Verwunderung und des Staunens über meinen Appetit wurde in Windeseile für Nachschub gesorgt.
Nun verlangte ich zu trinken. Sie brachten mit viel Geschicklichkeit eines ihrer größten Fässer herbei, rollten es bis an meine Hand und schlugen den Deckel ein. Ich trank das Fass in einem Zug aus, denn es war höchstens eine halbe Kanne voll. Der Trunk schmeckte wie ein leichter Burgunder, nur viel besser. Meine seltsamen Gastgeber brachten mir ein zweites Fass, das ich auf die gleiche Weise austrank; dann war ihr Vorrat erschöpft, mein Hunger und Durst aber keineswegs gestillt. Nachdem ich diese Wunder vollbracht hatte, jauchzte das kleine Volk vor Freude, und die Abordnung der Speisenträger sprang auf meiner Brust herum. Sie winkten mir, die beiden Fässer wieder hinabzuwerfen, nachdem sie zuvor die Menge durch den Ruf »Borach mewolah!« gewarnt hatten.
Ich gestehe, ich war versucht, einmal vierzig bis fünfzig von denen, die auf meinem Leib herumkrochen und die ich erreichen konnte, zu ergreifen und auf den Boden zu werfen. Doch ich erinnerte mich an meine untertänigen Worte, die ich selbst als Ehrenwort auslegte, und so ließ ich diese Gedanken wieder fallen. Außerdem hielt ich mich jetzt einem Volk verpflichtet, das mir Gastfreundschaft gewährt und mich so prächtig bewirtet hatte. Im Stillen wunderte ich mich über die Unerschrockenheit dieser kleinen Sterblichen, die auf meinem Leib hin und her liefen, ohne beim Anblick eines für sie so ungeheuren Geschöpfs zu zittern.
Nach einiger Zeit erschien ein Abgesandter Seiner Königlichen Majestät. Er schwang sich auf den Knöchel meines rechten Beins, schritt mit etwa einem Dutzend seines Gefolges bis zu meinem Gesicht vor, überreichte mir ein Beglaubigungsschreiben mit dem königlichen Siegel, das er mir dicht vor die Augen hielt, und sprach ungefähr zehn Minuten lang auf mich ein. Dabei deutete er in die Richtung der, wie ich später erfahren sollte, etwa einen Kilometer entfernten Hauptstadt, wohin ich, wie Seine Majestät im Rate entschieden hatte, gebracht werden sollte. Ich erwiderte einige Worte, freilich ganz vergeblich, und machte eine Bewegung mit meiner freien Hand, um anzudeuten, dass ich meine Freiheit wünschte. Er schien mich recht gut zu verstehen, denn er schüttelte missbilligend den Kopf und zeigte nur mit einer Gebärde, dass ich als Gefangener abgeführt würde. Durch Zeichen gab er mir zu verstehen, dass ich genug zu essen und zu trinken und auch neue Kleidung bekäme. Noch einmal dachte ich daran, mich mit Gewalt zu befreien. Aber dann fielen mir wieder ihre Pfeile ein - mein Gesicht und meine Hände brannten noch immer und waren mit Blasen bedeckt -, und da ich auch die Menge meiner Feinde immer weiter wachsen sah, gab ich ihnen schließlich zu verstehen, sie möchten mit mir tun, was ihnen beliebte.
Kurz darauf fühlte ich, wie die Stricke an meiner linken Seite so weit gelockert wurden, dass ich mich auf die rechte Seite legen konnte. Auch bestrich man mir das Gesicht und die Hände mit einer wohlriechenden Salbe, die schon nach wenigen Minuten meine Schmerzen linderte. Darauf schlief ich ein und erwachte erst nach ungefähr acht Stunden. Dies war kein Wunder, denn die Ärzte hatten auf königlichen Befehl dem Wein in den Fässern einen Schlaftrunk beigemischt.
