Grundkurs Sprachwissenschaft ist bereits die zweite Auflage aus dem Jahr 2009 und ist für 14,95 Euro im Klettverlag erschienen. Es handelt sich um ein Fachbuch zur Begleitung Studierender der Veranstaltung 'Einführung in die Sprachwissenschaft'.
Eingeteilt ist es auf 168 Seiten in die 13 Kapitel: 1 Gegenstand und Fragestellungen, 2 Geschichte und Variation, 3 Formale Grundlagen, 4 Phonetik, 5 Phonologie, 6 Graphematik, 7 Wortbildung, 8 Flexion, 9 Syntax I, 10 Syntax II, 11 Syntax III, 12 Semantik und 13 Pragmatik. Damit werden die wichtigsten Bereiche für die Einführung in die deutsche Linguistik in einer klassischen und sinnvollen Reihenfolge behandelt. Am Ende jedes Kapitels werden Fragen und Aufgaben gestellt, die allerdings nicht immer ideal gewählt sind. Die Zusatzbeschreibung Für Ihren sicheren Studienerfolg ist sicher optimistisch, aber passend gewählt, da das Buch eher zur Begleitung des Studiums gedacht ist und nicht als ein umfassendes Lehrwerk zum Nachschlagen von detailierten linguistischen Sachverhalten gesehen werden kann. Durch kleine Schaubilder, Hintergrundinformationen in gekennzeichneten Kästchen und den Tipp wird auf das Internet und auf weitere, ausführlichere Literatur, die zur tieferen Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema notwendig sind, verwiesen.
Da die Kapitel abgeschlossene Einheiten darstellen und sie sich meiner Meinung nach qualitativ unterscheiden, werde ich diese im Folgenden einzeln betrachten.
Durch ein prägnantes Vorwort und das erste Kapitel Gegenstand und Fragestellungen - in dem Lüdeling zum einen Ziel und Aufbau des Buches formuliert und zum anderen verschiedene Punkte wie Zeichensysteme oder Fremdsprachenerwerb und Deutsch als Fremdsprache vorstellt - ist ein spannender und unterhaltsamer Einstieg in die Thematik gelungen. Der Teilbereich Semiotik wird in der Einleitung besprochen und erhält kein eigenes Kapitel.
In Kapitel 2 Geschichte und Variation, werden in aller Kürze Stationen wie Althochdeutsch und Altsächsisch, Mittelhochdeutsch, Hochdeutsch und Niederdeutsch, Lautverschiebungen, Dialekte und Standarthochdeutsch erwähnt. Auf Seite 24 findet sich eine Übersichtskarte deutsche Dialekte. Allerdings ist diese zu klein und die Legende ist ohne Lupe kaum lesbar.
Zum Kennenlernen der in der Linguistik häufig verwendeten Sprache, Schreibweisen und Abkürzungen und zur Veranschaulichung der Herangehensweise an verschiedene Teilbereiche der Linguistik, wurde als drittes Kapitel Formale Grundlagen gewählt. Hier werden die überwiegend studentischen Leser bereits mit Fachtermini wie Phonem oder Suffix konfrontiert. Das Kapitel mag im ersten Moment den Anschein haben zu weit auszuholen, jedoch gibt es dadurch einen groben Überblick und bereitet auf das Lesen wissenschaftlicher Texte in Bereichen der Sprachwissenschaft vor.
Die Formulierungen und Erklärungen im vierten Kapitel, Phonetik, sind teilweise etwas umständlich. Dennoch sind die wesentlichen Inhalte strukturiert auf 10 Seiten zusammengefasst. Somit wird eine Brücke zum fünften Kapitel, Phonologie, geschlagen. Dieses besticht durch einen klaren Aufbau, präzise Definitionen und anschauliche Tabellen zu den Vokal' und Konsonantenphonemen des Deutschen. Unverständlich bleibt, warum für den Laut [e] als Aussprachebeispiel das Wort Serranoschinken (S.57) herangezogen wurde. Der Teil zur Phonotaktik und Silbe behandelt die Themen Silbenstruktur des Deutschen, die Sonoritätshierarchie und Silbifizierung und Ambisyllabizität.
Kapitel 6, Graphematik, gibt zunächst Einblick in graphematische Systeme allgemein und stellt die graphematischen Systeme des Englischen und des Türkischen vor. Das Hauptaugenmerk liegt aber auf der Wortschreibung im Deutschen. Es wird verständlich beschrieben, wie diese mit Hilfe des phonographischen, des silbischen und des morphologischen Prinzips realisiert wird.
