"Great Expectations" wird von vielen englischsprachigen Schriftstellern als eines ihrer Lieblingsbücher benannt (z.B. Anne Rice), in Deutschland aber wurde dieser Dickens-Roman leider nicht so popular, vermutlich weil hierzulande Dickens (warum eigentlich?) mehr als Jugendbuchautor und seine Romane "Oliver Twist" und "David Copperfield" als "Jungenbücher" gesehen werden.
"Great Expectations" gehört zu den reiferen, düsteren Werken des großen viktorianischen Romanschriftstellers und wird von vielen Literaturkennern und heutigen Kollegen (siehe oben) als sein Meisterwerk eingeschätzt. Dickens treibt hier die Verschachtelung der Handlung und Vernetzung aller Charaktere bis zum Äußersten ohne jemals dabei den Faden zu verlieren oder unglaubwürdig zu werden.
Was hat das nun mit dem Film zu tun?
Dem Film gelingt es, die Qualitäten des Romans mit leicht gekürzter Handlung in die moderne Zeit zu übertragen. Statt im 19. JH spielt die Geschichte von Finn (statt Pip) in den 1990ern.
Es bleibt die geniale Mischung aus Spannung, Liebesgeschichte und Mystery.
Auch die Rollen sind hervorragend besetzt: Gwyneth Paltrow war meiner Meinung nach nie besser als in diesem Film als kühle, männerverachtende Estella (dafür hätte sie den Oscar mehr verdient als für die relativ brave Rolle in "Shakespeare in Love").
Ethan Hawke spielt brillant die Verwandlung vom tolpatschigen Fischerjungen zum smarten neuen Star der Schickeria. Und Robert de Niro ist ziemlich düster als entflohener Sträfling. Anne Bancroft ist eine herrlich exzentrische Miss Havisham, die hier aber Miss Dinsmoor heißt. Chris Cooper spielt Joe mit eindrücklich gerade durch seine Zurückhaltung - die Szene von Joes Besuch auf der Vernisage ist unvergesslich und tieftraurig.
Der Film ist heute schon ein "Geheimtip" geworden, da er leider - aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen - von der Kritik entweder missachtet oder mit wenigen Worten abgehandelt wurde (mein Verdacht: im Fahrwasser von "Titanic" konnten nur wenige Filme "überleben"). Egal, ob man die Romanvorlage kennt oder nicht, der Film lohnt sich zu entdecken oder wiederzusehen.