Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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46 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Geheult wird, wenn der Kopf ab ist!, 24. August 2006
Was auch immer sich der Leser unter dem Titel "Großmama packt aus" vorstellen mag -- die Lektüre wird ihn doch überraschen! Denn Irene Dische ist ein ganz ungewöhnlicher autobiographischer Bericht gelungen, in dem sie ihre Großmutter literarisch wieder auferstehen lässt und die Familiengeschichte aus ihrer Sicht erzählt.
Diese Großmutter, aus dem rheinischen Niederadel stammend, hatte stets ihren eigenen Kopf! Sie schert sich nicht um gesellschaftliche Konventionen und heiratet ihre große Liebe, den jüdischen, ihr zuliebe konvertierten Chirurgen Carl Rother und folgt ihm in die schlesische Provinz. Dort freilich führt sie ihr distinguiertes Leben weiter, bis die Nazis ihrem Mann so zusetzen, das er schließlich in die Staaten auswandert. Sie selber folgt nach dem Abitur ihrer Tochter Renate und es gelingt der Familie, wieder eine neue Existenz aufzubauen. Renate hat den Dickschädel ihrer Mutter geerbt, heiratet ebenfalls unstandesgemäß und bekommt ihrerseits zwei Kinder, eines davon ist Irene. Die steht ihren weiblichen Vorfahren in Eigensinn nichts nach und macht es damit ihrer noch immer urkatholischen und preußisch korrekten Großmama schwer!
Irene Dische hat in diesem Buch sehr gut die Mentalität der heutigen Urgroßmutter-Generation, die das ganze zwanzigste Jahrhundert durchlebt und durchlitten hat, eingefangen. Sie paart Mutterwitz mit einem ganz eigenen Pragmatismus, der Durchhaltewillen und die Eigenschaft, aus nichts etwas zu machen verbindet. Getreu der Devise "Geheult wird, wenn der Kopf ab ist" geht die Oma in jeder Beziehung beherzt und wenig zimperlich mit den großen und kleinen Schwierigkeiten des Lebens um. Manchmal bleibt das Lachen wirklich im Halse stecken und doch ist diese Elisabeth Rother so eine starke literarische Figur, dass man sie beim Lesen nicht nur vor Augen hat sondern auch so schnell nicht vergessen wird!
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21 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die Langeweile kann einpacken, 7. Oktober 2007
Es ist ein großartig unterhaltender Roman, den Irene Dische unter dem Titel ,Großmama packt aus' hier vorstellt. Der Titel ist Programm. Was kann eine Großmutter nicht alles aus dem Nähkästchen plaudern über dunkle Familiengeheimnisse, Großvaters kleine Leidenschaften und der grenzenlosen Disziplinlosigkeit des Enkelkindes, das übrigens Irene Dische heißt, im Roman aber nur eine Nebenrolle einnimmt!
In einem drei Generationen überspannenden Roman erzählt die Großmutter frei von der Schnauze weg die Geschichte ihrer Familie. Es ist eine Familienchronik in dunklen Zeiten, aber mit Heiterkeit und Altfrauenweisheit erzählt. Es ist die Geschichte eines verschwundenen Europas, mit all seinen verstockten und liebenswerten Formen, all seinen Vorurteilen und seinem Gräuel, aber auch die Geschichte eines so vollkommen anderen und dabei so ähnlichen Amerikas. Es ist eine Familiengeschichte aus dem 20. Jahrhundert.
Sie beginnt in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus. Die erzählende Großmutter, eine geborene Gierlich aus streng katholischem Hause, gutes gehobenes Bürgertum, ist mit dem Chirurgen Carl Rother, einem Juden, verheiratet. Mit latenter Ironie und Witz erzählt Großmama von den schrecklichen Jahren im Nazideutschland in einem großbürgerlichen Ton, der sich die althergebrachte Opferhaltung verbittet. Die Familie reist letztendlich mit ihrer einzigen Tochter Renate nach Amerika aus. Dort beginnt ein neues Leben, das weiterhin in der oberen Gesellschaftsschicht angesiedelt ist. Renate lernt den schrecklichen Dische kennen, heiratet ihn und zeugt mit ihm die völlig verzogene Enkeltochter Irene. Deren Geschichte wird bis in die 80er Jahre erzählt, wobei die wilden Zeiten der 60er-Revolte besonders lesenswert sind, beschreiben sie doch aus der Perspektive der Oma eine an den Wahnsinn grenzende Entgrenzung, in der alle Werte, die Familie, Tradition und Kultur ausmachen, aufgehoben scheinen.
