"Grenzgänger" schildert den Überlebenskampf von Mensch und Tier. Und erforscht
dabei die Grenzen zwischen Leben und Tod, Amerika und Mexiko, Gesetz und Gesetzlosigkeit,
Einsamkeit und Gemeinschaft, Sesshaftigkeit und Getriebensein, Reichtum und Armut. Und
den Übergang von archaischer Zeit in die Moderne.
Um die Einsamkeit, das rüde Geworfensein und die Tragik entwurzelter Menschen
kreist die Hauptgeschichte in McCarthys Epos. Mehrere Binnengeschichten bilden ein
ausgeklügeltes Räderwerk existenzieller Themen, philosophischer Betrachtungen
und sogar kulturhistorischer Hintergründe.
Ein unerbittliches Mahlwerk magischer Ereignisse und Zufälle erlauben den Handelnden
kein Entkommen vor dem Schicksal und auch nicht aus dem "Labyrinth ihrer Einsamkeit".
Vergiss es. Rettung ist nicht vorgesehen. Der Protagonist wandert immer weiter in
Richtung Nullpunkt. Dass er am Anfang der Geschichte erst 16 Jahre alt ist und am
Ende der Geschichte auch erst 21 Jahre steigert die Wirkung der geschilderten
Ereignisse auf den Leser.
Wenn es in dieser Geschichte nicht jene Menschen gäbe, die die Welt trotz
allem noch im Lot halten - wie der Arzt, der Sheriff, der Ranchero, der
indianische Gerente, die Zigeuner und die vielen anderen kuriosen Gestalten
am Wegesrand, die unplanbar auftauchen, um die Geschichte vor dem endgültigen
Versinken in den Abgrund zu bewahren. So steckt bei aller Tristesse hier
auch ein Quäntchen Hoffnung. McCarthys zeigt die Welt und die Menschen wie
sie sind und beschönigt nichts.
Ganz trübsinnig könnte man werden, wenn man all die Härten miterlebt,
denen der Protagonist Billy Perham ausgesetzt wird. Man wundert sich,
wie er mit seinem Leben fertig wird ohne zu verzweifeln. Erst auf der
letzten Seite schlägt er die Hände vor das Gesicht und weint. Vielleicht
ist das sein Happy end - "weinen können". Man sagt sich "Gott sei Dank",
er hat es geschafft, irgendwie, irgendwas. Obwohl alles beim Alten bleiben
wird. Die Einsamkeit, die Härte der Welt, die Unentrinnbarkeit des Schicksals.
Vor ihm liegt nun die nackte, regennasse, dunkle Straße. Symbol des modernen
Amerikas. Die Bezwingung der rohen Welt durch ein Netzwerk aus Gas-Stations,
Autobahnen und WalMarts kann beginnen. Doch "Der klimatisierte Alptraum" ist
dann auch nur eine andere Art des Trübsinns. Die man 70 Jahre später nur mit
Hilfe von Prozac und einem Heer von Shrinks im Zaum hält.
Sprachlich und gedanklich ist die Geschichte auf höchstem Niveau angesiedelt.
Kein leichtverdauliches Fast food, sondern eher ein zähes angekohltes Steak
in dem man aber noch die Lebenskraft des getöteten Bullen spürt.
Ich lese jetzt gleich anschließend "Kein Land für alte Männer" - den Film
habe ich schon gesehen und weiß: ohne happy end. Aber das ist genau das,
was ich suche und bevorzuge in einer mediengesteuerten Wohlfühlwelt, die uns
dauernd das Happy end vorgaukelt und das Grauen auftischt.