Ein kompaktes und brauchbares Einführungswerk liefert Wolfgang Lienemann mit seiner "Grundinformation Theologische Ethik." Lienemann entfaltet einen dezidiert theologischen Standpunkt. Er selbst beschreibt sein Buch als "unzeitgemäß-positionell" (13), "streitbar und provozierend" (10). Eine Besonderheit ist, dass Lienemann in seiner Theologischen Ethik nicht von der Anthropologie, sondern von der Ekklesiologie ausgeht (225 272). Im Blick ist eher eine gemeinschaftlich-kirchliche Ethik als eine christliche Individualethik. Konsequent verweist der Verfasser immer wieder sowohl auf die weltweite Ökumene als auch auf die plurale "Weltgesellschaft" (31). [1: Vgl. z. B. a. a. O., 29 31.50.55.165 und vor allem Teil III (204 319).] Die Leitfrage ist, wie sich Ethik in einer weltweit-überkonfessionellen kirchlichen Gemeinschaft konkretisiert.
Lienemann beschäftigt sich überdies mit ethischen Grundlagenfragen im Gegenüber zu "philosophische[n] und juristische[n] Gesprächspartner[n]" (10, "Streit der Fakultäten"). Die theologische Art und Weise, an ethische Probleme heranzugehen, soll für die Gesprächspartner eindeutig nachvollziehbar sein. Theologische Ethik muss in ihrer spezifisch theologischen Argumentation erkennbar sein (10), damit "Zeugnis und Dienst der Kirche global öffentlich wirksam werden" (245).
Folglich sollen drei Ziele im Buch beachtet werden: erstens "eine interreligiöse Verständigung über ethische Fragen in einer religiös pluralen Gesellschaft", zweitens "der - streitbare - Dialog mit einer nicht religiös oder weltanschaulich gebundenen Philosophie" und schließlich eine Auseinandersetzung mit der römisch-katholischen Soziallehre und Moraltheologie "im Dienst einer weiter zu vertiefenden ökumenischen Verständigung" (13).
Das Buch ist sodann in drei Teile (Grundlagen, Gegensätze, Vermittlungen) gegliedert. Im ersten Teil führt Lienemann in die Grundbegriffe der (Theologischen) Ethik ein. Hier werden grundlegende Themen wie z.B. "Natur" (42 49), "Freiheit" und "Vernunft" (I.3 und I.4) behandelt. Im zweiten Teil wird das Verhältnis zur Philosophie eingehend beleuchtet. Hier werden die gängigsten Ethikkonzeptionen vorgestellt (II.1) und antike Ethik betrachtet (II.2). Außerdem wird die Theologische Ethik einer philosophischen Kritik unterzogen (II.3), die Autorität der Bibel (II.4) und das Verhältnis "Evangelium und Gesetz" diskutiert (II.5). Im dritten Teil geht es Lienemann um die "Kommunikation ethischer Fragen in der pluralistischen Gesellschaft" (204). Hier spezifiziert er den ekklesiologischen Ansatz (III.2) und spitzt ihn auf die Frage des "Zeugnisses" in der Öffentlichkeit zu (III.3). Zudem werden Fragen des Religionsverfassungsrechtes (III.1) sowie die römisch-katholische Sicht von Kirche und Ethos (III.4) behandelt.
In Anlehnung an Karl Barths Definition von Dogmatik [2: Vgl. Barth, Karl: KD I/1, 1.] beschreibt Lienemann Theologische Ethik als "wissenschaftliche Selbstprüfung der christlichen Kirche hinsichtlich des Inhalts der ihr eigentümlichen Rede von Gott" (51). Seine Ethik setzt die "Wirklichkeit Gottes" (49.55) sowie die Wirklichkeit des Offenbarungsgeschehens in Jesus Christus (59) voraus. [3: Dennoch bestimmt Lienemann das Verhältnis von Dogmatik und Ethik nicht hierarchisch ("Dogmatik als Ethik", vgl. Barth, Karl: KD I/2, 875), sondern komplementär (68-76).] Des Weiteren profitiert das Buch von Lienemanns profunder Kenntnis Immanuel Kants, die sich an verschiedenen Stellen des Buchs niederschlägt (36 38.107 110.118 123.54 61).
