Karl Wilhelm Welweis Griechische Geschichte ist leider nicht das vom Verlag erhoffte Standardwerk geworden.
Natürlich besitzt Welwei überragende Kenntnisse der antiken griechischen Geschichte und interpretiert Schriftquellen ebenso sicher wie archäologische Befunde, was keine Selbstverständlichkeit ist. Er ist - offensichtlich - auf dem neuesten Stand der Forschung und bezieht dezidiert Stellung zu strittigen Grundsatz- und Detailfragen. Seine Griechische Geschichte eignet sich vor allem als Handbuch, um sich schnell auf den Forschungsstand zu bringen.
Allerdings gelingt es Welwei nur gelegentlich, sein überragendes Wissen auch in systematischer, strukturierter Form zu präsentieren. Dafür gibt es mehrere Gründe.
Das Buch beginnt mit einer sehr ausführlichen Darstellung der griechischen Frühzeit. Das ist im Grunde ein lobenswertes Unterfangen, aber in einem Buch das sich an neben "Fachkollegen" auch an "Studierende, Lehrer der Geschichte und einen breiteren Leserkreis" wendet, hätte Welwei die grundlegenden Strukturen viel klarer vermitteln müssen. Das ist eine generelle Schwäche des Werks, sie tritt aber auf den ersten 150 Seiten besonders hervor, da nur Spezialisten mit der mykenischen Geschichte oder der Geschichte der quellenarmen dunklen Jahrhundert wirklich vertraut sind. Man kann auch problemlos ein Studium der Alten Geschichte bewältigen, ohne sich jemals mit den Unterschieden zwischen "Späthelladikum III B" und "Späthelladikum III C" beschäftigen zu müssen. Hier wäre deutlich mehr Führung durch den Autor nötig gewesen. Ein allgemeinverständlicher Satz wie "Der Ausdruck "helladische Periode" (auch "Helladikum") ist synonym für die Bronzezeit auf dem griechischen Festland" (Quelle: dt. Wiki), findet sich bei Welwei jedoch nicht. Der Auto liefert eine Fülle von Details, diskutiert Forschungsergebnisse bis ins Kleinste, aber er versäumt es, dem Leser klare Strukturen vorzugeben.
Das Lektorat hätte unbedingt auf eine systematischere Darstellungsform drängen müssen: Ich habe noch nie ein Buch gelesen, in dem der Ausdruck "wie bereits gesagt" (oder Artverwandtes) so häufig vorkommt wie in diesem. Ein gewisses Maß an Wiederholung ist stets angebracht, aber was hier geboten wird, ist ermüdend. Geschätzte zwei Dutzend Mal wird geschrieben, dass die Bezeichnungen "demokratisch" oder "oligarchisch" für Staatsformen in verschiedenen Polis vor der Ausbildung der Demokratie in Athen anarchronistisch sind. Die Tatsache, dass "Wanderungen" nicht als großangelegte Feldzüge zu verstehen sind, sondern als langsames Einsickern von Bevölkerungsgruppen, wird vielfach wiederholt. Man könnte Dutzende (!) weiterer Beispiele nennen.
Mehr noch, das Lektorat hat den Autor auch nicht dazu bewegen können, Ereignisfolgen systematisch und chronologisch darzustellen. Ein Beispiel ist die Schilderung der Schlacht von Himera auf Sizilien:
Zunächst wird die Schlacht von Himera als Sieg Gelons (Tyrann von Syrakus) erwähnt (S. 215), woraufhin die "Siedlungspolitik" Gelons, die politischen Allianzen Siziliens und die Ursache der kathargischen Invasion geschildert wird. Dann folgt die Erwähnung, dass die Katharger mit einer starken Streitkraft landeten, die vernichtend geschlagen wurde (216 Mitte). Es folgt die Schilderung der Machtstruktur in Syrakus, dann die nach S. 194 mindestens zweite Erwähnung des Umstands, dass Gelon eine Beteiligung an den Perserkriegen ablehnte, weil eine "kathargische Invasion drohte", die aber auf der Seite zuvor schon siegreich zurückgeschlagen worden war. (217 Mitte) Dann widmet sich der Autor den Zielen der bereits abgewehrten Invasion der Katharger und ordnet die Bedeutung der Schlacht bei Himera ein. Außerdem erwähnt der Autor den Tod Gelons. Es folgt ein Exkurs über Kyme.