Wortbildung ist der Gegenstand des siebten Kapitels. Was ist ein Wort? So lautet die zentrale Frage, zu deren Antwort man nicht auf einem einzigen Weg gelangen kann. Das Buch thematisiert diese Schwierigkeiten und fährt dann mit übersichtlichen Ausführungen zur konkatenativen Wortbildung fort, indem Komposition und Derivation vorgestellt und erläutert werden.
Kapitel 8 heißt Flexion. Hier wird das Verhalten von Wortformen bzw. Wortarten beschrieben und es wird in flektierbare und nichtflektierbare Wortarten unterteilt. Das Wort 'schnell' kann in bestimmten Kontexten sicherlich ein Adverb sein, ist aber meiner Ansicht nach kein geeignetes Beispiel für ein Adverb in einer Tabelle (siehe S.97). Auf der nächsten Seite findet sich eine Tabelle zu den Kasus im Deutschen. Dativ Plural von Haus ist Häusern! Die Erklärungsansätze sind frisch und innovativ, aber einige Beispiele sorgen doch für etwas Verwirrung in diesem wichtigen Kapitel.
Die drei folgenden Kapitel befassen sich mit dem linguistischen Teilbereich der Syntax, also mit der wissenschaftlichen Untersuchung von Form und Struktur der deutschen Sprache. Zunächst, im neunten Kapitel (Syntax I), wird die Konstituentengrammatik eingeführt, welche in der Einführungsveranstaltung oft umfangreich behandelt wird. Die verschiedenen Phrasen (Nominalphrase, Präpositionalphrase etc.) werden übersichtlich erklärt. Daraufhin wird das Stellungsfeldermodell besprochen, welches bereits die zentrale Rolle des Verbs in den Vordergrund stellt.
Mit dem sogenannten X'-Schema dringt das zehnte Kapitel, Syntax II, in tiefere Gefilde der generativen Grammatik vor. Die erwähnten Phrasen werden aufgegriffen und es wird - mit den für die Syntax typischen Strukturbäumen - zwischen Adjunkten und Argumenten unterschieden. Die Verben werden zunächst außen vor gelassen. Dabei handelt es sich um ein etwas abstrakteres Modell, welches Studierende des Faches Deutsch unbedingt kennen sollten und welches somit seine uneingeschränkte Berechtigung in diesem Buch hat.
Wie das Verb in diese Struktur mit einbezogen wird, beschreibt das elfte Kapitel, Syntax III, anhand von VerbletztSätzen. Mit weiteren Strukturbäumen und den begleitenden Beschreibungen hat man einen guten Einblick über diese Grammatik.
Eng mit der Philosophie verbunden ist die Semantik, die das zwölfte Kapitel des Buches erklärt, da die Bedeutungen von mehr oder weniger komplexen Ausdrücken betrachtet und bestimmt werden. Unterschieden wird hier zwischen Wortsemantik, bei der es um die Lesarten von Wörtern geht, kompositioneller Semantik, bei der Lesarten verbunden werden und Bedeutungsbeziehungen, bei welchen Lesarten in Beziehungen gesetzt werden (z.B. Synonymie. Antonymie). Das Kapitel ist ebenfalls gut strukturiert und die wesentlichen Inhalte für das Grundstudium sind enthalten.
Die aussagekräftigen Teilpunkte des dreizehnten und letzten Kapitels, Pragmatik, heißen handeln und Sprechen, Konversationsmaximen und Sprechakte. Sie untersuchen die Verwendung sprachlicher Äußerungen in einem bestimmten Kontext und verdeutlichen, dass die Semantik nur einen Teil der Information liefert. Es finden sich hier interessante Aspekte.
Als linguistisch interessierter Student, möchte ich sagen, dass ich mit dem Buch Grundkurs Sprachwissenschaft gut arbeiten konnte, da es ein handliches Format hat und die wichtigsten Inhalte behandelt. Auf jeder Seite stehen am Rand die wichtigsten Stichworte der jeweiligen Kapitel in blauer Farbe, was wirklich hilfreich ist um direkt den Text zu finden, der gerade benötigt wird. Die zahlreichen Tabellen und Grafiken sind überwiegend gut und übersichtlich. Die Texte sind modern und verständlich aber bei dem einen oder anderen Beispiel kommt die Frage auf, warum sich ausgerechnet für dieses Beispiel entschieden wurde. Es kam im Laufe des Semesters zu Verwirrungen, die aber auch der Tatsache geschuldet sind, dass es in der Linguistik nicht eine Wahrheit zu jedem Sachverhalt gibt. Zur Beantwortung speziellerer Fragen ist Grundkurs Sprachwissenschaft wie erwähnt nicht geeignet, da es alle Teildisziplinen sehr verkürzt bearbeitet. Als studienbegleitende Lektüre ist Grundkurs Sprachwissenschaft durchaus empfehlenswert.