Pressestimmen
"Es ist ein cooles Buch, das Sverre Henmo da geschrieben hat, lässig im Ton, in den Gesten und Gestalten. Und, in seinem Blick auf den Erzähler, ein überraschend zärtliches Buch noch dazu." Fridtjof Küchemann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.1.10 "Beim Lesen hat man fast das Gefühl, unerlaubt in seinem intimsten Tagebuch zu stöbern, das Herz wird einem warm und man fühlt sich in dier Welt nicht mehr alleine. Dieses Buch muss man lesen." Katja de Bragança, Buchmarkt, 9.09 "Henmo erzählt in einem liebenswert-witzigen Ton die Geschichte von zwei sehr verschiedenen Brüdern, die sich lieben und gegenseitig brauchen." Simon Strauss, Süddeutsche Zeitung, 05.03.10 "Ein kluger, gefühlvoller und unterhaltsamer Roman über das Erwachsenwerden." Udo Bartsch, Westdeutsche Zeitung, 19.12.09 "Ein bewegendes Buch, und dabei witzig!" Nordbayerischer Kurier, 04.10
Kurzbeschreibung
Ein Leben ohne Tobias kann Adrian sich nicht vorstellen: Sein kleiner Bruder ist immer gut gelaunt, und das nicht nur, wenn sie gemeinsam Motorrad fahren. Dass Tobias das Down-Syndrom hat, ist für Adrian kein Problem. Manchmal geht er mit ihm schwimmen, manchmal in den Zirkus, und an besonderen Tagen erzählt er Tobias sogar ein Geheimnis. Nur von Vilde, in die er furchtbar verliebt ist, hat Adrian noch nicht erzählt. Ob sein Bruder sie mögen würde? Der in Norwegen preisgekrönte Autor Sverre Henmo erzählt die unsentimentale und witzige Geschichte vom Erwachsenwerden zweier Brüder. Von Tobias und seiner Liebe zum Leben und von Adrian, der zuweilen glaubt, für die Eltern immer nur die Nummer zwei gewesen zu sein.
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich hatte mir nur Fusalp-Handschuhe gewünscht. Aber die echten. Die echten hatten ein kleineres Hahnenlogo als die unechten, außerdem nutzten sie sich auf eine andere Weise ab. Sie sahen alt und schön aus, die mit dem großen Hahn gingen einfach kaputt. Die taffen Typen in unserer Gegend hatten echte. Und jetzt war ich an der Reihe.
»Wenn du großer Bruder wirst, kriegst du ein Großer-Bru-der-Geschenk«, sagten meine Eltern. »Zusätzlich zum Schwesterchen oder Brüderchen, natürlich«, fügten sie hinzu und lachten. Ein kleiner Bruder wäre sicher nett, aber im Grunde wünschte ich mir nur Fusalp-Handschuhe.
»Mit dem kleinen Hahn«, sagte ich und startete den Countdown für das Baby. Jetzt stand noch fünf-vier-drei-zwei-ein Tag aus. Ich konnte vorwärts und rückwärts bis hundert zählen.
»Du bist schon ein kleiner Rechenmeister, du«, sagte Vater. »Aber vergiss nicht, dass es nicht unbedingt genau an dem Tag passieren muss, Adrian. Es dauert zwar nicht mehr lange, und es kann durchaus an dem Tag sein, aber sicher ist Mutter sich nicht.«
Sie lachten und streichelten Mutters Bauch, als ob der das Allerschönste auf der Welt wäre.
