In diesem "Grundkurs des Glaubens", erschienen 1976, wird das Ganze des Christentums neu durchdacht mit der unvergleichlichen denkerischen Dynamik, mit der gesammelten Lebenserfahrung und intellektuellen Redlichkeit des katholischen Theologen Karl Rahner, der wie kaum ein anderer die katholische Theologie des 20. Jahrhunderts beeinflusst hat.
Hier geht es nicht um theologische Einzelfragen, sondern um das Ganze des Christentums, zuinnerst verbunden mit dem Ganzen der menschlichen Existenz. Hier wird der christliche Glaube auf das Daseins- und Weltverständnis des heutigen Menschen hin ausgelegt. Karl Rahner sagt, was Christsein heute bedeutet. Er geht davon aus, dass es zwischen einem einfachen Katechismusglauben einerseits und dem Durchgang durch viele geisteswissenschaftliche Bereiche (Wissenschaftstheorie, Sprachphilosophie, Religionsgeschichte, Religionssoziologie, Religionsphilosophie, Fundamentaltheologie, Exegese und Bibeltheologie usw.) andererseits doch eine Rechtfertigung des christlichen Glaubens in intellektueller Redlichkeit gibt.
Es ist sehr schwierig Karl Rahner zusammenfassen zu wollen, da er zum einem eine sehr komplizierte Sprache verwendet und zum anderen wird diesem intellektuellem Theologen, der so gar nichts von einer Primitivtheologie hat, eine kurze Zusammenfassung nicht gerecht, unabhängig davon dass sie dem Leser, der dieses Buch noch nicht gelesen hat, sowieso nichts bringt.
Um es kurz zu sagen: Der Leser wird hier in neun Durchgängen durch die gesamte Lebens- und Weltdeutung geführt. Ausgehend vom Menschen und seiner heutigen existentiellen Situation, von seiner wesenhaften Hinneigung zum Transzendenten, die ihn zum "Hörer der Botschaft" macht (1.Gang), führt dieser Weg zum absoluten Geheimnis Gottes (2.Gang, die darin enthaltene Meditation über das Wort "Gott" kann ich nur jedem Atheisten ans Herz legen!), dem gegenüber sich der Mensch als ein Wesen radikaler Schuldbedrohtheit erkennt (3.Gang), ebenso aber auch die freie, vergebende Selbstmitteilung Gottes erfährt (4.Gang). Diese Beziehung zwischen Gott und Mensch ist geschichtlich vermittelt in der Heils- und Offenbarungsgeschichte (5.Gang). Im 6. Gang geht es um die Mitte des Christentums, um Jesus Christus, wobei hier der Leser in den umfassenden Entwurf einer Christologie eingeführt wird, die eingebettet ist in eine Gesamtschau des christlichen Lebens und in die personale Beziehung des einzelnen zu Jesus. Vom 7. bis zum 9. Gang wird die Frage behandelt, wie das Christentum in Welt und Geschichte existieren kann: Notwendigkeit und Grenzen der Kirche, das christliche Leben des einzelnen und die Vollendung des Menschen und der Geschichte in der Eschatologie sind hier die Themen. In dem Epilog werden drei heute mögliche Kurzformeln des Glaubens vorgestellt.
