Gleich vorweg: Wer keine Spoiler mag, sollte nicht weiterlesen.
Wenn dieses Buch ein Film wäre, hätte er sicherlich eine Altersfreigabe FSK 12.
Natürlich zeichnet sich eine gute Horror-Stroy nur bedingt durch den Blutfaktor aus, und die besten von ihnen mögen sogar ganz ohne auskommen. Auch Zombiegeschichten müssen nicht von Eingeweiden und explodierenden Gehirnen dominiert werden, um spannend und beklemmend zu sein, wie z.B. "Untot" von John Russo beweist. Aber dennoch erscheint es mir ein bißchen allzu sanft, wenn mit Sätzen im Stil von "Sie rissen ihn zu Boden und zerfleischten ihn" gearbeitet wird, wenn der Rest der Story es nicht schafft, eben das spezielle Zombie-Beklemmungsgefühl hervorzurufen. Ich möchte nicht so weit gehen, den Schreibstil auf John Sinclair-Niveau anzusiedeln, aber wirklich viel fehlt nicht, jedenfalls spielt der Autor hinsichtlich seiner Schreibkünste in einer sehr viel tieferen Liga als z.B. sein (Nach-)Namensvetter Dan Simmons (u.a. "Hyperion") - ja, selbst der Tagebuch schreibende Apokalypse-Soldat Bourne schafft es weit souveräner, Spannung aufzubauen, auf die man bei Simmons über lange Strecken vergeblich hofft. Und mit "Eden" kann sich das Büchlein "Grippe" schon gar nicht messen. Teilweise mag dies auch der Übersetzung geschuldet sein, denn viele Wörter passen einfach nicht in den Text, sie beschreiben die Handlungen und Befindlichkeiten der Protagonisten mit falschen bzw. unpassenden Adjektiven.
Überhaupt, die Protagonisten: Farblos, blaß, austauschbar und oft selten dämlich. Der Autor versucht zwar, ihnen mit verschiedenen Mitteln psychologischen Tiefgang mitzugeben, scheitert aber recht kläglich. Kaum einer der "Helden" macht sich z.B. Gedanken über Familienmitglieder, Freunde usw. und was aus diesen geworden sein könnte, und wenn doch, dann bleiben diese Reflexionen an der Oberfläche seichter Charaktere. Warum die beiden Polizisten hingegen wegen des unter Quarantäne gestellten kleinen Mädchens regelrecht traumatisiert sind, erschließt sich psychologisch gesehen nicht ganz und wirkt recht gezwungen, um den Handlungsfaden weiterspinnen zu können (der einzig wirklich interessante Charakter ist der des ehemaligen IRA-Aktivisten, hier merkt man das Interesse des Autors an den Hintergründen). Der Mengele-Verschnitt (Zombie 2 läßt grüßen) auf der Militärbasis ist in seiner absoluten Psychopathie hingegen schon lächerlich und seine Aktionen sind leicht vorhersagbar.
Hinzu kommt eine Reihe von völlig unrealistischen Aktionen:
- Mit einem Gewehr durch einen Schuß auf eine Zapfsäule eine Tankstelle zur Explosion zu bringen, dürfte wohl auch in Irland kaum möglich sein, sonst würden dort ständig irgendwelche Tanken in die Luft fliegen und der IRA ihren "Job" wesentlich erleichtert haben. Noch dazu befindet sich der Unterschlupf der "Helden" nicht weit entfernt, wenigstens ein kurzer Check der Windrichtung sollte vor dem absichtlichen Legen eines Großfeuers schon drin sein
- Im Abstellraum der Tankstelle steht ein voller Dieselkanister - entgegen jeglicher Sicherheitsvorschriften; vielleicht war der Tankstellenpächter ja suizidgefährdet oder liebte das Risiko ...
- Wenn man ein stabiles Lagerhaus in einer von Zombies relativ freien Zone voll mit brauchbaren Waren jeglicher Art findet, dann verschanzt man sich dort und fährt nicht zurück in das zombieverseuchte Stadtgebiet, obendrein noch ohne die Tanknadel des Fahrzeugs zu beachten
- Ein Mann, der offensichtlich mehrere Wochen unter Zombies überlebt hat, geht nur mit einem Cricketschläger bewaffnet auf die Straße? Hallo?
- Scheinbar sind Iren die geborenen Schützen, denn egal wer es ist, jeder lernt ratzfatz innerhalb kürzester Zeit mit einer Schußwaffe umzugehen (außer er ist vom Autor als sofortiges Zombiefutter vorgesehen) und auch noch zu treffen, wobei es egal ist, ob der Schütze oder das Ziel still steht oder sich in Bewegung befindet; Waffen müssen nicht eingeschossen, Zieloptiken nicht justiert werden (mit einer Ausnahme); Personen, die noch niemals eine Glock 17 in der Hand hatten, landen damit sofort finale Treffer; das zeigt wohl deutlich, daß der Autor wohl selbst niemals eine Schußwaffe in der Hand hatte oder sich hier sehr viel künstlerische Freiheit herausgenommen hat, realistisch ist dies jedenfalls nicht
- Ein Scharfschütze, der es schafft, einem mehrere hundert Meter entfernten Zombie die Rübe wegzuschießen, ist nicht in der Lage, mit dem gleichen Gewehr einem vor seinem Appartmentfenster schwebenden Militärhubschrauber wirkungsvolle Treffer beizubringen?