Das Baby kam genau an dem berechneten Tag. Ich war im Kindergarten. Eine Betreuerin sagte, Vater habe angerufen, und ich solle mit Otto nach Hause gehen und da auf ihn warten, er werde mich so bald wie möglich holen. Otto wohnte in den Terrassenhäusern und konnte über den ganzen Wald blicken. Dort hatten wir eine Hütte, die wir mit Ottos Vater gebaut hatten, und wenn wir darin waren und aufs Klo mussten, wischten wir uns danach mit Blättern ab. Dann brannte der Po. Ottos Mutter war fast immer zu Hause, und die Wohnung roch dauernd frisch geputzt. Wenn wir zu Otto wollten, mussten wir draußen klingeln, damit die Mutter auf den Knopf neben der Tür drücken und uns ins Treppenhaus lassen konnte. Dann gingen wir einen Stock tiefer, und da wartete sie dann in der Tür. Otto wurde immer umarmt, mir fuhr sie mit der Hand durch die Haare. Wir gingen in sein Zimmer. Da saßen die Fenster ganz hoch oben in der Wand, aber sein Zimmer war größer als meins. Otto hatte ein Tarzan-Malbuch, das so schön war, dass ich fast vergaß, dass ich bald Fusalp-Handschuhe bekommen würde. Ich malte Tarzan aus, der sich mit dem einen Arm an der Liane festhielt und Jane im anderen hielt. Fast nie rutschte mir der Buntstift über die Striche. Wir stritten uns die ganze Zeit um den hellbraunen, bis Otto ihn zerbrach, damit wir jeder einen Teil hätten. Ich hätte das nicht gemacht, wenn wir bei mir zu Hause gewesen wären.
Irgendwann kam Ottos Mutter herein und sagte, ich sollte zum Essen bleiben. Der Buntstift verrutschte mir, und das, was in Tarzans Auge weiß werden sollte, wurde braun. Ottos Vater kam nach Hause, als wir uns setzten. Er hatte eine tiefe Stimme und wollte wissen, ob wir im Kindergarten Bubenstreiche angestellt hätten. Dann wollte er uns beibringen, unter dem Arm Furzgeräusche zu machen, aber da sah Ottos Mutter ihn böse an, und er ließ es bleiben. Ich versuchte, mein Essen so auf den Teller zu legen, dass es aussah, als ob ich etwas äße. Niemand sagte, ich sollte den Teller leer essen.
Später gab es Kinderfernsehen. »Willst du sehen, wie es mir geht?« Das war langweilig, aber wir sahen es uns trotzdem an. Ein Mädchen sang »Backe backe Kuchen«, obwohl sie schon sieben Jahre alt war. Sie sah aus wie die Frau in der Bäckerei. Die, die wir nicht anstarren sollten, obwohl sie uns immer anstarrte. Vater kam, als irgendein anderes Kind im Fernsehen sagte, das Backe-backe-Kuchen-Mädchen dürfte nicht mitspielen. Ich war sofort aufbruchbereit. Vergaß fast, mich zu bedanken. Ich wollte gehen, aber Vater brauchte zuerst noch von Ottos Mutter eine Umarmung und vom Vater einen doppelten Händedruck. Die ganze Zeit hielt er meine Hand. Ich schloss eine Hand um Zeige- und Mittelfinger und die andere um Ring- und kleinen Finger seiner linken Hand. Versuchte, ihn mit mir zu ziehen. Rief Otto ein »Wiedersehn« zu, zog Vater aus dem Haus. Er war doch gekommen, um mich zu holen. Erst als wir im Auto saßen, sagte er etwas.
»Es ist etwas passiert«, sagte er und räusperte sich so laut, dass es unnatürlich klang. Ich durfte vorn sitzen. Der Sicherheitsgurt kratzte an meiner Wange.
»Mutter geht es gut, und du bist jetzt großer Bruder, aber ...«
Über seine Wange zog sich ein ganz dünner glitzernder Streifen, der nur zu sehen war, wenn wir an einer Straßenlaterne vorbeifuhren. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich meinen Vater weinen. Und ich wusste nicht, was ich machen sollte. Etwas musste passieren. Ich konnte nicht neben Vater im Auto sitzen, während er weinte. Er streichelte mich die ganze Zeit, und ich hatte Angst, er könnte das Lenken vergessen. Das Auto musste doch gelenkt werden. Ich versuchte, das Radio einzuschalten, wusste aber nicht, auf welchen Knopf ich drücken sollte. Plötzlich nahm Vater meine Hand und hielt sie ganz fest. Es tat weh, aber ich sagte nichts.
»Dein Brüderchen ist nicht wie alle anderen, Adrian.« Ich sah die Gangschaltung an. Die hatte oben ein Muster. Vater ließ meine Hand los und legte seine auf die Gangschaltung. Das Auto ruckte. Ich kam mir auch nicht ganz vor wie alle anderen.
