Das Oberhaupt einer großen Familie ist gestorben, Edith Karmann, 93. Wie wohl bei vielen Beerdigungen wurden auch auf dieser Reden gehalten, die den verstorbenen Menschen in die Nähe eines Heiligen rückten. Nun sitzen die Hinterbliebenen in einem Gasthaus beim Leichenschmaus.
Oft fragt man sich ja bei solchen Gelegenheiten, was wohl die nächsten Angehörigen von diesen posthumen Lobeshymnen halten mögen. Sie haben den Verstorbenen schließlich mit all seinen Fehlern und Schwächen gekannt. In diesem Buch erfahren wir es. Christine Welsh schaut den Hinterbliebenen quasi in die Köpfe und lässt uns an deren geheimsten Gedanken teilhaben. Manch ein Abschiednehmen gerät unversehens zur gnadenlosen Abrechnung mit der Verstorbenen und der ganzen Verwandtschaft.
DIE TÖCHTER: STEFANIE (72) UND FRIEDRIKE(69)
Die wichtigste Bezugsperson für die Mädchen war die Mutter - die beide zurückwies. Stefanie war ihr zu brav und zu angepasst, und mit der intelligenten aber unscheinbaren Friederike konnte sie ebenso wenig anfangen. Stefanie bringt es auf den Punkt: "Ja, Edith, es muss einmal gesagt werden, nach all den Lobeshymnen: Als Mutter warst du eine Katastrophe!" (S. 145)
DIE SCHWIEGERSÖHNE: F.T. (75) UND EBERHARD (73)
F.T.s Ehe mit Stefanie besteht nur noch auf dem Papier. Zur Beerdigung der Schwiegermutter ist er gekommen, weil er sie gemocht hat. "Sie war die einzige, die mich nicht als Trottel behandelt hat, weil ich keine so genannte humanistische Bildung hatte." (S. 99) - Eberhard, Friederikes Mann, nutzt den Leichenschmaus für eine persönliche Lebensbilanz. Aufgewachsen in einer freudlosen Familie, schätzte Eberhard an seiner Schwiegermutter die Lebensfreude und ihren Sinn für Humor
MARIE (81), HAUSHÄLTERIN MIT FAMILIENANSCHLUSS
Für Marie wird der Tod ihrer Arbeitgeberin und Freundin Edith zur existenziellen Frage. Für einen Hungerlohn hat sie seit ihrer Teenagerzeit für Ediths Familie gearbeitet. Erst in den letzten 10 Arbeitsjahren wurde sie offiziell angemeldet, was nach 65 Jahren treuer Dienste nicht einmal für die Mindestrente reicht. Ob Edith ein Testament gemacht und Vorkehrungen für Maries Alterssicherung getroffen hat? Marie glaubt nicht daran.
DIE URENKEL: DAVID (20) UND PATRICIA (21)
Auch das Verhältnis zu Edith Karmanns Enkeln war nicht entspannt. Familienähnlichkeit und Zuneigung haben bei der Familie offenbar zwei Generationen übersprungen. Die Urenkel David und Patricia sind Nachkommen ganz nach dem Herzen von Uroma Edith: gut aussehend, intelligent, charmant, charismatisch und auch auf dem besten Weg, beruflich erfolgreich zu werden.
Mit Patricia und David fühlte Edith sich mehr verwandt als mit sonst jemandem aus der Familie.
Mit erschreckender Klarheit durchschaut der junge David seine Verwandtschaft. Und er ahnt auch, dass seine 'Ditta-Oma' eine Frau mit vielen Gesichtern war: "Nimmt man Abschied von einem Menschen oder einem Bild? Meine Ditta haben die anderen hier alle nicht gekannt." (S. 23) Urenkelin Patricia kommt zu ganz ähnlichen Schlüssen, was die Familie angeht. Und die Uroma, die große Manipulatorin, die alte Anarchistin, mit der man so herrlich über die Familie lästern konnte, wird ihr fehlen.
FREUNDE UND BEKANNTE
Eine besondere Rolle kommt einem guten Bekannten der Verstorbenen zu, Alfred Schreiber, 91. Ihn hat Edith Karmann beauftragt, den Hinterbliebenen schon beim Leichenschmaus einen Ausblick auf die Testamentseröffnung zu geben. Diese "Botschaft aus dem Jenseits" ist für manch einen ein Schock - und setzt dramatische Ereignisse in Gang '
VOM WESEN DER FAMILIENBANDE
Es hat etwas von gehässigem Familienklatsch, wenn man hier die geheimsten Gedanken der einzelnen Familienmitglieder erfährt. Deswegen hat man auch so ein diebisches Vergnügen an all diesen Enthüllungen. Doch jenseits von Neugier und Indiskretion stellen sich ganz andere Fragen: die nach Persönlichkeit, Rollen und Identität.
Jeder kannte eine andere Edith Karmann. Waren das nur die ganz normalen Facetten eines Charakters und jeder Mensch bekam, je nach der Beziehung, in der zur Verstorbenen stand, ein anderes Stückchen zu davon sehen? Oder blieb ihre wahre Persönlichkeit den Blicken der anderen verborgen? Zeigte sie nur, was ihr nützlich erschien, um ihre Mitmenschen zu manipulieren? Wer hat wohl das Bild zu sehen bekommen, das der authentischen Persönlichkeit Edith Karmanns am nächsten kam? War sie besonders schillernd, falsch und wankelmütig, wie Marie vermutet, oder sind wir alle eine Summe widersprüchlicher Rollen und Eigenschaften?
Interessant ist auch die Frage, über wie viel Generationen einer Familie sich der Einfluss einer so dominanten Persönlichkeit wie Edith Karmann erstreckt. Ihre Töchter leiden ein Leben lang darunter, den Ansprüchen der Mütter nicht genügt zu haben. Deren Partner und Kinder wiederum leiden daran, dass ihre Frauen und Mütter sich unzulänglich, ungeliebt und zurückgewiesen fühlten und im Schatten ihrer charismatischen Muttter nie genügend Sonne bekommen haben. Erst die Urenkel scheinen diese Leidenskette durchbrechen zu können. Weil der Einfluss von Edith Karmann über die Generationen nachlässt, oder weil ihre starke Persönlichkeit bei den Urenkeln wieder durchschlägt? David und Patricia sind vielleicht die ersten, die in Edith Karmanns Fußstapfen treten können, und denen "Großmutters Schuhe" nicht viel zu groß sind.
"Großmutters Schuhe" ist ein Familienporträt mit komischen und tragischen Momenten, unterhaltsam, eigenwillig und lebensnah ' eine illusionslose Offenlegung der Beziehungen innerhalb eines Familienclans, eine knallharte Bestandaufnahme all dessen, was eine Familie ausmacht - im Guten wie im Schrecklichen.
Wer befürchtet, sich beim Lesen in dem komplexen Beziehungsgeflecht verirren zu können: Unter der vorderen Klappe des Buchs ist ein übersichtlicher Stammbaum verborgen, den man zwischendurch schnell mal zu Rate ziehen kann.