Was Raffalts Bücher über die Stadt Rom (vom Prestel-Verlag) auszeichnet, die gelungene Mischung aus profunder Bildung, immensen Detailkenntnissen ohne Überblickverlust und angenehmem Plauderton, macht sich in "Große Kaiser Roms" nicht nur positiv bemerkbar. Raffalt porträtiert bzw. skizziert hier zehn römische Kaiser nebst ihrem familiären und politischen Umfeld: Augustus, Tiberius, Nero, Domitian, Hadrian, Marc Aurel, Heliogabal, Diokletian, Konstantin, Julian Apostata, und als Präludium -- man könnte auch von einem Quasi-Kaiser sprechen -- Julius Cäsar.
Wenn Raffalt die Kapitel zu den ausgewählten Kaisern ganz nach Art seiner Rom-Bücher einleitet und Wissenswertes aus der Raritäten-Abteilung mitteilt, auch schonmal Räuberpistolen der Extraklasse zu bieten hat -- dann ist er ganz in seinem Element. Seine Einleitung des Nero-Kapitels ist ein Juwel der Gattung und gespickt mit Wissenswertem, das man sonst nirgends findet: "Ein Teil des päpstlichen Palastes verdankt seinen Schmuck dem Geschmack des Kaisers Nero." Dochdoch -- und hier weiß Raffalt auch das "Was bisher geschah" mitzuteilen, im Gegensatz zu seinen Mitteilungen über Nero (aber dazu weiter unten). Jede Menge Lesefutter für den Interessierten also, das bei aller Delikatesse nie abgeschmackt wird; Raffalt weiß seinen Stil zu wahren, und das vor allem macht den Wert seines Buches aus. Er entwirrt die reichlich verworrenen Julier- und Claudier-Verwandtschaftsverhältnisse, breitet die Familienchronik der Flavier aus, plaziert seine Seitenhiebe treffsicher ("Commodus und Herakles sind fraglos ein Beweis mehr, daß es immer wieder Zeiten gibt, in denen der Kopf zu einem unwichtigen Körperteil wird"), präzisiert den Gegensatz zwischen Zivilisation und Barbarei: "Barbarisch erschien zunächst jede [..] Gemeinschaft, die nach Gesetzen lebte, die nur für sie selbst geschaffen [...] waren. Hingegen war das Ziel der römischen Zivilisation, über nationale Ordnungen hinweg zu allgemein-menschlichen Gesetzen zu gelangen".
Ebenfalls zu seinen Stärken gehören die prägnanten Kurzcharakterisierungen: "Für Titus war der Kaiser ein Mensch unter Menschen, für Domitian ein Gott hoch über der Welt". Sicher kann und darf man in solchen aphoristischen Darstellungen kein ausgewogenes Urteil erwarten, aber dafür hat man den provisorischen Merksatz fürs Leben, und zwar einen glänzend formulierten. Gewecktes Interesse kann man bekanntlich anderswo vertiefen.
Die Sache hat aber mehr als nur einen Haken, die das Vergnügen öfter trüben, als es dem historisch interessierten Laien zuzumuten ist. Den kleinsten Haken stellen in einigen Kapiteln zahlreiche Anachronismen dar, wenn Raffalt z.B. unbefangen von "Ungarn" spricht oder -- was an sich ja anschaulich wäre -- von soundsoviel Mark redet. In anderen Kapiteln macht er vor, wie's korrekt wäre: "in heutiger Kaufkraft etwa tausend Mark". Mit viel Geduld ertragen ließe sich zur Not auch ein gewisser Hang zum Epithetenbarock ("hemmungslose Sinnlichkeit", "ägyptische Lasterhöhle"). Geht's nicht ne Nummer kleiner, Herr Raffalt? Nunja; wenn's weiter nichts wäre, könnte man vielleicht "Schönheitsfehler" grummeln, und fertig. Immerhin liest sich das Ganze auf diese Weise flüssig und anschaulich, und wettgemacht werden diese Fehltritte allemal durch gelungene Charakterbilder.