Er wollte wissen, ob ich wüsste, was es bedeutet, mongoloid zu sein. Ich dachte an die Frau in der Bäckerei, die immer grinste, und an das Mädchen, das im Kinderfernsehen »Backe backe Kuchen« gesungen hatte.
»Das heißt eigentlich Down-Syndrom. Und es ist möglich, dass dein Brüderchen es hat.«
Ich sagte nichts. Hatte die Melodie des Backe-backe-Ku chen-Mädchens im Kopf.
Wir fuhren an diesem Abend nicht ins Krankenhaus. Ich durfte ein Bad nehmen, und Vater sah sich alles mögliche andere an und hörte nicht zu, als ich von Ottos Tarzan-Malbuch erzählte. Und dann musste ich schlafen gehen. Ich ließ die Tür angelehnt und hörte, wie Vater im Wohnzimmer saß und immer wieder telefonierte. Das Licht malte ein Dreieck an meine Zimmerdecke. Ich überlegte, was Licht eigentlich war. Wo es von der Decke aus hinging. Ich hörte Klirren, roch Rauch, und Vaters Stimme klang immer weniger wie Vaters Stimme. Irgendwann wurde ich davon geweckt, dass er auf meiner Bettkante saß. Er machte für mich einen Schlafsack, das machte er beim Gute-Nacht-Sagen oft. Er steckte die Decke überall um mich herum fest, bis ich so eingewickelt war wie die kleine Raupe Nimmersatt. Danach legte er sich neben mich und sah mich an, ohne etwas zu sagen. Wir lagen ganz dicht nebeneinander, aber mir kam alles ganz anders vor als sonst.
Am nächsten Tag fuhren wir ins Krankenhaus. Im Erdgeschoss durfte ich einen Blumenstrauß aussuchen, und als wir zum Fahrstuhl kamen, durfte ich auf den fünften Stock drücken. Als die Türen sich fast geschlossen hatten, kam eine Krücke herein, und als sie sich öffneten, folgte ein Mann in einem Rollstuhl. Er trug einen Bart und Brille, und ich hätte ihn gern gefragt, warum er einen Rollstuhl und Krücken benutzte, aber ich traute mich nicht.
»Vielleicht bist du ein lieber Junge und drückst für mich den dritten Stock?«, fragte er.
Das war ich. Kein Problem. Endlich schlossen sich die Türen wieder.
»Du bringst Blumen auf die Wochenstation, sehe ich?«
Ich sah Vater an, aber der schien nicht zu hören, dass der Mann mit mir redete.
»Vielleicht liegt da deine Mutter?« Ich nickte. Da lag meine Mutter. Das stand immerhin fest. »Ja, herzlichen Glückwunsch ...«, sagte der Mann und sah
aus, als ob er damit eigentlich sich selbst gemeint hätte. »Ich bin sicher, du wirst ein großartiger großer Bruder.«
Dann gingen die Türen auf, und er rollte rückwärts aus dem Fahrstuhl, ohne dass Vater oder ich auch nur ein einziges Wort zu ihm gesagt hätten. Wir schwiegen auch bei den letzten beiden Etagen.
Tobias hatte jede Menge schwarze Haare und lag zusammen mit fünf oder sechs anderen Kindern in einem großen Raum. Wenn Vater ihn mir nicht gezeigt hätte, hätte ich nicht gewusst, dass er mein Bruder war. Er sah genau aus wie alle...
»Wenn du großer Bruder wirst, kriegst du ein Großer-Bru-der-Geschenk«, sagten meine Eltern. »Zusätzlich zum Schwesterchen oder Brüderchen, natürlich«, fügten sie hinzu und lachten. Ein kleiner Bruder wäre sicher nett, aber im Grunde wünschte ich mir nur Fusalp-Handschuhe.
»Mit dem kleinen Hahn«, sagte ich und startete den Countdown für das Baby. Jetzt stand noch fünf-vier-drei-zwei-ein Tag aus. Ich konnte vorwärts und rückwärts bis hundert zählen.
»Du bist schon ein kleiner Rechenmeister, du«, sagte Vater. »Aber vergiss nicht, dass es nicht unbedingt genau an dem Tag passieren muss, Adrian. Es dauert zwar nicht mehr lange, und es kann durchaus an dem Tag sein, aber sicher ist Mutter sich nicht.«
Sie lachten und streichelten Mutters Bauch, als ob der das Allerschönste auf der Welt wäre.
