Heinrich Bölls Roman "Gruppenbild mit Dame" erschien 1971. Er erzählt die Geschichte der 48-jährigen Leni Pfeiffer, die 1922 geboren wurde. Während des Krieges besorgt Leni dem sowjetischen Kriegsgefangenen Boris, den sie kennen und lieben lernt, einen deutschen Pass. Boris, der von den Amerikanern gefangen genommen wurde, kommt bei einem Unglück in einer Kohlengrube um. Selbst der Sohn, den Leni von Boris hat, sitzt im Gefängnis.
So oder ähnlich könnte man den Inhalt des Romans "Gruppenbild mit Dame" zusammenfassen, doch eine solche Zusammenfassung würde dem Roman niemals gerecht werden. Bölls "Gruppenbild mit Dame" erzählt nämlich nicht nur die Geschichte einer Frau mittleren Alters, sondern ist viel mehr eine erzählerische Meisterleistung.
Heinrich Böll schafft es, Authentik mit Absurdem zu verknüpfen. So erscheinen seine Schilderungen erst absurd und im Nachhinein authentisch zu sein. Durch diese Darstellung entsteht eine Kritik, die den Leser zum Lachen bringt, ihn aber ebenfalls zum Nachdenken anregt.
Bölls Kritik bezieht sich auf die Sinnlosigkeit des Krieges, auf den Katholizismus, auf die Gesellschaft, auf vorschnelle Vorurteile, auf soziale Ungerechtigkeit und auf Heuchelei, vor allem in den Institutionen.
Allerdings beinhaltet der Roman nicht nur Kritik. Trotz aller Kritik ist der Roman ein Manifest der Humanität, welches das Idealbild der Klassik korrigiert. Durch die präzise Schilderung aller in dem Roman auftauchender Personen werden diese für den Leser fast alle sympathisch. Wären die Schilderungen oberflächlich gewesen, wäre das Urteil des Lesers sicherlich anders ausgefallen. Der Roman zeigt auf, dass das Leben vieler Menschen anders, also besser, hätte verlaufen können.
Durch den Roman wird ersichtlich, warum die Idealvorstellungen Kants und anderen Vertretern immer wieder scheitern. Sie scheitern nämlich nicht nur an den Menschen, sondern an den Umständen der Umwelt und an den Menschen als Gesellschaft, vor allem aber an den Institutionen.
Bölls Roman bezieht sich nicht nur auf das Dritte Reich und auf den Zweiten Weltkrieg, sondern auch auf den Generationenkonflikt, der in den 60er und 70er Jahren stattfand. Böll kritisiert die Institutionen wie sie auch von der 68er-Generation kritisiert worden sind. Er zeigt auf, dass die Institutionen vor allem in Deutschland eine wichtige Rolle spielen und das sie voller Heuchelei stecken. Trotzdem ist sein Roman auch eine Mahnung an diese Generation. Böll verdeutlicht nämlich mit seinem Roman, dass viele Verbrecher, Parteimitglieder, aber auch andere von der Gesellschaft verachtende Personen, wie Leni eine ist, menschlich sein können. Diese Personen können nicht alle über einen Kamm geschert und angeprangert werden. Sie sind in vielerlei Hinsicht Opfer ihrer Erziehung, ihrer Umwelt, also der Gesellschaft.
Jedes Mal entdeckt der Leser hinter einem maßgeblichen Unmenschen einen Menschen mit Gefühlen. Mit seinen Roman zeigt Böll eine neue Dimension der Aufklärung auf. Den Menschen muss bewusst werden, dass die Fehler anderer oftmals auf die Gesellschaft zurückzuführen sind. Daher darf nicht ein einziger Mensch verstoßen werden, sondern die Gesellschaft muss mit der Hilf aller verändert werden. Dazu würden, dass zeigt der Roman ganz deutlich, eine größere soziale Gerechtigkeit und weniger Heuchelei beitragen.
Böll geht jedoch über die bloße Kritik hinaus. Er setzt der Oberflächlichkeit und Scheinmoral der Gesellschaft die menschliche Würde, die vor allem durch Leni repräsentiert wird, entgegen. Leni stellt sich gegen die Vorurteile der Gesellschaft. Sie lehnt gesellschaftliche Anpassung ab, so fern diese nicht menschlich ist. Aus diesem Grund hat sie ihr ganzes Leben lang mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Leni wird schon fast als Heilige beschrieben, weil an ihr alles echt und nichts Schein ist.
Die Menschlichkeit, dass zeigt Böll mit seinem Roman, kann siegen, aber nur wenn die Menschen ihre Vorurteile gegenüber Menschen wie Leni ablegen würden und selbst mehr „Sein" würden als „Schein".
Ich kann „Gruppenbild mit Dame" nur jedem wärmstens empfehlen. Dieser Roman besticht durch die meisterhaft konstruierte Ironie des Autors. Hier ist jeder, wirklich jeder Satz durchdacht. Jede Beschreibung, jede Szene ergibt einen Sinn. Für mich ist dies der Jahrhundertroman des 20. Jahrhundert.