Was steckt hinter dem Begriff "Große Erwartungen"? Nun, damit sind oft materielle Hoff-nungen und Entwicklungen verbunden, z.B. beruflicher Erfolg oder die Erlangung einer Erbschaft. Dieser Ausdruck kann sich jedoch auf eine positive, gesellschaftliche oder eine rein persönliche Weiterentwicklung beziehen, z.B. der Aufstieg in eine höhere Klasse oder eine ersehnte Verheiratung. In seinem Roman spielt der Autor mit den verschiedenen Begriffbestimmungen und jongliert dabei mit dem Wünschen und Träumen seines Helden, ein Waisenjunge mit großen Ambitionen, was seine Zukunft angeht. Der tragikkomische Weg des kleinen Dorfjungen ohne Rang und Namen zum Gentleman in der englischen Metropole kennzeichnet das Werk als klassischen Entwicklungsroman. Jedoch wird dem Helden dieser Geschichte der Triumphzug verwehrt. Dagegen steht die Frage im Raum, ob der so ehrgeizig verfolgte, scheinbar so glanzvolle Aufstieg nicht eine Dekadenz des Herzens förderte. Damit wird der gesellschaftskritische Aspekt, der in den späteren Werken Dickens noch stärker betont wird, herausgestellt.
Der Einstieg in die Geschichte könnte dramatischer nicht sein. Der kleine Pip sitzt auf dem Grabstein seiner Eltern, wo er über sein ungerechtes Schicksal grübelt. Unvermittelt wird seine Situation ungleich bedrohlicher, als ein entflohener Sträfling mit wilder Miene dem verängstigen Jungen einen großen Schrecken einjagt. Obwohl es für Pip alles andere als ungefährlich ist, besorgt der dem gewalttätigen Mann das Gewünschte und entwendet im Haus seiner Schwester wie gewünscht Feile und Messer. Ausgerechnet am Weihnachtsabend drohen seine Schandtaten aufzufliegen, doch der Zorn der harten Schwester wird glücklicherweise abgelenkt. Unterdessen hat Pip die Bekanntschaft einer sehr seltsamen Lady gemacht, die mit ihrer Adoptivtochter in einem verfallenden, wenn nicht gar verwe-senden Anwesen lebt. Miss Havisham ist vor Jahren von ihrem Verlobten an ihrem Hochzeitstag schmählich sitzen gelassen worden. Seitdem hat sie Leben und Licht aus ihrem Haus gesperrt und sitzt in ihrem Hochzeitskleid und der verfaulten Hochzeitstorte an ihrer Seite im Kerzenschein. Zur Unterhaltung hat sie den kleinen Dorfjungen bestellt, der mit der kleinen Estella Karten spielen soll. Was der kleine Pip, der von der Schönheit des kalten Mädchens ganz bezaubert ist, nicht ahnen kann, soll für die Zukunft der Kinder von enormer Bedeutung sein. Denn die enttäuschte Miss Havisham hat ihre Rachegelüste auf das arme Mädchen übertragen, damit diese kaltblütig an den Männern das Herz breche. Zum ersten Mal im Leben wird sich Pip seiner gewöhnlichen Erscheinung bewusst und schämt sich dafür. Der liebenswerte, aber sehr einfache Ehemann seiner Schwester bietet dem Jungen, den er von Herzen gern hat, eine Lehrstelle in seiner Schmiede an. Aber Pip ist in seiner Heimat, die geprägt ist von dem rauen Marschland, nicht glücklich, wie er es wohl hätte sein können, nachdem seine grausame Schwester durch einen Schlaganfall außer Gefecht gesetzt wurde und die fleißige Dorflehrerin Biddy sogar recht selbstlos seine Bildung aufbessert. Doch unerwartet wird Pip eröffnet, dass ein unbekannter Wohltäter Geldmittel zur Verfügung gestellt hat, damit der junge Mann in London zum Gentleman erzogen werde. Natürlich geht Pip davon aus, dass nur Miss Havisham, um deren Gunst er sich bemüht hatte, dieses Geschenk des Himmels ermöglichen konnte. Auch wenn der angehende Gentleman unter der Missgunst und der Eifersucht der Verwandtschaft von Miss Havisham zu leidern hat, gibt er sich die größte Mühe, ein würdiger Vertreter des hö-heren Standes zu werden. Leider wird er dadurch aber auch ein ziemlich unausstehlicher Snob und der aufwändige Lebensstil lässt das Schuldenkonto wachsen. Doch seine Besu-che bei Estella lassen seine Hoffnungen wachsen, einmal ein würdiger Bräutigam zu sein und Miss Havishams Verhalten gibt Anlass zu der Annahme, dass auch sie an die schicksalhafte Verbindung der beiden glaubt. Doch eines Nachts bekommt Sir Pip unerwartet Besuch, der ihn in Verwirrung stürzt und seine großen Erwartungen wie ein Kartenhaus einstürzen lässt. Um viele verlorene Illusionen reicher, versucht der Held der Geschichte sein Leben neu zu ordnen und ihm die Richtung zu geben, die ihn zu einem wahren Ehrenmann macht.
Da dieser Roman aus der Feder des großen, englischen Schriftstellers des 19. Jahrhunderts, Charles Dickens, ebenso wie
David Copperfield, der ungefähr 10 Jahre davor entstand, ein Bildungsroman ist, kommt es dem Leser und Kritiker natürlich vor, diese zwei Werke miteinander zu vergleichen. Während Copperfield niemals den Pfad der Tugend verlässt, verändert sich der Charakter Pips auf seinem Weg zum Gentleman und dies nicht unbedingt zum Guten.
Während Dickens an der Kritik an der Gesellschaft nicht spart, zeigt er auch den Wert ehrlicher Arbeit und wahrer Freundschaft auf. Die Entwicklung des Helden aus der Ich-Perspektive ist sehr natürlich. Gleichzeitig ist das Sichtfeld des Lesers damit sehr beschränkt und die für Dickens so typischen Nebenfiguren mit ihren ganz persönlichen Geschichten kommen etwas zu kurz.
Das alternative Ende des Romans sorgt zusätzlich für einige Irritationen. War der erste Entwurf wohl etwas realistischer und passend zur der Ernüchterung und seelischen Läuterung des Helden, so beruhigt die nun geltende Fassung romantische Gemüter und macht die Gefühle Pips greifbarer, nachdem er die Nerven der Leser mit seiner schaftreuen Verehrung Estellas, über viele Seiten des Romans ziemlich strapaziert hatte. Charles Dickens schließt den Roman nicht mit dem typischen Ausblick auf die Zukunft seiner Protagonisten ab, sondern lässt das Ende bewusst etwas wage und ungewiss.
Auch dieser Roman zeigt trotz einiger Kritikpunkte die Virtuosität des Meisters des Gesellschaftsromans und gehört zu Recht zu den Klassikern der Weltliteratur!