Das Baby kam genau an dem berechneten Tag. Ich war im Kindergarten. Eine Betreuerin sagte, Vater habe angerufen, und ich solle mit Otto nach Hause gehen und da auf ihn warten, er werde mich so bald wie möglich holen. Otto wohnte in den Terrassenhäusern und konnte über den ganzen Wald blicken. Dort hatten wir eine Hütte, die wir mit Ottos Vater gebaut hatten, und wenn wir darin waren und aufs Klo mussten, wischten wir uns danach mit Blättern ab. Dann brannte der Po. Ottos Mutter war fast immer zu Hause, und die Wohnung roch dauernd frisch geputzt. Wenn wir zu Otto wollten, mussten wir draußen klingeln, damit die Mutter auf den Knopf neben der Tür drücken und uns ins Treppenhaus lassen konnte. Dann gingen wir einen Stock tiefer, und da wartete sie dann in der Tür. Otto wurde immer umarmt, mir fuhr sie mit der Hand durch die Haare. Wir gingen in sein Zimmer. Da saßen die Fenster ganz hoch oben in der Wand, aber sein Zimmer war größer als meins. Otto hatte ein Tarzan-Malbuch, das so schön war, dass ich fast vergaß, dass ich bald Fusalp-Handschuhe bekommen würde. Ich malte Tarzan aus, der sich mit dem einen Arm an der Liane festhielt und Jane im anderen hielt. Fast nie rutschte mir der Buntstift über die Striche. Wir stritten uns die ganze Zeit um den hellbraunen, bis Otto ihn zerbrach, damit wir jeder einen Teil hätten. Ich hätte das nicht gemacht, wenn wir bei mir zu Hause gewesen wären.
Irgendwann kam Ottos Mutter herein und sagte, ich sollte zum Essen bleiben. Der Buntstift verrutschte mir, und das, was in Tarzans Auge weiß werden sollte, wurde braun. Ottos Vater kam nach Hause, als wir uns setzten. Er hatte eine tiefe Stimme und wollte wissen, ob wir im Kindergarten Bubenstreiche angestellt hätten. Dann wollte er uns beibringen, unter dem Arm Furzgeräusche zu machen, aber da sah Ottos Mutter ihn böse an, und er ließ es bleiben. Ich versuchte, mein Essen so auf den Teller zu legen, dass es aussah, als ob ich etwas äße. Niemand sagte, ich sollte den Teller leer essen.
Später gab es Kinderfernsehen. »Willst du sehen, wie es mir geht?« Das war langweilig, aber wir sahen es uns trotzdem an. Ein Mädchen sang »Backe backe Kuchen«, obwohl sie schon sieben Jahre alt war. Sie sah aus wie die Frau in der Bäckerei. Die, die wir nicht anstarren sollten, obwohl sie uns immer anstarrte. Vater kam, als irgendein anderes Kind im Fernsehen sagte, das Backe-backe-Kuchen-Mädchen dürfte nicht mitspielen. Ich war sofort aufbruchbereit. Vergaß fast, mich zu bedanken. Ich wollte gehen, aber Vater brauchte zuerst noch von Ottos Mutter eine Umarmung und vom Vater einen doppelten Händedruck. Die ganze Zeit hielt er meine Hand. Ich schloss eine Hand um Zeige- und Mittelfinger und die andere um Ring- und kleinen Finger seiner linken Hand. Versuchte, ihn mit mir zu ziehen. Rief Otto ein »Wiedersehn« zu, zog Vater aus dem Haus. Er war doch gekommen, um mich zu holen. Erst als wir im Auto saßen, sagte er etwas.
»Es ist etwas passiert«, sagte er und räusperte sich so laut, dass es unnatürlich klang. Ich durfte vorn sitzen. Der Sicherheitsgurt kratzte an meiner Wange.