Wie es schien, hatte der König, nachdem man mich nach meiner Landung schlafend auf dem Erdboden gefunden hatte, sogleich die Meldung erhalten, und es war im Hohen Rat beschlossen worden, mich zu fesseln, mir Speise und Trank zu geben und eine Maschine zu bauen, um mich damit in die Hauptstadt zu schaffen.
Solch ein Entschluss mag vielleicht kühn und gefährlich erscheinen, er war aber nach meiner Ansicht nicht nur edel, sondern auch sehr klug; denn hätte man versucht, mich im Schlaf durch Pfeile und Speere zu töten, würde ich doch beim ersten Gefühl von Schmerz erwacht sein und meine Wut hätte mir ausreichend Kraft verliehen, um die Stricke, mit denen ich gefesselt war, zu zerreißen. Die Leute hätten dann keinen Widerstand mehr leisten und auch keine Schonung erwarten können.
Dieses Volk besitzt großes Talent für Mathematik und hat es unter dem Schutz und der Förderung des Königs, der ein Gönner der Wissenschaften ist, vor allem in der Mechanik sehr weit gebracht. Der Monarch verfügt über mehrere Maschinen mit Rädern für den Transport von Bäumen und anderen großen Lasten. Er lässt seine Kriegsschiffe, die bis zu drei Meter lang sind, direkt in den Wäldern bauen, wo das Bauholz wächst, und die fertigen Schiffe auf jenen Maschinen drei- bis vierhundert Meter weit zum Meer transportieren. Fünfhundert Zimmerleute und Maschinenbauer mussten sogleich ans Werk gehen, um die größte dieser Maschinen instand zu setzen. Es war ein Gestell aus Holz, zehn Zentimeter hoch, etwa drei Meter lang und zwei Meter breit, und bewegte sich auf zweiundzwanzig Rädern.
Der Freudenschrei, den ich hörte, galt der Ankunft dieses Fuhrwerks; es musste sich nach meiner Schätzung vier Stunden nach meiner Landung in Bewegung gesetzt haben. So wie ich da ausgestreckt lag, wurde das Fuhrwerk parallel zu mir in Stellung gebracht. Die Hauptschwierigkeit bestand nun darin, mich aufzuheben und auf den Wagen zu schaffen. Dies wurde so bewerkstelligt: Man rammte zuerst achtzig Pfähle von fünfzig Zentimeter Höhe ein, dann wurden starke Seile, so dick wie Bindfäden, mit Haken an einer Menge von Bandagen befestigt, die um meinen Hals, meinen Leib und meine Beine geschlungen waren. Neunhundert der stärksten Männer mussten an diesen Seilen ziehen, die über auf den Pfählen befestigten Rollen liefen, und so gelang es in weniger als drei Stunden, mich aufzuheben, auf das Fuhrwerk zu packen und festzubinden. Alles dies erzählte man mir später, denn während der ganzen Prozedur lag ich zufolge des Betäubungsmittels, das man mir in mein Getränk gegossen hatte, in tiefem Schlaf. Fünfzehnhundert der größten Pferde aus den königlichen Stallungen, jedes etwa zwölf Zentimeter hoch, zogen mich zur Hauptstadt.
Etwa vier Stunden nach Beginn unserer Reise wurde ich durch einen lächerlichen Zwischenfall geweckt. Als nämlich das Fuhrwerk eine Weile anhielt, weil irgendetwas daran nicht in Ordnung war, wollten zwei oder drei junge Eingeborene wissen, wie ich denn aussähe, wenn ich schlief. Sie kletterten auf das Fuhrwerk, schlichen ganz leise zu meinem Gesicht und einer von ihnen, ein junger Gardeoffizier, steckte seine Lanze in mein linkes Nasenloch. Dies kitzelte mich wie ein Strohhalm, und ich musste heftig niesen, worauf sie sich wieder davonschlichen. Ich erfuhr erst drei Wochen später die Ursache meines Erwachens.
