Gulliver aus dem Jahr 1726 hat bei seinen Reisen neben Liliput auch viele andere Märchenwelten entdeckt, darunter das Land der Riesen, die fliegende Insel, das Land der Zauberer, die Unsterblichen oder die Houyhnhnms, bei denen die Pferde die Herrscher sind und die Menschen Arbeitstiere.
Für uns heute ist interessant, wie Gulliver seine Entdeckungen und die jeweiligen Gesellschaften immer wieder mit seiner englischen Heimat vergleicht. Dadurch erfährt man viele Details aus dem Alltagsleben von 1700. Und natürlich passieren viele lustige und auch dramatische Dinge, die besonders Kinder erfreuen werden (man stelle sich nur vor, wie er in Liliput auf's Klo muss :-). Doch Gulliver bzw. Swift, eigentlich überzeugter Monarchist, wird zum Ende hin recht ernster: im Land der Geister im Gespräch mit verstorbenen berühmten Persönlichkeiten stellt er erschreckt fest, wie sehr Geschichtsschreiber die Fakten verfälscht haben. Und bei den friedlichen und glücklichen Pferden erkennt er die Unart der Menschen, sich mit Kriegen und Korruption stets selbst ihr Unglück bereiten. Botschaft dieser Passage: moralisch stehen die Pferde weit über den Menschen! Als er von dieser letzten Reise nach England zurückkehrt, muss er sich erst mühsam und widerwillig wieder an die Menschen gewöhnen.
Das Buch, das sich laut Swift an junge, englische Aristokraten richtet, ist eine geschickt verpackte Gesellschaftskritik. Anstatt gegen England zu schreiben, stellte er dem damaligen Leser unverbindlich alternative Gesellschaftsformen und Lebensweisen vor. Und mit dem zukünftigen "Führungsnachwuchs" sprach er die richtige Zielgruppe an. Meine Ausgabe war mit über 400 Radierungen fast auf jeder Seite geschmückt, ein Aufpreis, der sich lohnt. Gulliver eignet sich hervorragend als Vorlesegeschichte für viele lange Abende!