Es ist eine vollkommen tragische Geschichte, die aber an Komik kaum zu überbieten ist. Es ist die ganz normale Familienkatastrophe, zu der die historischen Verwerfungen nur die Hintergrundsmusik spielen. Ein überaus lesenswerter Genuss.
Thomas Reuter
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55 von 60 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die ganz besondere Art, eine Autobiographie zu schreiben, 5. Dezember 2005
Irene Dische hat 1989 mit ihrem Erzählband Fromme Lügen für erhebliches Aufsehen gesorgt. es folgten Erzählungen, Romane, Kinderbücher. Und jetzt, in so jungen Jahren, versucht sie sich an ihrer Autobiografie. Ein riskantes Unterfangen, wenn sie sich nicht einen genialen Trick ausgedacht hätte, denn sie lässt ihre Großmutter aus dem Jenseits sprechen. Und das heißt, diese Großmutter muss niemals einen literarischen Satz sprechen, die Autorin kann sich hinter der Großmutter verstecken, die kann sagen was sie will, muss niemals politisch korrekt sein. Und Großmama tut das in einem rasanten, frechen, schnellen, amüsanten Schnodder Ton, mit einer unbedeckten Nüchternheit und gezielten Ungehörigkeit,Zum Inhalt: Großmama, eine streng katholische Bürgerstochter, heiratet Ende der zwanziger Jahre einen jüdischen Arzt aus Oberschlesien. Er konvertiert, bleibt aber für die Nationalsozialisten Jude. Er operiert, sterilisiert Kleinkriminelle und geistig Behinderte. Als er einmal eine Scheinoperation vornimmt, denunziert ihn die assistierende Krankenschwester, die ausgerechnet die beste Freundin von seiner Frau ist. Er begreift eigentlich nicht recht, was um ihn herum alles passiert, was die Massenmörder in Berlin vorhaben. Immer das gleiche alte Thema, die Fassungslosigkeit der Verfolgten angesichts der Verfolger. Großmama drängt ihn resolut zur Emigration nach Amerika. Ihr Bruder, der als Reichsrichter Karriere bei den Nazis gemacht hat, will verhindern, dass sie ihrem Mann nach Amerika folgt. Doch dann gelingt es ihr schließlich doch ein Schiff zu besteigen und mit ihrer Tochter nach Amerika zu entfliehen. Es folgt die Geschichte der Assimilation in Amerika. Die Tochter wird Leichenbeschauerin in New York, heiratet drei Mal nacheinander einen Juden. Der Vater verdrängt seine Herkunft, verdrängt seine ermordete Familie, will seinen einzigen Bruder nicht sehen, sagt, ich habe einen amerikanischen rhetorischen Freund, ich brauche keinen Bruder. Dieses Verdrängen hat sich fortgesetzt in der Tochter und der Enkeltochter, die Reisen macht, sich Todesdrohungen aussetzt, weil sie in Wahrheit eigentlich selber erst leben kann, nachdem sie überlebt hat. Die Haushälterin Liesel, die der Familie überall hin folgt, ist eigentlich die großartigste Figur in dem ganzen Buch. Es sind übrigens ganz starke Frauen und ganz schwache Männer. Wobei Großmama voller Vorurteile gegenüber den Nazis ist, voller Aversion gegenüber Sex. Sie ist eine hochnäsige, blasierte, dünkelhafte Person, aber doch auch sehr authentische Person, die bei aller Verzweiflung und Trauer nach links und rechts austeilen kann, dass einem die Luft wegbleibt. Sie ist aber trotz allem auch recht amüsant und komisch. Bemerkenswert wie der Autorin die Gradwanderung gelingt, denn dieses Amüsement findet ja schließlich vor dem Hintergrund von Auschwitz statt. Das Buch ist ein Doppelporträt von Zeit und Frau, das uns einerseits den Nationalsozialismus facettenreich zeigt, andererseits zeigt wie all dies von Großmama verarbeitet wird. Das Buch ist so unglaublich rasant geschrieben, wobei sicher der erste Teil, der unter der unmittelbaren Bedrohung geschrieben ist, der stärkste ist. Die Autorin lebt von einer Stofffülle die frappierend und faszinierend ist, und obwohl es ja vornehmlich um Trauer und Verzweiflung geht, wird dies bewusst recht bedeckt unter der Decke gehalten. Ein grandioses Buch, weil es eine maliziös einfühlsame Liebeserklärung der Autorin sowohl an ihre Mutter wie auch an ihre Großmutter ist. Große Literatur, unverständlich für mich, dass die Kritik nicht ganz so lobenswert mit dem Buch umgegangen ist.
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