»Mutter geht es gut, und du bist jetzt großer Bruder, aber ...«
Über seine Wange zog sich ein ganz dünner glitzernder Streifen, der nur zu sehen war, wenn wir an einer Straßenlaterne vorbeifuhren. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich meinen Vater weinen. Und ich wusste nicht, was ich machen sollte. Etwas musste passieren. Ich konnte nicht neben Vater im Auto sitzen, während er weinte. Er streichelte mich die ganze Zeit, und ich hatte Angst, er könnte das Lenken vergessen. Das Auto musste doch gelenkt werden. Ich versuchte, das Radio einzuschalten, wusste aber nicht, auf welchen Knopf ich drücken sollte. Plötzlich nahm Vater meine Hand und hielt sie ganz fest. Es tat weh, aber ich sagte nichts.
»Dein Brüderchen ist nicht wie alle anderen, Adrian.« Ich sah die Gangschaltung an. Die hatte oben ein Muster. Vater ließ meine Hand los und legte seine auf die Gangschaltung. Das Auto ruckte. Ich kam mir auch nicht ganz vor wie alle anderen.
Er wollte wissen, ob ich wüsste, was es bedeutet, mongoloid zu sein. Ich dachte an die Frau in der Bäckerei, die immer grinste, und an das Mädchen, das im Kinderfernsehen »Backe backe Kuchen« gesungen hatte.
»Das heißt eigentlich Down-Syndrom. Und es ist möglich, dass dein Brüderchen es hat.«
Ich sagte nichts. Hatte die Melodie des Backe-backe-Ku chen-Mädchens im Kopf.
Wir fuhren an diesem Abend nicht ins Krankenhaus. Ich durfte ein Bad nehmen, und Vater sah sich alles mögliche andere an und hörte nicht zu, als ich von Ottos Tarzan-Malbuch erzählte. Und dann musste ich schlafen gehen. Ich ließ die Tür angelehnt und hörte, wie Vater im Wohnzimmer saß und immer wieder telefonierte. Das Licht malte ein Dreieck an meine Zimmerdecke. Ich überlegte, was Licht eigentlich war. Wo es von der Decke aus hinging. Ich hörte Klirren, roch Rauch, und Vaters Stimme klang immer weniger wie Vaters Stimme. Irgendwann wurde ich davon geweckt, dass er auf meiner Bettkante saß. Er machte für mich einen Schlafsack, das machte er beim Gute-Nacht-Sagen oft. Er steckte die Decke überall um mich herum fest, bis ich so eingewickelt war wie die kleine Raupe Nimmersatt. Danach legte er sich neben mich und sah mich an, ohne etwas zu sagen. Wir lagen ganz dicht nebeneinander, aber mir kam alles ganz anders vor als sonst.
Am nächsten Tag fuhren wir ins Krankenhaus. Im Erdgeschoss durfte ich einen Blumenstrauß aussuchen, und als wir zum Fahrstuhl kamen, durfte ich auf den fünften Stock drücken. Als die Türen sich fast geschlossen hatten, kam eine Krücke herein, und als sie sich öffneten, folgte ein Mann in einem Rollstuhl. Er trug einen Bart und Brille, und ich hätte ihn gern gefragt, warum er einen Rollstuhl und Krücken benutzte, aber ich traute mich nicht.
»Vielleicht bist du ein lieber Junge und drückst für mich den dritten Stock?«, fragte er.
Das war ich. Kein Problem. Endlich schlossen sich die Türen wieder.
»Du bringst Blumen auf die Wochenstation, sehe ich?«
Ich sah Vater an, aber der schien nicht zu hören, dass der Mann mit mir redete.
»Vielleicht liegt da deine Mutter?« Ich nickte. Da lag meine Mutter. Das stand immerhin fest. »Ja, herzlichen Glückwunsch ...«, sagte der Mann und sah
aus, als ob er damit eigentlich sich selbst gemeint hätte. »Ich bin sicher, du wirst ein großartiger großer Bruder.«
Dann gingen die Türen auf, und er rollte rückwärts aus dem Fahrstuhl, ohne dass Vater oder ich auch nur ein einziges Wort zu ihm gesagt hätten. Wir schwiegen auch bei den letzten beiden Etagen.
Tobias hatte jede Menge schwarze Haare und lag zusammen mit fünf oder sechs anderen Kindern in einem großen Raum. Wenn Vater ihn mir nicht gezeigt hätte, hätte ich nicht gewusst, dass er mein Bruder war. Er sah genau aus wie alle...