Lienemann schreibt eindeutig und bisweilen provokant. Das Kapitel "Ethos und Bekenntnis" (259 272) etwa wirft ein bemerkenswertes Schlaglicht auf eine sich in der öffentlichen Debatte vorfindliche Theologische Ethik. Der Verweis auf den Bekenntnisfall ("status confessionis", 262 267) zieht die Frage mit sich: Steht in einer ethischen Entscheidung das "gesamte[...] Gottes- und Selbstverständnis auf dem Spiel" (259)?
Der entscheidende Zusammenhang, in dem kirchliches Bekennen heute herausgefordert wird, ist nach Lienemann die Frage nach dem "uneingeschränkten Schutz menschlichen Lebens" (269). Hier beklagt er auf protestantischer Seite die Uneinheitlichkeit "zwischen der Mehrheit der evangelischen Kirchenleitungen und Synoden einerseits, der Mehrheit der sich als liberal verstehenden Universitätstheologen andererseits" (270). Von dem universal-ökumenischen Standpunkt Lienemanns ausgehend ist diese Kritik an der protestantischen Heterogenität im Verhältnis zu anderen Kirchen geradezu notwendig. [4: Lienemann betont, dass ethische Urteilsfindung sich "der Tragfähigkeit ihrer Überzeugungen im ökumenischen Horizont zu versichern" hat (55).] Lienemann mahnt deshalb die Überfälligkeit einer "einmütigen kirchlichen Stellungnahme" (271) an. Sein ekklesiologischer Ansatz zeigt sich insbesondere für die Frage nach dem Bekenntnis zum uneingeschränkten Lebensschutz als zielführend.
Ein Vorzug Lienemanns ist seine knappe Ausdrucksweise. Die Kapitel und Abschnitte sind kurz und sinnvoll gegliedert. Besonders erleichtern aber die thesenartigen (kursiv eingerückten) Zusammenfassungen vor jedem Abschnitt ein schnelles Lesen und Verstehen. Daher ist die Grundinformation sowohl für den Einstieg ins Ethikstudium als auch zur Bündelung des Studiums in der Examensvorbereitung gut geeignet. Die eindeutige Positionierung des Entwurfs erscheint mir besonders im Hinblick auf zu schreibende Seminararbeiten hilfreich und weiterführend. Hier helfen auch die vielen Literaturhinweise in den Fußnoten. Da sich das Buch gründlich mit Kant und anderen philosophischen Ethikkonzeptionen auseinandersetzt, ist es auch als Ergänzung bei der Vorbereitung auf eine Philosophicumsprüfung ideal.
Zwar erklärt Lienemann nicht alle Begriffe und man muss wohl (besonders als Studienanfänger) gelegentlich zum Wörterbuch oder Lexikon greifen. [5: Lienemann erklärt z.B. den "naturalistischen Fehlschluss" nicht (43), verweist aber auf den vier Seiten kurzen Artikel im "Handbuch Ethik" (Marcus Düwell u.a. (Hg.), 2002).] Die große Stärke aber ist der pointierte Zugang zu den wichtigen Problemfeldern einer Theologischen Ethik der Gegenwart. Vor allem, dass die plurale Weltgesellschaft und die weltweite Ökumene in den Blick geraten, ist ein entscheidender Vorzug gegenüber anderen Ethiklehrbüchern. [6: Vgl. im Gegensatz dazu meine Rezension zu Fischer u.a., Grundkurs Ethik in derselben Ausgabe des ichthys, 124-126]
Christof Viktor Meißner
ichthys 27 (2011), 110-112