Rosenbergers Buch bietet einen guten Überblick über "Techniken", "Funktionen" und "Mediengeschichte" griechischer Orakel, so die Titel der einzelnen Kapitel. So werden die Hintergründe des Kontaktes zu Gottheiten, die Regeln, nach denen Befragungen abliefen und die Rolle der Priester oder "Medien" wie der Pythia in Delphi beleuchtet. Das Buch ist damit geeignet zum Einlesen in die Thematik, geht allerdings kaum über eine Quellensammlung hinaus. Letztlich werden hauptsächlich Berichte antiker Schriftsteller wiedergegeben, aus denen die Rolle der Orakel entwickelt und ihre Rolle im Leben der antiken Gesellschaft verortet wird.
Interessant wäre es gewesen, darüber hinauszugehen und z.B. die Absichten der Beteiligten wie der Priesterkollegien zu untersuchen. Rosenberger schreibt in seinem "Epilog" selber: "In der vorliegenden Untersuchung [wurde]die Einteilung nach Historizität und Fiktionalität der Orakelsprüche weitgehend vermieden". Das wäre aber doch genau der brisante und interessante Punkt gewesen. Haben z.B. Priesterkollegien Sprüche erfunden; wie wurde das "Gebrabbel" der Pythia von Priestern gedeutet, was lief hinter den Kulissen ab? Welche Intentionen hatten Autoren wie Herodot (oder deren Informanten) und Priester, indem sie Orakelsprüche erfunden haben? Wenngleich Antworten darauf sicher sehr schwer zu geben sind, hätten diese Fragen doch zumindest problematisiert werden sollen. Der Leser bleibt mit dem Eindruck zurück, dass hier eine Chance zu tiefergehender Auseinandersetzung verpasst wurde.
Insgesamt ist das Buch flüssig geschrieben und gut an einem Wochende durchzulesen, kann aber für den Fachmann und den sehr interessierten Leser nur Anstoß zu eigener, tieferer Beschäftigung mit dem Thema sein.