- Wenn man aus dem Magazin einer Glock 17 (siebzehn Schuß) eine Patrone entfernt, um Ladehemmungen zu verhindern - OK. Aber warum wirft der Protagonist die entnommene Patrone ins Handschuhfach, anstatt sie mitzunehmen, und verringert so die Wehrhaftigkeit mal eben um 1/17 bzw. knapp 6 %?
- Obwohl die Stadt seit vielen Wochen von Zombies beherrscht wird, gibt es keine Brände, keine Gasexplosionen aufgrund mangelnder Wartung usw. Es gibt verstopfte Abflüsse in Wohnungen, aber die Kanalisation funktioniert - trotz nicht mehr vorhandener elektronischer Steuerung von Wehren usw. - noch und überschwemmt nicht die Straßen?
- Jede Menge Personen verschanzen sich in der City einer Großstadt, obwohl offensichtlich ist, daß es dort besonders gefährlich ist und fliehen nicht aufs Land, wo es vielleicht noch abzuerntende Felder, Schlachtvieh und jagdbares Wild gibt? Ja, Leute kehren von Außerhalb sogar wieder in die Stadt zurück?
- Tiere scheinen sich in der Stadt überhaupt nicht aufzuhalten, noch nicht einmal entlaufene Hunde und Katzen (die auch als Nahrung dienen könnten)
- Camping-Kocher scheinen weder Gas noch Esbit oder sonst ein Brennmittel zu benötigen und halten ewig
- Erst nach gefährlichen Aktionen zur Nahrungsbeschaffung kommen die Protagonisten auf die Idee, die Nachbarwohnungen und -häuser zu plündern, obwohl dies doch besonders naheliegend wäre
- Scheinbar scheint es in Irland keinen CB-Funk zu geben, denn wenn eine Kleingruppe sich aufteilt, wäre es sicherlich sinnvoll, sich vorher zumindest eine Handfunke zu besorgen - dann schläft bestimmt niemand ein, der zurückgelassen wird und die Tür bewachen soll
- Am "besten": Wenn die Regierung vor hat, illegale Ausländer usw. durch heimlich in die Wohnungen eingebaute Kameras zu überwachen, wieso werden diese Mittel dann zur Beobachtung einer ganz offensichtlich harmlosen jungen und alleinerziehenden Mutter aufgewendet anstatt damit eingewanderte oder alteingesessene Drogenhändler, Waffenschieber, Zuhälter, Terror-Sympathisanten usw. zu beobachten? Woher kommt über Wochen der Strom, wie werden die Bildsignale übertragen? (OK, Nebenaspekte, aber dennoch zur Verdeutlichung des Gesamteindrucks der Story beitragend)
Außerdem ist noch anzumerken: Auch wenn Vergewaltigung in der Realität durchaus härter bestraft werden dürfte und den Opfern mehr Hilfe angeboten werden müßte, wenn man die jahrelangen Traumatisierungen derselben bedenkt, so erscheint es doch mehr als fragwürdig, für eine versuchte (nicht vollendete!) Vergewaltigung die Todesstrafe durch Gefressenwerden zu verhängen (ohne jeden weiteren eindeutigen Beweis einer wie auch immer gearteten Schuld); dies befriedigt vielleicht simple Racheinstinkte bei einfach gestrickten Lesern, ist aber als "Idee" ansonsten weit erschreckender als die Zombies in dieser Geschichte selbst.
Positiv ist allerdings ist, daß die Zombies "klassisch" sind - sie können weder ein Wettrennen gewinnen, noch sprechen, beten oder Emotionen zeigen, es gibt keinen Zombie-Messias und keinerlei übersinnlichen Unsinn wie Telepathie und vor allem: keine Zombie-Tiere. Die "Weiterentwicklung" der wandelnden Leichen bleibt auf einem insektenhaften Niveau, was gut so ist, denn das erwartet man nun einmal, zumindest als Zombie-Purist.
An einigen Stellen versucht der Autor zumindest so etwas wie Sozialkritik einzuflechten - obwohl ja gerade Zombie-Dystopien bekanntlich sehr viele Gelegenheiten dazu hergeben; aber immerhin, besser als nichts und doch ein gewisser Unterschied zu einigen anderen Geschichten, die ausschließlich aus Blutgematsche bestehen.
Trotz der genannten Mängel ist das Buch aber zumindest für ein Wochenende oder für die Pflicht-Rechtsvorlesung eine magenschonende Lektüre und möglicherweise für etwas zartbesaitetere Personen oder zum Einstieg in die Zombie-Thematik geeignet. Dafür, und für den Mut des Autors, die Geschichte nicht zum Ausgleich durch Selbstzweck-Splattereien "aufzuwerten", immerhin (mit Gewissensbissen) noch drei Sternchen.