In Wolfgang Schreibers Buch "Große Dirigenten" finden Sie eine große Auswahl an Portraits berühmter Dirigenten unterschiedlicher Zeiten und sowohl geographisch-kulturell unterschiedlicher Herkunft als auch unterschiedlicher Herangehensweisen an die Musik. Natürlich sind die bekanntesten Namen wie Karajan, Bernstein, Furtwängler, Toscanini, Klemperer, Walter, Carlos Kleiber oder unter den Lebenden Rattle, Abbado, Barenboim, Jansons, Mehta, Maazel, Masur und Thielemann vertreten. Aber auch vielleicht demjenigen, der sich nur am Rande oder nur selten mit klassischer Musik beschäftigt, weniger Bekannte wie Salonen, Boulez, Cambreling, Metzmacher und Gielen werden portraitiert. Dabei handelt es sich nicht um eine lexikonartige alphabetische Aufzählung der Dirigenten. Stattdessen stellt Schreiber in vielen Kapiteln mehrere Dirigenten nacheinander vor und stellt deren Gemeinsamkeiten wie z.B. die Herkunft oder das musikalische Ziel (z.B. Einsatz für Neue Musik bei Scherchen, Rosbaud und Gielen) in den Mittelpunkt. Wenn auch die im Vorwort gestellte Frage danach, was einen großen Dirigenten ausmacht, letztlich (wohl auch absichtlich) unbeantwortet bleibt, so kann man durch diese Portraits einen guten Überblick über die unterschiedlichen Musizier- und Interpretationstraditionen des 20. Jahrhunderts gewinnen, vermittelt jeweils durch prägende Figuren der Dirigentenzunft.
Über die Auswahl könnte man sich natürlich streiten und ich könnte hier ewig "bekritteln", wem hier viel Platz eingeräumt wurde (Termikanow, Svetlanow, Barbirolli, Cambreling, Metzmacher, Dohnányi, Welser-Möst), wem nur wenig Platz (z.B. Blomstedt, Böhm, Haitink, Herreweghe, Jacobs, Paavo Järvi, Mackerras, Minkowski, Nott, Weil), wem nur Nebensätz gewidmet werden (Marriner, Brüggen, Goebel, Hogwood, Kuijken, Koopman, Pinnock, Savall) und wer gänzlich fehlt (Neeme Järvi, Kristjan Järvi, Antonini, Goodman, Haiim, Hengelbrock, van Immerseel, McCreesh, Nézet-Seguin, Dudamel, Nelsons). Bei einigen Interpreten liegt dies am Alter des Buchs (insbesondere bei Paavo und Kristjan Järvi sowie Nézet-Seguin, Dudamel und Nelsons, die erst in den vergangenen Jahren verstärkt oder erstmalig auf sich aufmerksam gemacht haben), bei anderen räumt Schreiber selbst ein, dass man sich darüber streiten könnte, ob sie nicht eigentlich mehr Aufmerksamkeit verdienten (er nennt z.B. Haitink und Jacobs). Aber natürlich könnte man meine Auswahl dabei genau so kritisieren wie die Schreibers. Für Schreibers Auswahl spricht dabei natürlich, dass eine ausführliche Würdigung aller von mir hier aufgeführten Dirigenten nicht nur zu einem dickeren Buch geführt hätte, sondern vermutlich auch zu sehr den Charakter eines großen "Sammelprogrammhefts" angenommen hätte, während Schreiber sicher gute Gründe hat, die historische Perspektive zu betonen.
Ein für Schreiber wichtiges Kriterium ist dabei auch die Vielseitigkeit der Interpreten und insbesondere die Frage danach, inwieweit sie sich für Neue Musik stark gemacht haben oder stark machen. Dieses Kriterium rechtfertigt z.B. die Aufnahme von Cambrelling, Dohnányi und Metzmacher. Ich persönlich muss gestehen, dass ich mich mit dem Großteil der Musik des 20. Jahrhunderts schwer tu und mit der echten zeitgenössischen "klassischen" Musik (in Abgrenzung zu Jazz, Pop, Rock und Co.) erst recht, aber ich möchte es nicht missen, mich an dieser reiben zu können und den Versuch zu unternehmen, mein ästhetisches Spektrum zu erweitern und ich kann verstehen, dass ein Musikjournalist, der sich über Jahrzehnte hauptberuflich mit Musik beschäftigt sich nicht nur mit neuen oder z.T. auch lediglich vermeintlich neuen Lesarten des barocken, klassischen und romantischen Repertoires begnügen möchte. Insofern halte ich dieses Kriterium für nachvollziehbar, auch wenn ich persönlich
Mag man sich über die Kriterien also endlos und vielleicht auch z.T. fruchtlos streiten, so liegt die eigentlich Stärke des Buchs meines Erachtens ohnehin weniger darin, wer portraitiert wird, sondern wie portraitiert wird. Es wird eben nicht lediglich ein biographischer Kurzabriss gegeben und es wird nicht nur eine Hommage des jeweiligen Dirigenten dargeboten, sondern stets der Versuch unternommen, die Verbindung von Biographie, künstlerischen Zielen und Interpretations- und Programmgestaltungsstilen zu schaffen. Dies gelingt in der Regel sehr gut. Krampfhafte Psychologisiererei unterbleibt, das Buch ist verständlich geschrieben und flüssig lesbar, ohne dadurch flach zu werden. Natürlich ist nicht alles neu, natürlich könnte man über einige der Portraitierten wesentlich mehr schreiben, aber ich denke, die Kurzportraits sind größtenteils informativ und gut gelungen, so dass ich den Kauf und die Lektüre dieses Buchs für mich als gewinnbringend verbuchen kann und es hiermit weiterempfehlen möchte.