Wer kennt nicht die Märchen der Gebrüder Grimm? Geschichten um Prinzessinnen und schauderhafte Wesen, die allesamt mit einem "Es war einmal..." beginnen.
Vesper ist mittlerweile siebzehn Jahr alt und verbringt ihr Leben alles Andere als märchenhaft:
Ihre Mutter hat keine Zeit für sie, ihr Vater lebt seit der Scheidung weit entfernt und sie muss sich nun auf einer neuen Schule in Hamburg zurechtfinden. Ihre Antwort auf alles: Trotz. Rotzig frech und selbstbewusst gerät sie immer wieder in Schwierigkeiten, flüchtet sich oftmals in ein kleines Theater, in dem sie einen Nebenjob gefunden hat.
Doch dann erfährt sie, dass ihr Vater auf mysteriöse Weise gestorben ist. Ihr Vater, der berühmte Produzent. Kurze Zeit darauf findet sie in der Wohnung ihrer Mutter auch deren Leiche - und noch dazu etwas, das der Welt der Märchen entsprungen zu sein scheint...
Ganz auf sich allein gestellt, erhält sie per Post einen Schlüssel und einen Ring - zwei Gegenstände, die ihr völlig unbekannt sind. Da sich jedoch immer mehr unglaubliche Ereignisse in Hamburg häufen und der böse Wolf aus den Märchen ihr auf den Fersen zu sein scheint, beschließt Vesper, dem letzten Rat ihres Vaters zu folgen und dem Geheimnis um die zwei Gegenstände auf die Spur zu kommen. Dabei trifft sie den Studenten Leander, dessen Geschichte mit ihrer eng verknüpft zu sein scheint und gemeinsam geraten die Beiden in große Gefahr, als die Wesen aus Grimms Märchen ihre Verfolgung aufnehmen.
Auf der Suche nach "märchenhaften" Büchern bin ich über Grimm von Christoph Marzi gestolpert. Eine Verknüpfung der alten Geschichten mit der Gegenwart sollte den Leser erwarten, eine Brücke wollte der Autor schlagen.
Ganz gelungen ist ihm das meiner Meinung nach nicht... aber mal von Anfang an.
Die Protagonistin Vesper Gold wird von der ersten Seite an als aufmüpfiger Teenager beschrieben. Da, wo die meisten Menschen irgendwann den Kopf einziehen würden, legt sie erst so richtig los, überschreitet mit ihren frechen Bemerkungen eine Grenze nach der Anderen. Auch ihr Auftreten wird als dazu passend beschrieben: sie sei sehr hübsch, kleide sich aber grundsätzlich von Kopf bis Fuß in schwarz. Die Männer liegen ihr zu Füßen aber sie zieht es vor rebellisch und schnoddrig übel gelaunt der Welt gegenüber zu treten. Klingt nach Klischee, ist aber eigentlich ganz nachvollziehbar, sobald man etwas mehr über das Mädchen erfährt: ihre Eltern sind beide berühmte Persönlichkeiten und leben seit einiger Zeit in Scheidung. Keiner der beiden kümmert sich viel um sie und die meiste Zeit ist sie ganz alleine. Noch dazu hatte sie einmal eine große Schwester... aber diese ist nun fort.
So fängt man sofort an das Mädchen mit dem ungewöhnlichen Namen in sein Herz zu schließen. Es ist regelrecht erfrischend zu lesen wie sie schamlos mit Worten die Sekretärin ihrer Schulleiterin in den Boden stampft oder sich ein Wortgefecht mit ihrer Mutter leistet.
Ihre nach außen hin getragene harte Schale bröckelt nur, wenn sie mit ihrer Arbeitskollegin und deren Tochter spricht - und später, als sie auf Leander trifft.
Leander selber bleibt leider die ganze Zeit über eine schwammige Nebenfigur. Er taucht aus dem Nichts auf und ist plötzlich mitten im Geschehen drin, Vesper verliebt sich sogar in ihn. In Erinnerungen geblieben sind mir allerdings nur die Tatsachen, dass er altmodische Klamotten trägt (Fliege!), ein altes Auto fährt (Ente!), viel lacht und eine wirre Haartolle hat. So ist es bisweilen schwierig nachzuvollziehen, warum Vesper sich in ihn verliebt und seine ganze Gestalt bleibt einem während des Lesens seltsam fremd.
Dennoch ist die Sprache, die Christoph Marzi verwendet, fantastisch. Seine Beschreibungen sind ausgeschmückt ohne kitschig zu wirken, die Vergleiche muten selber märchenhaft an und durch Ein-Wort-Sätze schafft er immer wieder Spannung, die beim Lesen mitreißt. Ich war sofort gefesselt davon, wie elegant er die Geschichte erzählt und wie poetisch sogar banalste Situationen beschrieben wurden. Wer drauf achtet, wird sogar erkennen, dass Herr Marzi ein Lieblingswort hat, das immer wieder auftaucht: indes. Ich persönlich finde etwas "rostige" Ausdrücke schön und musste grinsen als mir gesagt wurde, dass manche Leute das Wort nicht mal kennen.
Einzig der ständige Einbau von Liedern hat mich im Verlauf der Geschichte etwas gestört. Wer die erwähnte Musik kennt und sofort die Melodie im Kopf hat, wird damit vermutlich kein Problem haben, aber da ich die meisten der Stücke nicht kannte, fand ich die sich immer Wiederholenden Einwürfe etwas anstrengend und störend.
Insgesamt handelt es sich bei "Grimm" um eine abenteuerliche Geschichte mit vielen Märchenelementen. Die Brüder Grimm mit ihren Erzählungen bildeten dabei nicht nur die Grundlage, sondern spielen auch eine wichtige Rolle im Verlauf des Buches und ihre Märchengestalten greifen in das tatsächliche Leben ein, werden von Seite zu Seite lebendiger. Da die Charaktere einem aber beim Lesen erschreckend fremd bleiben und die Handlung recht verworren ist, zu wenig geklärt wird und alles schließlich zu schnell passiert, kann auch die Verwebung von Realität und Märchen keine fünf Sterne mehr rausreißen. Eigentlich schade, denn bei der wunderschönen Sprache des Buches und der Idee, hinter der viel Potential steckt, hätte ich mehr erwartet.
Wer Interesse an Märchen hat und dabei nicht auf moderne Elemente verzichten möchte, kann aber mit "Grimm" nichts falsch machen. Ein schönes Buch für ein paar Lesestunden vor dem Kamin.