Wo fange ich an? Vielleicht mit einem Lob. Mir gefällt der Grundgedanke des Buches sehr gut, ebenso die Entscheidung des Autors für die alte Rechtschreibung. Die Lektüre beginnt mit einer überwiegend gelungenen und teils sogar literarisch gehaltvollen Einleitung. Der Fachmann wird (und da bin ich schon bei der Kritik) aber leider schnell den Kopf schütteln:
- Griechenland wird unter Vernachlässigung Zyperns als südöstlichstes Land Europas bezeichnet (S.7), was ebenso fragwürdig ist wie die mehrmals auftauchende Behauptung, Griechenland und sogar Zypern gehörten zu Westeuropa (z. B. 158). Tatsache ist, daß Griechenland am Rande Südosteuropas steht, ungeachtet aller Bündnisse mit Westeuropa. In der Seele, in der Substanz ist Griechenland alles andere als westeuropäisch, und darauf kommt es an.
- Den neugriechischen Staat gibt es seit ca. 178 Jahren, nicht seit 150 (9).
- Eichheim schreibt, seit dem Aufkommen des Attizismus habe über viele Jahrhunderte hinweg ein Streit zwischen Volks- und Hochsprache angehalten (17), was falsch ist. Die Koexistenz zweier Sprachebenen wurde lange Zeit nicht als Problem wahrgenommen. Erst Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich ein echter Streit daraus.
- Die angeblich von Eideneier zitierte Behauptung des Autors, in der Verfassung von 1876 sei die Verwendung der Katharevousa festgeschrieben worden (18), ist meines Wissens nicht korrekt. Fakt ist, daß der besagte und zitierte Gesetzesartikel (Nr. 107) erst 1911 verabschiedet wurde.
- Bei der Darstellung der sprachlichen Gegenwart fehlt die Rolle der Katharevousa. Es wird der Eindruck erweckt, die Dimotiki hätte gegen die Katharevousa "gewonnen" und letztere sei heute nicht mehr relevant. Tatsächlich läßt sich die heutige neugriechische Standardsprache aber als eine Mischung aus Dimotiki und Katharevousa beschreiben. Die Angabe im Anhang, es gebe heute immer noch die Sprachformen Dimotiki und Katharevousa (182), ist längst überholt. Es gibt EIN Neugriechisch, das aber als sehr komplex beschrieben werden muß.
- Bei der Beschreibung des griechischen Mönchtums wird schwarz-weiß gemalt. Die einseitige Behauptung, ein griechischer Mönch sei nur Gott verpflichtet, während ein katholischer Mönch vorrangig seinem Abt verpflichtet ist (87), kann nicht ernsthaft getätigt werden. Fakt ist: Auch ein griechischer Athosmönch ist seinem Abt hundertprozentig zu Gehorsam verpflichtet, und selbst eigenständig und weitab des Klosters lebende Mönche müssen ihren Abt um Erlaubnis fragen, um für wenige Tage vom Athos ausreisen zu dürfen. Ein Gegenbeispiel sind die katholischen Kartäuser: Diese leben großtenteils nach ihren persönlichen geistlichen Bedürfnissen und in Einsamkeit und sind nicht in allem ständig ihrem Abt unterworfen. Man könnte also ein genau gegensätzliches Szenario von dem belegen, was Eichheim entwirft.
- Es wird gesagt, die Goten seien Slawen gewesen (110). Sie waren Germanen.
- Eine grobe Ungenauigkeit findet sich auf Seite 114: "Nach islamischem Gebot ist der Herrscher verpflichtet, alle Ungläubigen und deren Religion zu tolerieren." Die "Toleranz" bezog sich aber nur auf Juden, Christen und Zoroastrier (in dem Sinne, daß diese zu Bürgern zweiter Klasse degradiert wurden und kräftig zahlen mußten); die sogenannten Götzenanbeter wie die Hinduisten wurden alles andere als toleriert!
- Lästig wirken sich persönliche Stellungnahmen und Wertungen aus (157, 161). Die einseitige Verurteilung des Neins der griechischen Zyprer zum Annan-Plan läßt deren Beweggründe völlig außer Acht und suggeriert, ein Volk habe hier aus einer Laune heraus oder aus Bosheit das zarte Friedenspflänzchen zertrampelt. Auch das Plädoyer für die Europa-Integration der Türkei (157) ist einseitig, da die vielen Gegenargumente verschwiegen werden. Überhaupt: Wieso schreibt Eichheim so viel über Zypern? Themaverfehlung in einem Griechenlandbuch ...
