Ich sah mir diese vierteilige Serie mit einer Zeitzeugin(Jahrgang 1922) an, die mir
bestätigte, daß die damalige Stimmung praktisch unverfälscht dargestellt wird, sie
sich sehr gut mit der Handlung selbst identifizieren konnte, eigene Erinnerungen an
diese Zeit zu neuem Leben erweckt wurde. Eine Zeit, wie sie heute sagt, sich niemals wieder wünschen möge.
Im Gegensatz zu anderen geschichtlichen Filmen wird nach jeder ausgestrahlten
Sendung eine Diskussionsrunde zwischen Jugendlichen und Zeitzeugen zwischenge-
schaltet. In meinen Augen eine vortreffliche Idee. Nur: Vielfach bleiben Fragen
im Raum stehen, oder gehen im Geschwafel unter, sodaß die Ergebnisse der vier
Diskussionsrunden nicht voll befriedigen. In meinen Augen hätte auch eine ein-
malige Diskussionsrunde nach Ausstrahlung aller 4 Folgen völlig ausgereicht.
Warum sollte man sich mit diesem Thema beschäftigen? Heute heißt es doch nur: Wie konnte man sich damals nur so einfangen lassen? Eine Frage, die in den Dis-kussionsrunden nur bruchstückhaft beantwortet wird. Einige jugendliche Teil-
nehmer gaben sogar zu, daß sie wahrscheinlich auch mitgemacht hätten, was sie
allerdings nicht unbedingt überzeugend zu begründen vermögen. Fakt ist ja, daß
sie auch nicht in dieser Zeit gelebt und vor allem herangewachsen sind. Auch
wäre es wohl vermessen, die Zeitzeugen ihres damaligen Handelns "anzuklagen",
denn dazu muß man sich wohl die Ausgangssituation im Jahre 1933 verdeutlichen:
Die Schmach des 1. Weltkrieges beherrschte noch immer das allgemeine Denken,
dazu gesellte sich die Weltwirtschaftskrise. An der Spitze des Staates stand
ein Mann, der kein Demokratieverständnis besaß und innerlich froh war, daß
plötzlich der "Spuk von Weimar" ein Ende fand. Mit unserer heutigen Verfassung
wäre das wohl nicht so einfach möglich gewesen(zumindest daraus haben wir eine
Lehre gezogen). Ab 1933 war man plötzlich wieder wer. Ein neues Zukunftsselbst-
bewußtsein wurde geboren, wobei man mehr oder weniger über die dunklen Seiten
des neuen Systems hinweg sah, sofern man sich derer überhaupt richtig bewußt
war, oder werden konnte. Meine Zeitzeugin - aufgewachsen in einer Kleinstadt -
hat sich von den Grausamkeiten des Dritten Reiches erst nach 1945 einen voll-
kommenen Überblick verschaffen können. Und so ging es wohl vielen Deutschen in
diesen 12 Jahren .... Auch diesen Eindruck vermittelt dieser Vierteiler!
Erschreckend allerdings, daß sich auch in diesem Film die Paralellen zur nach-
folgenden DDR-Epoche mehr als sehr deutlich widerspiegeln. Die Denunzierungs-
szene Vater - Sohn im 3. Teil(1938) kann man fast in gleicher Szenerie im
Film "Durchbruch" von 1963(DDR 1961) nochmals miterleben. Zumindest in der
damaligen DDR erlebte der Grundgedanke - wenn auch unter anderen Idealen -
leider eine Fortsetzung, was man im Vergleich noch ebenso eindrucksvoll dokumentieren könnte, beispielsweise in einer dokumentarischen Gegenüberstellung mit dem 1992 veröffentlichten Film über die DDR-Jugend: "Kinder-Kader-Kommandeure".
Die Bilder gleichen sich fast!
"Blut und Ehre" wurde 1981 produziert. Also zu einer Zeit, wo man noch den
Vergleich Drittes Reich und DDR scheute(oder scheuen mußte?), denn sobald
einmal das Wort DDR in der Diskussionsrunde angesprochen wurde, wurde auch
sogleich abgeblockt. Aus heutiger Sicht wohl mehr als sehr verständlich.
Aus diesem Vierteiler sollte man Lehren ziehen, daß sich solch eine Zeit,
die der individuellen Entwicklung des Einzelnen keinen Raum zuerkennt, sich
dazu noch anmaßt etwas Besseres als Andere zu sein, niemals wiederholen darf!
Somit kann man sich diesen Film, insbesondere als Jugendlicher, nicht oft ge-
nug ansehen und daraus Lehren für sein eigenes gesellschaftliches Handeln
ziehen. In meinen Augen ist der Film "Blut und Ehre" ein Mußprogramm!