Ein überraschender Besuch an der Tür des Studentenwohnheims weckt in Nathaniel schreckliche Erinnerungen an Kindertage. Handelt es sich bei dem Mann tatsächlich um ein und denselben?
Es war meistens um kurz vor neun, als auf der Treppe vor der Wohnung kräftige Schritte zu vernehmen waren. Ein Ereignis, das die Eltern jedes Mal wieder in seltsame Unruhe versetzt hatte. Ein untrügliches Zeichen für die Kinder schnellstmöglichst ins Bett zu weichen, denn nach Aussagen der Eltern gehörten die Schritte zum Sandmann. Während Nathaniel anfangs noch daran glaubt, genährt durch die noch unheimlicheren Geschichten der Kinderfrau, steht er der Sache mit zunehmenden Alter immer skeptischer gegenüber. Doch der unheimliche spätabendliche Besuch ist alles andere als ein Märchen, geschweige denn Einbildung. Und so versteckt sich Nathaniel eines Abends in dem Arbeitszimmer des Vaters, in dem die beiden Männer meistens verschwinden und beobachtet dort höchst eigenartiges.
Das Leitmotiv dieser Geschichte von E.T.A. Hoffmann, entstanden zur Zeit der schwarzen Romantik, sind eindeutig die Augen. Als Symbol nicht selten für das Spiegelbild der Seele eingesetzt. Augen treten einem hier in Vielerlei Gestalt entgegen. Sei es in Form von unschuldigen Kinderaugen, die auf keinem Fall dem Sandmann ausgesetzt werden sollen, verstümmelten schwarz-blutigen Höhlen und dem bewusstseinstrübenden Okularen, die mit zu Nathaniels Verhängnis beitragen.
Der erste Teil der Erzählung wird beherrscht von den Schilderungen Nathaniels und dem Briefwechsel. Diese lassen natürlich nur ein verzerrtes Bild zu. Wie sehr getrübt dieses sein kann, wird vor allem später deutlich, als ein scheinbar neutralen Erzähler den Bericht der weiteren Ereignisse übernimmt und man als Hörer Zeuge von Nathanaels Wahrnehmungsverschiebungen wird. Während er gewissermaßen die Sehnsucht nach dem Ungreifbaren, dem Dunken darstellt, die sich deutlich in seiner Schaffenskraft (Gedicht) manifestiert, steht auf der anderen Seite seine Verlobte Clara, die viel eher ein Inbegriff der Nüchternheit, ja Rationalität ist. So sehr, dass sie von ihren Mitmenschen gar bisweilen als kalt bezeichnet wird. Welch Ironie, dass Nathanael ihr in einem Streit vorwirft, ein gefühlloser Automat zu sein, während er den eigentlich solchen gar nicht mehr erkennt.
"Der Sandmann" ist weniger eine direkt gruselig ausgerichtete Geschichte, als vielmehr die Darstellung eines tragischen Schicksals, das gepflastert ist mit Themen, welche die Menschen zur damaligen Zeit bewegt haben müssen. Der Vormarsch der Wissenschaft, die komplette Darstellung des Menschen in Form eines Automaten, die Frage nach dem Sitz der Seele, das trügerische Element der Wahrnehmung und nicht zuletzt natürlich Liebe und Verzweiflung.
In ihrer sehr werkgetreuen Inszenierung lassen Titania nichts unversucht, die vorhandenen unheimlichen Momente auszukosten. Nachdem man mit dem letzten Zweiteiler ein eher wenig passendes Werk im Rahmen des Gruselkabinetts eingebettet hatte, kann man dem Sandmann schon deutlich eher wieder bescheinigen, innerhalb des Gruselkabinetts gut aufgehoben zu sein.
Bei den Sprechern muss man sich bei Titania eigentlich nicht die geringsten Gedanken machen, dass etwas mal nicht absolut rund laufen könnte. Sehr gefreut habe ich mich über den momentan recht selten in Erscheinung tretenden Norbert Langer. Marius Clarén verkörpert die Hauptfigur absolut perfekt, was man ebenso von Roland Hemmo in der Rolle des undurchsichtigen und vor allem deshalb so unheimlichen Coppelius behaupten kann. Leute wie Tanya Kahana und Marcel Collé runden den Cast wunderbar ab.
Fazit: Da mir die Vorlage des Sandmannes noch imemr ziemlich vetraut ist, war ich sehr auf die Umsetzung seitens Titania Medien gespannt. Die Geschichte bietet per se schon einiges an faszinierenden Elementen und ist in ihrer Vielschichtigkeit gewiss ein würdiger Vertreter der schwarzen Romantik. Die Inszenierung von Titania wird dem ganzen auch voll und ganz gerecht.