- Fragwürdig sind diverse Pauschalaussagen über "die Griechen" ("die ganze Welt sah, wozu Griechen in der Lage sind" 103; "die Griechen sind sehr neugierige Menschen", "viele Griechen [verfügen] über tiefe heisere Stimmen", 99). Sollte man bei der Darstellung einer anderen Kultur nicht mit etwas mehr Fingerspitzengefühl vorgehen und derartige Verallgemeinerungen meiden?
- Nirgendwo werden die griechische Alltagskultur, die Eß- und Feierkultur, Bräuche, Traditionen, Festtage besprochen. Das sind doch die konstitutiven Elemente der griechischen Identität!
Dazu gesellen sich noch sprachliche und formale Fehler:
Griechische Buchstaben werden inkonsequent auf verschiedene Art und Weise mit lateinischen Buchstaben wiedergegeben: das Chi ist mal ch, mal h; das Gamma vor einem i- oder e-Laut ist mal g, mal j (Makrijannis, Digenis, 18f.), My-Pi ist mal mb, mal mp, das Ypsilon ist mal i, mal y, sogar innerhalb eines einzigen Namens: "Odysseas Elitis" (26)! Viele weitere Beispiele: xenodohion statt xenodochio (14), leoforion statt leoforio (14), Navplion statt Nafplio(n) (64), Synprotevousa statt Symprotevousa (67), Visentzos statt Vitsentzos Kornaros (19), Baklama statt Baglama/Baghlama (31), Nephos statt Nefos (64), Imbros statt Imvros (129), Sahariadis statt Sachariadis (130). Damit wird der Autor seiner Vorgabe, die Wörter im allgemeinen so zu schreiben, wie sie ausgesprochen werden (6), nicht gerecht.
Falsche Betonungen: Serrés statt Sérres (61), axión estín statt áxion estín (109), Strátis statt Stratís (23), sútaro statt sutáro (14). Merkwürdig ist, daß nur manche griechischen Wörter und Namen Betonungszeichen tragen.
- Es heißt bei Vergil nicht "Fürchtet die Danaer" (16), sondern "Ich fürchte die Danaer"! (Timeo Danaos ...)
- Die etymologische Herleitung des Wortes Orthopädie von to podi (bzw. o pous) und nicht von o pais (vgl. Pädagoge) ist in dieser unhinterfragten Form sehr fragwürdig.
- Das K in PASOK heißt nicht Union (145), sondern Bewegung!
- Die Behauptung, die ersten drei Wörter der Odyssee gebe es noch heute in der griechischen Sprache, ist genauso korrekt, wie wenn man sagen würde, alle Wörter von Walter von der Vogelweides Zeile "daz er bî mir læge, wessez iemen" gebe es heute noch im Deutschen, was höchstens etymologisch stimmt. So, wie es der Autor schreibt, könnte man meinen, es gebe im Neugriechischen tatsächlich andra, ennepe, moi in genau dieser Form, was aber vor allem bei den beiden letzten sicher nicht zutrifft.
- Der Hauchlaut (spiritus asper) auf Seite 12 ist falsch (wie ein Apostroph) dargestellt.
Über so eine Vielzahl an Ungenauigkeiten kann man schwer hinwegsehen. Was im Einzelfall noch läßlich ist, wird in der Masse zum Zeugnis mangelnder Aufmerksamkeit oder fehlender Kompetenz. Denn gerade im Detail zeigt sich der Kenner, in der akribischen Liebe zu Einzelheiten offenbart sich der fundierte Insider.
Dieses Buch ist weder wissenschaftlich im Sinne der Detail-Korrektheit noch literarisch-persönlich im Stile von Hans Eideneier oder Egon Friedell. Würde man aber die Mängel überarbeiten, stünden die positiven Seiten des Buchs im Vordergrund: Es bietet eine vielseitige Einführung in die griechische Welt, die auch dem Kenner noch neue Informationen liefert. Das Buch ist nicht schlecht, weist aber viele Mängel auf.
Joachim Burghardt