Im verakademisierten und durchgeplanten Bildungswesen der Neuzeit geht der Gedanke ziemlich verloren, man könne es auch zur Meisterschaft bringen, indem man bei einem Meister lernt. Und erstaunt stelle ich fest, dass sich gegen die Verschulung des Handwerks wenig Widerstand regt. Weniger ins Staunen komme ich, wenn ich in der täglichen Arbeit erfahre, wie praxisfremd viele Grafiker an ihr Werk gehen. Das wird bei Benjamin Bartels und Maximilian Kohler sicher nicht zutreffen. Denn sie gingen auf die Walz. Zwar nicht jahrelang, aber immerhin für 194 Tage. Das ist ganz offensichtlich so unüblich, dass sie damit ziemlich Aufmerksamkeit erregten. Allerdings halfen sie kräftig nach. Vor allem mit diesem Buch.
Ihr gemeinsames Tagebuch umfasst 169 Seiten und ist selbstverständlich so gestaltet, dass es als Referenzobjekt dient. Aber dass sie gleich so Furore machen würden, konnten die beiden Weltenbummler vor ihrem Aufbruch sicher nicht ahnen. Auftritte an der Frankfurter Buchmesse, hohe Auszeichnungen der eigenen Zunft, Berichterstattungen in den Medien und Lesungen. Da ihre Tour auch nach Zürich führte, konnte ich mich live davon überzeugen, ob die Reiseerfahrungen tatsächlich Spuren hinterlassen haben. Sie haben. Jedenfalls gehören Benjamin Bartels und Maximilian heute zur Fraktion jener, die nicht daran glauben, das Handwerk eines Grafikers müsse zuerst pädagogisch aufbereitet und in einen Lehrplan gepresst werden, bevor es sich vermitteln lasse. Auch wenn sie der Meinung sind, das Studium habe sich gelohnt.
Lohnt sich die Anschaffung dieses Buches auch für andere angehende und seiende Grafiker? Ja, unbedingt. Aber weniger, weil es der Branche den ultimativen Innovationsschub verleiht, sondern weil es dazu ermuntert, das traute Heim und den trendigen Arbeitsplatz für einige Zeit zu verlassen. Und zwar bevor man durch Eigenheim, Krippenplätze und engmaschige Sozialnetzwerke schon vorgespurte Bahnen Richtung Zukunft hinter sich bringt. Weil ich diesen speziellen Erfahrungsbericht am liebsten in den Händen aller jungen Grafiker sehen würde, finde ich es schade, dass sein Preis nicht eben studentenfreundlich ist. Und auch wenn ein anderer Rezensent die gelbe Verpackung cool findet, wäre mir lieber, man hätte darauf verzichtet und dafür den Preis gesenkt. Zumal mich die Idee nicht überzeugt, ich würde mich mit dem Corporate Design eines anderen auf die Reise machen. Aber vielleicht begreife ich die junge Szene ja auch nicht. Vielleicht findet man es heute cool, sich mit einer angeschriebenen Kopie zu profilieren.
Mein Fazit: Ein Studium mag zur Vermittlung eines Handwerks nützlich sein, mag die Zeit für eigene Sucharbeiten verkürzen und nützliche Netzwerke knüpfen. Aber eigene Erfahrungen können selbst die besten Dozenten und Lehrpläne nicht ersetzen. Chapeau! Benjamin Bartels und Maximilian Kohler haben gewagt, was eigentlich zum Pflichtprogramm angehender Meister gehören müsste. Sie machten sich auf, um von anderen Kulturen und Menschen zu lernen. Grund genug, das Buch trotz Tasche und Preis mit fünf Sternen zu bewerten.