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Produktinformation
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Aber auch Irenes Großmama ist anders als ihre Brüder und Schwestern. Otto badete immer nackt, aber ich sollte die Unterhose anbehalten, damit man nichts sah. Ich zog sie trotzdem aus, heißt es in Irene Disches unglaublich komischen, aber auch traurig-schönen Roman. Meine Schwestern waren immer schon nach fünf Minuten wieder aus dem Beichtstuhl. Ich nicht. So geht es weiter in Großmama packt aus, ein Buch über die unkeusche Katholikin Elisabeth Rother aus dem Rheinland, die wirklich viel zu beichten hat. Und dabei munter drauflos plappert, über den lieben Gott, Juden und Nazis, und vor allem über ihre eigene Familie, mit allen Vorurteilen, die ihr in die Wiege gelegt worden sind. Wie Dische es trotzdem schafft, dass einem diese Frau doch so sehr ans Herz wächst, ist schon ein kleines Meisterstück.
Dass Irene Dische im klassischen Sinn gut erzählen kann, das hat sie mit Büchern wie dem Überraschungsbestseller Fromme Lügen (1989), Der Doktor braucht ein Heim (1990), Ein fremdes Gefühl (1993) oder Ein Job (2000) hinlänglich bewiesen. Dass sie mit Großmama packt aus -- einer stark autobiographisch angehauchten Geschichte -- sogar noch besser hätte werden können, konnte keiner erwarten. So aber ist es tatsächlich. Großmama packt aus ist bunt wie das Leben. Und hat vielleicht sogar das Zeug, zu einem kleinen Klassiker zu werden. --Stefan Kellerer
Spieldauer: ca. 606 Minuten, 8 CDs, gekürzte Lesung -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Zum Inhalt: Großmama, eine streng katholische Bürgerstochter, heiratet Ende der zwanziger Jahre einen jüdischen Arzt aus Oberschlesien. Er konvertiert, bleibt aber für die Nationalsozialisten Jude. Er operiert, sterilisiert Kleinkriminelle und geistig Behinderte. Als er einmal eine Scheinoperation vornimmt, denunziert ihn die assistierende Krankenschwester, die ausgerechnet die beste Freundin von seiner Frau ist. Er begreift eigentlich nicht recht, was um ihn herum alles passiert, was die Massenmörder in Berlin vorhaben. Immer das gleiche alte Thema, die Fassungslosigkeit der Verfolgten angesichts der Verfolger. Großmama drängt ihn resolut zur Emigration nach Amerika. Ihr Bruder, der als Reichsrichter Karriere bei den Nazis gemacht hat, will verhindern, dass sie ihrem Mann nach Amerika folgt. Doch dann gelingt es ihr schließlich doch ein Schiff zu besteigen und mit ihrer Tochter nach Amerika zu entfliehen. Es folgt die Geschichte der Assimilation in Amerika. Die Tochter wird Leichenbeschauerin in New York, heiratet drei Mal nacheinander einen Juden. Der Vater verdrängt seine Herkunft, verdrängt seine ermordete Familie, will seinen einzigen Bruder nicht sehen, sagt, ich habe einen amerikanischen rhetorischen Freund, ich brauche keinen Bruder. Dieses Verdrängen hat sich fortgesetzt in der Tochter und der Enkeltochter, die Reisen macht, sich Todesdrohungen aussetzt, weil sie in Wahrheit eigentlich selber erst leben kann, nachdem sie überlebt hat.
Die Haushälterin Liesel, die der Familie überall hin folgt, ist eigentlich die großartigste Figur in dem ganzen Buch. Es sind übrigens ganz starke Frauen und ganz schwache Männer. Wobei Großmama voller Vorurteile gegenüber den Nazis ist, voller Aversion gegenüber Sex. Sie ist eine hochnäsige, blasierte, dünkelhafte Person, aber doch auch sehr authentische Person, die bei aller Verzweiflung und Trauer nach links und rechts austeilen kann, dass einem die Luft wegbleibt. Sie ist aber trotz allem auch recht amüsant und komisch. Bemerkenswert wie der Autorin die Gradwanderung gelingt, denn dieses Amüsement findet ja schließlich vor dem Hintergrund von Auschwitz statt.
Das Buch ist ein Doppelporträt von Zeit und Frau, das uns einerseits den Nationalsozialismus facettenreich zeigt, andererseits zeigt wie all dies von Großmama verarbeitet wird.
Das Buch ist so unglaublich rasant geschrieben, wobei sicher der erste Teil, der unter der unmittelbaren Bedrohung geschrieben ist, der stärkste ist. Die Autorin lebt von einer Stofffülle die frappierend und faszinierend ist, und obwohl es ja vornehmlich um Trauer und Verzweiflung geht, wird dies bewusst recht bedeckt unter der Decke gehalten.
Ein grandioses Buch, weil es eine maliziös einfühlsame Liebeserklärung der Autorin sowohl an ihre Mutter wie auch an ihre Großmutter ist. Große Literatur, unverständlich für mich, dass die Kritik nicht ganz so lobenswert mit dem Buch umgegangen ist.
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