Zu Beginn des nächsten Kapitels (218) ist Gelon "wiederauferstanden" und nach der Schlacht von Himera der "dominierende Herrscher in Sizilien". Außerdem befürchten die Katharger die Gegen-Invasion von Gelon und suchen bei ihm erfolgreich um Frieden nach. Dieser stiftet daraufhin Weihgeschenke für Delphi und Olympia, stirbt zwischen den Zeilen ein zweites Mal und wird von seinem Bruder Hieron als Tyrann beerbt. Man kann an der unsystematischen Erzählweise wirklich verzweifeln, zumal man auch hier eine ganze Reihe von Beispielen liefern könnte.
Damit sind die Probleme der Griechischen Geschichte noch nicht abschließend beschrieben: Trotz der Konzentration auf Politikgeschichte (jedenfalls in klassischer Zeit) bleibt die Darstellung seltsam ausdrucksschwach. Es fehlt dem Buch an Leben, an Lebendigkeit der Schilderung. Es gelingt Welwei nicht, die griechische Geschichte greifbar, erlebbar zu machen. Wenn man dieses Buch mit einem anderen Alterswerk eines großen Historikers vergleicht, nämlich Johannes Frieds "Mittelalter", dann ist letzteres (trotz vieler problematischer Urteile) weitaus anschaulicher und vermittelt ein echtes Gefühl für die Vielgestaltigkeit mittelalterlichen Lebens, einschließlich des Geisteslebens. In Welweis Werk erhält man nie den Eindruck, dass die griechische Geschichte sonderlich interessant ist.
Und in noch einem Punkt ist Fried Welwei überlegen und zwar im systematischen Zugriff. Welwei beschränkt sich auf eine reine Politikgeschichte und geht auf Kultur, Philosophie, Wissenschaft und geistiges Leben nur in einem Abschlusskapitel und auf die Wirtschaft und Sozialstrukturen nur am Rande ein (wobei er letztere offensichtlich nur negativ behandelt - im Sinne von: "darf nicht verstanden werden als").
Es ist immer etwas unfair, einem Autor vorzuwerfen, er hätte besser ein anderes Buch geschrieben, aber dieses Buch wäre so viel interessanter gewesen, wenn es Verknüpfungen geschaffen hätte zwischen Philosophie/Wissenschaft/Kultur, Wirtschaft/Sozialstruktur und Politik, anstatt Philosophie und Kultur in einem zwanzigseitigen Schlusskapitel "nachzuschieben". Man kann heutzutage schlichtweg kein Standardwerk schreiben, indem man kultur - und ideengeschichtliche Aspekte so stiefmütterlich behandelt. Der abschließende Epilog mit seinen Bewertungen hätte ebenfalls Teil des Fließtextes sein müssen. Wieso ist Welwei damit eigentlich so zurückhaltend? Hier könnte er doch mit der Autorität eines mehr als sechzigjährigen Schaffens als Historiker sprechen.
Abschließend noch drei formale Kritikpunkte: Die Karten und Abbildungen sind nützlich, sie sind aber im Text nicht verknüpft, das heißt man muss sie sich selbst erschließen. Auf manchen recycelten Karten ist die Färbung so dunkel, dass man kaum etwas lesen kann und außerdem scheint das Setzprogramm fehlerhaft zu sein, da insbesondere der Buchstabe "V" häufig in zu engem Abstand dargestellt wird. Ja, es ist seltsam, aber es ist so. Diese Aspekte haben aber keinen Einfluss auf die Bewertung.