Wir legten noch eine beträchtliche Strecke zurück, und als wir unser Nachtlager aufschlugen, stellte man zu meinen beiden Seiten fünfhundert Wachen auf, die eine Hälfte mit Fackeln, die anderen zum Schießen bereit, falls ich etwa Miene machen würde, mich zu rühren. Am nächsten Morgen setzten wir bei Tagesanbruch unseren Weg fort und näherten uns gegen Mittag den Toren der Stadt bis auf etwa zweihundert Meter. Der König mit seinem ganzen Heer kam uns entgegen, doch baten ihn die hohen Würdenträger ehrerbietig, er möge seine geheiligte Person nicht der Gefahr aussetzen, meinen Leib zu besteigen.
Auf dem Platz, wo der Wagen hielt, stand ein alter Tempel, wohl der größte im ganzen Land. Einige Jahre vorher war er durch einen Mord befleckt worden. Das Volk hielt den Tempel deshalb für entweiht, und man hatte ihn, nachdem alle geheiligten Geräte daraus entfernt worden waren, für weltliche Zwecke bestimmt.
In diesem Bauwerk sollte ich wohnen. Das große, nach Norden gehende Tor war etwa eineinhalb Meter hoch und einen halben Meter breit, sodass ich leicht hindurchkriechen konnte. An jeder Seite des Tores befand sich ein kleines Fenster. Am linken befestigte der königliche Hofschmiedemeister einundneunzig Ketten von der Art europäischer Damenuhrketten, die er mit sechsunddreißig Vorhängeschlössern an meinem linken Bein verankerte.
Dem Tempel gegenüber, auf der anderen Seite der breiten Straße, stand ein ungefähr zwei Meter hoher Turm. Diesen bestieg der König mit zahlreichen Würdenträgern seines Hofstaates, um mich bequem betrachten zu können. Ungefähr hunderttausend Menschen kamen aus der Stadt heraus, und ich glaube, dass gleichzeitig, ungeachtet der Wachen, nicht weniger als zehntausend auf meinen Körper gestiegen sind. Aber bald darauf wurde eine Verfügung erlassen, dass dies bei Todesstrafe verboten sei.
Als die Leute sahen, dass es mir unmöglich war, mich zu befreien, durchschnitten sie alle Stricke, mit denen ich gefesselt war. Daraufhin erhob ich mich - das Staunen des Volkes lässt sich nicht beschreiben, als es mich, zu meiner vollen
Größe aufgerichtet, sah. Die Ketten an meinem linken Bein gestatteten mir, mich in einem Halbkreis zu bewegen. Da sie nur einen Meter vom Tor des Tempels entfernt befestigt waren, konnte ich auch einigermaßen bequem hineinkriechen und mich drinnen ausstrecken.
Nachdem ich aufgestanden war, blickte ich mich um: Ich gestehe offen, dass ich nie in meinem Leben eine angenehmere Aussicht hatte. Das ganze Land ringsum glich einer wohlgepflegten Gartenanlage: Die eingezäunten Felder sahen wie Blumenbeete aus und wechselten mit kleinen Wäldern ab, deren höchste Bäume ungefähr drei Meter hoch waren. Die Stadt lag zu meiner Linken und sah wie eine Theaterkulisse aus. Ruhig wartete ich die weitere Entwicklung ab.
Nachdem der König den Turm wieder verlassen hatte, näherte er sich mir zu Pferd. Das wäre ihn beinahe teuer zu stehen gekommen, denn das Tier meinte wahrscheinlich, ein Berg bewege sich vor ihm, und bäumte sich hoch auf. Der König, ein trefflicher Reiter, hielt sich jedoch im Sattel, bis sein Gefolge herbeieilte und dem Pferd in die Zügel fiel. Nun stieg der König ab und betrachtete mich von allen Seiten mit größter Verwunderung. Dann ließ er seine Köche kommen, die schon in der Nähe standen und auf seinen Wink kleine Wagen zu mir herschoben, sodass ich sie erreichen konnte.