Friedrich Gulda (1930-2000), Enfant terrible und Grenzgänger zum Jazz, war für seine teils radikalen künstlerischen Ansichten berüchtigt. Bei dem hier vorliegenden Album handelt es sich um Aufnahmen der 50er- und 60er-Jahre, die zum Teil sogar aus Guldas privatem Archiv stammen. Doch auch wenn der Klang nur teils mono ist, tut das dem Hörvergnügen absolut keinen Abbruch - im Gegenteil, speziell die Englische Suite Nr. 3 ist klanglich ganz hervorragend aufgearbeitet.
Guldas Bach-Interpretationen sind vollkommen entschlackte und auf die Struktur der Stimmen und Werke ausgerichtete Herangehensweisen. So wählt er fast immer recht moderate Tempi (z.B. im Prélude der Englischen Suite Nr.2) und verzichtet fast vollständig auf Unsitten wie Baßverdoppelung oder Hinzufügen wenig angebrachter Verzierungen. Sein trockener Klang stellt sich ganz in den Dienst miteinander kommunizierender Stimmen; das Ergebnis sind wahrhaft fesselnde Interpretationen, die durch ihre Schlichtheit und vollkommene Kontrolle begeistern. Zu Guldas vollkommener Technik gesellt sich des weiteren ein untrüglicher Instinkt für Stiltreue und angemessene Tempi. Man kann gut nachvollziehen, weshalb gerade Bach zum Sprungbrett für Guldas internationale Karriere werden sollte, denn laut Booklet begeisterte dieser Bach die Juroren bei einem Wettbewerb sogar noch nach Mitternacht! Nun ist dies aber alles andere als ein Bach-Spiel, das es nötig hat, sich aufzudrängen oder gekünstelt zu wirken. Mancher Musikfreund wird diese Aufnahmen möglicherweise als zu asketisch empfinden, aber ihre nichtsdestotrotz vorhandenen Qualitäten stellen einen gewichtigen und unverzichtbaren Beitrag zur Bach-Rezeption dar, zumal zu der Zeit, als Gulda diese Aufnahmen einspielte, romantisierende Interpretationen durchaus noch üblich waren. Guldas Verständnis von Bach ist diesem Ansatz natürlich diametral entgegengesetzt und steht einem Glenn Gould weitaus näher als etwa Edwin Fischer oder Rosalyn Tureck.
Die wohl nie restlos zu klärende Frage, wie denn Bach nun zu spielen sei, kann natürlich auch Gulda nicht beantworten, aber um ein beeindruckendes und sehr natürlich wirkendes Klavierspiel handelt es sich hier allemal. Daher kann nur eine dringende Kaufempfehlung ausgesprochen werden, zumal Guldas eigenes, jazz-inspiriertes Werk "Präludium und Fuge" die CD würdig abrundet und verdeutlicht, weshalb gerade Bach auf Jazzmusiker auch heute noch eine ungebrochene Faszination ausübt.