Dies ist kein plüschig buntes Buch, mit dem sich ehemalige Fahrensleute wohl fühlen können. So wie die sicherlich schöne narrative Geschichte berühmter Kapitäne aus der Feder von Kapitän Rolf Reinemuth, die 1979 erschienen war. Nein, dies ist solide Wissenschaft und Feldforschung. Es ist eine Bremer Dissertation, die aus Forschungen resultiert, die von der Bremer Sozialhistorikerin Heide Gerstenberger angestossen wurde. Es gibt eine ähnliche Arbeit wie diese von Jan Markus Witt aus dem Jahre 2001, die vielleicht gefälliger daher kommt, aber Ulrich Welke hatte mit seinem Buch 1997 die Nase vorn. Es war, zumindest in Deutschland, die erste wissenschaftliche Studie, die auf der Basis umfangreichen Quellenmaterial und eigener Interviews die Stellung des Handelsschiffskapitäns untersucht. Das Quellenmaterial, das für jeden Sozialhistoriker eine Fundgrube ist, ist deshalb so reichhaltig, weil in der christlichen Seefahrt alles aufgeschrieben wird, vom Logbuch bis zur Seegerichtsverhandlung. Die Machtfülle des Kapitäns wächst im Laufe der Jahrhunderte, sie hat sicherlich ihren Höhepunkt im Industriezeitalter. Obgleich sie auch da schon ausgehöhlt wird, wenn die Reedereien beginnen, ihre Supercargos an Bord zu bringen. Was Joseph Conrad in "The Mirror of the Sea" über die Seefahrt gesagt hat, ist Teil einer Mythologiebildung eines Kampfes des Menschen gegen die Natur der Ozeane. Die harten ökonomischen Fakten blendet Conrad dabei aus, er ist Romanschriftsteller kein Soziologe. Aber dennoch kann man dieses Buch auch den Joseph Conrad Lesern empfehlen. Eigentlich ist es schade, dass es jetzt schon verramscht wird.