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Neuerscheinungen zur europäischen Perspektive
Tony Judt ist Professor in New York und bekennender Europessimist; angeblich nicht als Brite der er ist , sondern als Historiker. Vermutlich aber auch als Charakter, der noch keine fünfzig mit grossväterlicher Weisheit darauf hinweist, dass Paris und Rom vor dreissig Jahren sauberer waren als heute und dass wir, die Baby boomer, im Pensionsalter ab etwa dem Jahr 2010 eine frustrierte und entsprechend gefährliche Masse abgeben werden. Was das mit der «Grossen Illusion Europa» zu tun hat? Nicht viel, doch es soll im gleichnamigen Buch mit weiteren betrüblichen Bestandesaufnahmen und niederschmetternden Zukunftsaussichten die unüberwindlichen Schwierigkeiten im europäischen Einigungsprozess aufzeigen.
Simpel, differenziert
Judts Argumentation ist simpel: Der (west-) europäische Zusammenschluss lässt sich nicht wiederholen, war ein historischer Glücksfall, dem Hitler und Stalin sowie via Marshallplan die USA Pate standen. Ein weltgeschichtlich einmaliges Wirtschaftswachstum ermöglichte vor allem über den Agrarmarkt die Befriedigung nationaler Sonderinteressen sowie die Integration weiterer Staaten. Jetzt ist der Topf leer, und die armen Brüder aus dem ehemaligen Sowjetimperium stehen vor der Tür selbst wenn ein «wahrhaft geeintes Europa» wünschbar wäre, so könnten realistischerweise allein die Nationalstaaten verhindern, dass eine identitätslose, sozial zusehends deklassierte Bevölkerung dem Schalmeienklang extremistischer Populisten erliegt und historische Konfrontationslinien wieder aufbrechen.
Wie wohl würde der deutsche Publizist Joscha Schmierer, Verfasser von «Mein Name sei Europa», auf Judts oft flüchtige Ausführungen antworten? Vermutlich grundsätzlich: «Lieber Tony, Du selbst bleibst dem mythisierenden Pathos verhaftet, das Dir eigentlich ebenso zuwider ist wie mir.» Judts Ausflüge in die Geschichte, die beweisen, dass Europa nie eine geopolitische Einheit war, sind ebenso überflüssig wie die Sonntagsreden von Politikern, die unter Berufung auf Karl den Grossen das Gegenteil behaupten. Schmierer, ein engagierter, aber kein blinder Befürworter von Vertiefung und Erweiterung der EU, richtet sich weniger gegen deren Gegner als gegen ihre gedankenlosen Propagatoren. Weder ein rückwärtsgewandter Einheitsmythos (der Konservativen) noch eine verklärende Europa-Utopie (der Linken) können die Völker des Kontinents überzeugen. Europa ist weder naturgegeben noch im Sinne Judts zufälliges Produkt einer glücklichen Konjunktur, sondern Ergebnis politischer Willensakte. Als solche sind sie mündigen Wählern offen zu deklarieren, sind es ihre Risiken auch; und durch solche kann der Einigungsprozess weitergetrieben werden oder auch nicht: Historisch ist er weder vorherbestimmt zum Erfolg noch zum Scheitern verurteilt.
Dabei argumentiert Schmierer stets als guter Kenner der Geschichte: Sein Buch liefert gleichzeitig einen Überblick über die Entstehungsbedingungen der EU, ihre Institutionen und ihre Probleme von Maastricht über «Kerneuropa» zur Osterweiterung insofern ein idealer Einstieg in aktuelle Diskussionen. Beruhend auf guter Kenntnis der ausländischen Verhältnisse und Publizistik, insbesondere in Frankreich, setzt sich Schmierer mit abweichenden Meinungen, etwa derjenigen Margaret Thatchers, ernsthaft und nicht herablassend auseinander, spart aber anderswo auch nicht an deutlichen Urteilen und führt bei aller Zufälligkeit eines «Essays» eine Reihe von Autoren an, die heute weniger präsent sind, als sie verdienen: etwa den Bismarck-Gegner und Föderalisten Constantin Frantz oder den Schweizer Historiker Herbert Lüthy.
Letzterem verdankt Schmierer einen zentralen Gedanken: Die europäische Einigung ist das Produkt der «Rekontinentalisierung» der Nationalstaaten, die ihrer überseeischen Imperien und Ambitionen endgültig entsagt haben. Insofern befindet sich unser Erdteil in einer ähnlichen Situation wie zu Ende des Mittelalters nur lässt sich eine nachimperiale Weltordnung angesichts der Globalisierung kapitalistischer Wirtschaftsweise nicht mehr durch Nationalstaaten allein bewerkstelligen. Diese Überlegungen sind anregend auch für denjenigen, der die Zäsuren etwas anders setzen würde etwa die politische Gestaltungsfähigkeit der Bauern von 1525 weniger hoch einschätzt und Deutschlands Abkehr vom «schweizerischen» Weg nicht ausgerechnet im Bauernkrieg desselben Jahres beginnen sieht, der ja beide Länder erfasst. In geschichtlichen Dimensionen denkend, nicht in politischen, erklärt Schmierer die EU nüchtern zu einem «Lösungsforum» für alte historische Probleme Europas, die neuer Ansätze bedürfen, diese aber auch ermöglichen. So befürwortet er in Anlehnung an den Franzosen Michael Korinmann eine politische Fusion von Frankreich und Deutschland. Klar ist das Votum für eine Erweiterung der EU im Mittelmeerraum, ebenso deutlich dasjenige für den Beitritt der baltischen Staaten: «Europa» ist nicht geographisch determiniert und schon gar nicht russischen Vetorechten unterworfen, sondern der freiwillige Zusammenschluss derjenigen Völker, die darin und dadurch ihre friedliche Entwicklung am ehesten garantiert sehen.
Europa als Willensnation
Schmierers Europa liesse sich als Willensnation bezeichnen, der auch fernbleiben darf, wer nicht will etwa die Schweiz. Der Sinn für historische Zeitspannen relativiert die Krisen, welche Judt als Fanale der Leistungsgrenze deutet: Handlungsunfähigkeit in Jugoslawien und Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Lösungsansätze gibt es immer: Das zeigt das Manifest für ein «soziales Europa», mit dem Hochschullehrer aus sechs Ländern eine «soziale Bürgerschaft» fordern, um die verunsicherten Arbeitnehmer verstärkt in die «Maastricht II»-Verhandlungen zu integrieren. Das Manifest ist etwas akademisch formuliert und politisch kaum konsensfähig aber wer hätte vor fünfzig Jahren Konsens gefunden für die EU, wie sie sich seither entwickelt hat? Wo ein politischer Wille ist, sind viele Wege.
Thomas Maissen
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