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Vor allem die geschichtlichen Ereignisse schweißen sie aneinander. Als Kinder erleben sie den ersten Weltkrieg im Brünn, das damals noch zu Österreich gehört und werden Zeuginnen der Gründung der Tschechoslowakei. Der zweite Weltkrieg trennt sie zeitweilig. Später finden sie in Westdeutschland wieder zusammen und leben über vierzig Jahre lang ein von Ritualen und Spannungen geprägtes Leben. Aber noch immer sind nicht alle Spuren der Vergangenheit verarbeitet.
Peter Härtling, bekannt geworden durch sensible biografische Romane wie Hölderlin oder auch Kinderbücher wie Ben liebt Anna, verbindet in seinem neuesten Werk meisterhaft gegenwärtige mit geschichtlicher Handlung. Psychologische und politische Faktoren bedingen einander und färben auf die so unterschiedlichen und dennoch unzertrennlichen Schwestern ab. Ganz ohne Effekthascherei und schriftstellerische Eitelkeit baut der Autor, ein deutscher Klassiker der Gegenwart, subtile Spannung auf und entwirft mit leichter Hand ein Geschichts- und Sittenbild Mitteleuropas im 20 Jahrhundert. --Daphne von Unruh
Peter Härtling und die Schwestern
Irgendwann in den achtziger Jahren war es, als ein Rezensent Peter Härtlings Prosa mit dem Waschmitteladjektiv «weichgespült» versah eine Vokabel, mit der sich Härtlings unaufhaltsame Romanproduktion bis heute gut charakterisieren lässt. Neuere Abrisse der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur führen vom Werk des jetzt Fünfundsechzigjährigen meist nur noch seine Anfänge («Niembsch», «Zwettl») an oder die im Kontext der um 1980 florierenden Väter-Söhne-Bücher stehende «Nachgetragene Liebe». Danach, als Härtling verstärkt begann, die Musik- und Literaturgeschichte nach biographischem Stoff («Die dreifache Maria», «Waiblingers Augen», «Schubert») zu durchforsten, verliert sich seine Spur in den Annalen der professionellen Literaturbeurteilung.
Davon unberührt, eroberten Härtlings Romane mehr und mehr breite Leserschichten und wurden zur beliebten Lektüre für den liberal gesinnten, zur Nachdenklichkeit und Betroffenheit neigenden Bildungsbürger. «Grosse, kleine Schwester», das neue Buch, knüpft, wenngleich keinen prominenten Lebenslauf bemühend, an diese Erfolge an und macht in erstaunlicher Klarheit deutlich, worauf das Modell Härtling beruht.
Die Schwestern Lea und Ruth sind beide um 1910 im tschechischen Brünn geboren. Die politischen Ereignisse der Hitler-Jahre wirbeln ihr scheinbar gesichertes Familiengefüge durcheinander, und nach vielen Irrungen und Wirrungen landen sie in einer schwäbischen Kleinstadt. Dort verbringen sie über vierzig Jahre miteinander, in ein und derselben Wohnung, den Ritualen des Alltags, seinen Bosheiten und Abhängigkeiten gnadenlos ausgeliefert. Jede von ihnen kennt fast jede seelische Regung der anderen; sie streiten sich, sie hassen sich, und sie sind völlig aufeinander angewiesen: «Zusammen allein. Das sind zwei Wörter, die sich eigentlich beissen. Wir haben all die Zeit sie ausgehalten. Manchmal mit grosser Mühe. Immer wieder wollte eine von uns davonlaufen.» Nur wohin?
Härtlings Doppelbiographie folgt einer alternierenden Erzählperspektive. Mal tauchen die Kapitel in die Vergangenheit hinab, mal halten sie das gegenwärtige Tageseinerlei der Greisinnen fest. Überzeugungskraft gewinnt diese Prosa immer dann, wenn ihr Autor zu vergessen scheint, welchen grossen zeithistorischen Rahmen er sich ausgedacht hat, wenn er nicht danach trachtet, einen Husarenritt durch unser Jahrhundert zu veranstalten.
Doch Peter Härtling ist leider ein ungeduldiger Erzähler geworden: Seine knappe Syntax will Andeutungen transportieren, die in ihrer Verhaltenheit sehr bewusst auf poetische Effekte abzielen. Genau besehen, verzichtet sein Text auf jede radikale Zuspitzung und bleibt an der Oberfläche der Handlung und der Protagonisten kleben. Härtlings Sätze wollen schlicht und bedeutsam zugleich sein ein Ansinnen, das mit einem bloss routinierten Erzählen nicht einzulösen ist.
Es ist beklagenswert: Härtlings Porträt seiner «alten sentimentalen Schachteln» weist nicht wenige «schöne Stellen» auf, Passagen, die Leas und Ruths Eigenheit allein aus ihren kleinen Gesten und Widersprüchen heraus zeigen. Doch wieder und wieder ersticken die Heldinnen an der Faktenfülle, die ihnen ihr Autor auflädt. Da werden zwei Weltkriege und eine Diktatur abgehandelt, da wird das fragile Zusammenleben von Deutschen und Tschechen in Brünn skizziert, und da dürfen natürlich auch einige sexuelle Ausschweifungen, die Ruth in ihren jungen Jahren unternahm, nicht fehlen.
So eilt ein Jahrhundert dahin, zuletzt sterben die Schwestern, und übrig bleibt ein Roman, der von allem etwas und von allem zuviel und zuwenig preisgibt.
«Weichgespült», das trifft noch immer: Härtlings politisch redliche Menschenfreundlichkeit umkleidet seine Figuren mit Schulterpolstern, wie sie in den achtziger Jahren Mode waren. Sie nimmt ihnen die Ecken und Kanten, wattiert sie ein, um den Lesern ja nicht Ungehöriges zuzumuten. Ach, wie schön wäre es, mal wieder auf Härtling-Gestalten zu treffen, an denen man sich stossen und reiben könnte!
Rainer Moritz -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Das Buch ist wirklich lesenswert, schon allein durch die konträre Schreibweise, der Vereinigung von Gegenwart und Vergangenheit, die sich selbst im Kapitelwechsel zeigt.
Das Buch krankt aber an einem großen Problem: Die handelnden Personen leben nicht. Ereignisse werden distanziert beschrieben, und da einen keine der Personen wirklich interessiert, ist einem auch egal, was mit ihnen passiert. Und wieso die beiden Schwestern die ganze zweite Hälfte ihres Lebens miteinander, oder eigentlich eher nebeneinander, verbringen, wo sie doch so unterschiedlich sind und immer nur streiten, wird nicht klar.
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