Mann muss sich auf Karl Rahner einlassen wollen, ohne diesen Willen wird man einige Probleme kriegen. Denn obwohl Rahner im Gegensatz zu so vielen anderen Primitivtheologen nicht auf der Stufe einer Vulgärtheologie stehen bleibt (so trat Rahner auch aus der Internationalen Theologenkommission aus und stellte fest: "Ich bin ja hier der Hofnarr... die lassen mich reden, aber hören nicht zu"), sondern beherzt und furchtlos in den Dialog mit der Moderne tritt und sich auf einer Ebene bewegt, die er selbst die "erste Reflexionsstufe" nennt, überzeugt davon, dass ein Mensch heute intellektuell redlich seinen Glauben leben kann und muss, ohne das Ganze des Christseins in einer wissenschaftlich adäquaten Weise durchdrungen zu haben, so kann man ihn dennoch nicht auf eine Stufe mit den kritischen und deswegen natürlich populären katholischen Theologen wie einem Hans Küng, einem Eugen Drewermann oder einer Uta Ranke-Heinemann stellen, die sich in ihrer wissenschaftlichen und persönlichen Laufbahn immer mehr von einer dogmatischen Theologie und der katholischen Kirche entfernt oder zumindest distanziert haben. Karl Rahner als Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte hinterfragt weder die katholische Kirche als Institution noch die Dogmen, die in keiner legitimen Relation zum Urchristentum stehen. Und hier haben wir das wichtigste, methodologische Problem in der Theologie von Karl Rahner, worauf Küng hingewiesen hat: den "Mangel an konsequent-historischem Denken" und "an historisch-kritischer Exegese". Auffallend ist dieser Mangel, als er sich im 6. Gang mit Jesus Christus, dem schlechthin Christlichen des Christentums, beschäftigt.
In diesem Werk tritt also ein Glaubensdenken zutage, das sich zwar in prinzipieller Offenheit für die Fragen der Zeit bewegt zugleich aber in Treue und Ehrfurcht zur katholischen Tradition steht. Das spricht zwar nicht gegen Rahner, dadurch verliert aber die Theologie von Rahner, trotz ihrer Bedeutung für die gesamte moderne katholische Theologie, die breite Leserschaft, die sie ohne Zweifel aber verdienen würde. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die Theologie von Karl Rahner zwischen den beiden Extrempositionen, zwischen einer fundamentalistischen und dogmatischen Theologie einerseits und einer extrem kirchenfeindlichen Theologie, die alle Glaubensinhalte und Kirchenstrukturen hinterfragt andererseits, vermitteln könnte. Denn selbst ein Karl Rahner, der seiner Kirche ein ganzes Leben lang treu blieb, findet in seinem Epilog ein paar kritische Worte an die Christen, die in ihrer "religiösen Praxis sehr leicht zu viel Wert auf bloß Sekundäres" legen. Der Christ von heute hat aber gegenüber dem modernen Unglauben die Aufgabe, die christliche Botschaft zu bezeugen, in der diese verständlich wird für den Menschen von heute. Auch dies setzt eine Scheidung des Wesentlichen von allem Sekundären voraus: "Denn sonst kann ein moderner "Heide" dieses Wesen des Christentums nicht von dem oft wenig einladenden und abstoßenden (!) Erscheinungsbild der Kirche (in Predigt, religiöser Praxis, gesellschaftlichen Verhältnissen usw.) unterscheiden, und er überträgt dann seinen - teilweise berechtigten - Widerstand gegen die Christen und das Christentum selbst. Die christliche Botschaft muß also so sein, daß sie deutlich Christen und konkretes Christentum selbst kritisiert."
Auch spricht Karl Rahner im Gegensatz zu den gegenwärtigen Dokumenten aus dem Vatikan (man denke zum Beispiel an das religiös arrogante Dokument "Dominus Iesus", indem es heißt, dass die evangelische Kirche keine Kirche sei) von einer positiven Bedeutung evangelischen Christentums auch für die katholische Kirche, dem die katholische Kirche der Neuzeit sehr viel verdankt und macht auch darauf aufmerksam, "dass das, was uns im Bekenntnis einigt, fundamentaler, entscheidender, heilsbedeutsamer ist als das, was uns trennt."
Der "Grundkurs des Glaubens" von Rahner ist neben dem 1968 erschienen Buch "Einführung in das Christentum" vom damaligen Theologieprofessor Joseph Ratzinger und vor allem neben dem 1974 erschienen theologischem Klassiker "Christ sein" von Hans Küng ein faszinierendes Plädoyer, wie man in einer säkularen, modernen Gesellschaft redlicherweise Christ sein kann. Denn darin sich die drei bedeutenden katholischen Theologen einig: Christ sein bedeutet vor allem Mensch sein.