Um es gleich vorweg zu sagen, dieses "Requiem" von Gérard Grisey - fast in Vorwegnahme seines eigenen unerwarteten plötzlichen Todes kurz nach Vollendung der "Quatre chants pour franchir le seuil" (Vier Gesänge, um die Schwelle zu überschreiten) - ist ein absolutes Meisterwerk. Und die Interpretation ist ganz hervorragend.
Jeder Teil beginnt mit geräuschhaften perkussiven Wirbeln, die dann in die Vertonung der jeweiligen Gedichte bzw. Texte münden. Der Klangteppich, der aus mikrotonalen Harmonien gebildet wird (Spektralmusik) fluoresziert zu einem lebendigen Gewebe, aus dem heraus die Stimme im ersten Teil einsam und verzweifelt den Tod des Engels besingt, fast möchte man sagen herausruft. Am Ende dieses Teils hört man äußerst farbige, tief anrührende Klänge in sich erschöpfenden absteigenden Phrasen.
Der zweite Abschnitt nennt sich Tod der Zivilisation und hat als Textgrundlage die Entzifferung von Texten ägyptischen Sarkophagen. Die Emotionalität dieses Satzes liegt ganz bei der Harfe, die im ganz tiefen Register mit nur wenigen Tönen dramatische Klänge hervorbringt. Die übrigen Instrumente geben spährische Farben hinzu. Die Stimme dechiffriert fast nüchtern darüber die Inschriften.
Der dritte Abschnitt ist der melodiöseste und heißt Tod der Stimme. Am Ende verliert sich die Klangvielfalt bis nur noch zwei Tönen in tiefer Lage im Ensemble übrig bleiben.
Der vierte Abschnitt ist Tod der Menschheit genannt und enthält den dramatischsten Teil. Nach einem langen perkussiven Vorspiel kommt die Sintflut in Form von bewegten kurzen Linien in den übrigen Instrumenten, zu der dann die "letzten Posaunen" in Form von zwei Tuben ertönen. Die Stimme besingt ganz hoch mal klagend, mal hektisch diese Flut, um dann in dem abschließenden Wiegenlied in tiefer Ruhe den Tod anzunehmen.
Catherine Dubosc singt mit großer Sicherheit in der Intonation und schöner Ausdruckskraft die äußerst schwierige Partie. Das Ensemble Klangforum Wien ist ausgezeichnet. Sylvain Cambreling, dem Dirigenten gelingt eine tief ergreifende Interpretation.
Ich finde es völlig richtig, daß der Kairos-Verlag sich entschlossen hat, nur dieses Werk auf die CD zu pressen. Auch wenn die CD nur 3/4 Stunde lang ist, wirkt das Stück um so nachhaltiger. Das Beiheft ist hervorragend.
Uneingeschränkt empfehlenswert. Dieses Werk ist auch Nicht-Spezialisten Neuer Musik nahezulegen. Diese Musik ist für mich genau so tief bewegend wie ein Brahms-Requiem oder Das Lied von der Erde von Gustav Mahler.