Aber auch als interessierter Laie bleibe ich noch an einigen anderen Haken hängen, die mir weitaus mehr Schmerzen bereiten -- und die Meinung interessierter Profis zum Folgenden würde mich interessieren: So scheint mir Raffalt reichlich oft ex cathedra zu sprechen, etwa wenn er kurzerhand Nero einen Mutterkomplex attestiert und darauf einige kaiserliche Missetaten zurückführt, oder wenn er Marc Aurel bescheinigt, "der beste" unter den Adoptivkaisern gewesen zu sein. Mal abgesehen davon, dass sich das reichlich nebulös liest -- inwiefern war er der beste? und nach welchen Kriterien, wenn erlaubt ist die vorwitzige Frage? Kann und darf man da nun absolut nicht mehr anderer Ansicht sein als Reinhard Raffalt? Immerhin scheint Raffalt nämlich über Zugang zu geheimsten Gedanken und Gemütsbewegungen der hier Porträtierten gehabt zu haben, denn anders kann ich mir nicht erklären, wie er zu Mitteilungen kommt wie z.B. dieser: "Diese Sorge [über das irrationale Element göttlicher Verehrung] beschäftigte [Augustus] im Gedanken an die Gesamtbevölkerung des Reiches, nahm aber ihren Ausgang von den Zuständen [...] in der Hauptstadt Rom." Derlei Mutmaßungen über des Kaisers Innenleben liest man oft; wie Raffalt allerdings zu diesem Wissen gelangte, erfährt man nicht einmal andeutungsweise. Raffalts Hang zu nicht nachvollziehbarer Wertung, die der geneigte Leser mangels angebotener Alternativen übernehmen muss, ist also nicht ignorierbar, und es kommt noch doller:
Nicht nur, dass seine Schlussfolgerungen mangels Quellenangaben und darauf basierender Argumentation so gut wie nie nachzuvollziehen sind, nein -- so angenehm sich seine Porträts trotz der eingangs kritisierten Epithetenbarocks lesen, sodass auch geübte Leser dann doch bereit sind, Raffalts Sicht zu übernehmen, so kritikwürdig scheint mir das Weltbild, das gelegentlich hindurchschimmert. Vor allem in den Cäsar- und Augustus-Porträts (danach ist das Kaisertum anscheinend selbstverständlich) wird dem unbefangenen Leser immer wieder untergejubelt, dass das Imperium Romanum nicht mehr parlamentarisch zu regieren sei, sondern nur noch monarchisch. Ich zitiere: "In Wirklichkeit ging es um die Fülle der Macht in einem Gebiet, das sich nicht mehr durch eine Gruppe, sondern nur noch durch einen energischen und kompromißlosen Regenten in Ordnung halten ließ." Das ist nicht die einzige, wohl aber die deutlichste Aussage in dieser Richtung. Immer wieder betont Raffalt im Folgenden die Positiva der Monarchie, deutet aber, wenn mir nichts entgangen ist, nur einmal wenigstens leichte Zweifel an. Ich spreche meine Zweifel hier deutlich aus und kritisiere auch gleich das in diesem Buch indirekt vermittelte Geschichtsbild: Was, wenn der Monarch eine nicht so ideale Persönlichkeit ist?
Dennoch überwiegt das Positive. Freilich sollte man ein wenig Hintergrundwissen über die Antike bereits mitbringen, denn sonst droht gelegentliche Verwirrung. Wer mit Stichworten oder Namen wie z.B. "Adoptivkaiser", Horaz, "Pontifex Maximus" oder "[römischer] Bürgerkrieg" etwas anfangen kann und auch sonst in der gymnasialen Oberstufe im Geschichtsunterricht aufgepasst hat oder über vergleichbare Kenntnisse verfügt, der kann sich die Lektüre schonmal an einem Sonntagnachmittag gönnen.