Eine CD, die meiner Meinung nach Weltgeschichte schreibt: Man hört STS in all ihren Facetten, mit ihren romantischen, kritischen, lyrischen, nachdenklichen, direkten und v.a. ehrlichen Gesichtern. Jeder, der gute Musik mag, wird diese CD lieben: In jedem Lied hört man den wundervollen Klang von Steinbäckers, Timischls bzw, Schiffkowitz' Akustikgitarren, hin und wieder auch dezent eingesetzem Schlagzeug, manchmal auch einer E-Gitarre, eines Saxophons oder eine Fiedel (!). Dazu gesellen sich noch die Stimmen: Steinbäckers ehrliches, leicht verträumtes und manchmal aufbrausendes, raues Organ, die klare, sanfte Stimme von Timischl oder Schiffkowitz' teils traditionell angehauchte, dann aber wieder noch nie Dagewesenes produzierende, hohe Stimme. Die Songs sprechen alle für sich
1. KALT UND KÄLTER (Steinbäcker):
Ein kraftvoller Song, in dem Steinbäcker bedauert, dass er nicht mehr alle Gefühle so intensiv erlebt wie in früheren Zeiten. Außerdem klingt hier seine pazifistische Ader durch (3. Strophe).
2. GÖ, DU BLEIBST HEUT' NACHT BEI MIR (Kristoffersen-Schiffkowitz):
Wohl eine der berühmtesten Schiffkowitz-Cover-Versionen. Ein richtiger Ohrwurm mit astronomischem Gitarrensolo.
3. WUNDER MEINER SELIGKEIT (Timischl):
Wer träumt nicht gerne mal mit Timischl? Ein romantisches Lied, geschrieben für Lotte. Wie meistens schlägt Timischl hier seinen sanften Ton an und schwärmt - ein Lied, das den Hörer richtig aufbauen kann.
4. IRGENDWANN BLEIB I DANN DORT (Steinbäcker):
Eines der schönsten STS-Lieder. Steinbäcker träumt davon, eines Tages nach Griechenland zu ziehen (Inzwischen hat er dort sogar schon eine Yacht). Das Besondere an diesem Lied sind die dezent eingesetzten, wohlklingenden Gitarren und die ansonsten sehr spärlich eingesetzte Begleitung von Bass und Schlagzeug. Der Höhepunkt des Stücks ist ohne Zweifel Schiffkowitz' Gitarrensolo.
5. ZIGEUNER (Schiffkowitz):
Ein ausgedehntes (6 Minuten!), aber tongewaltiges Klangexperiment: Schiffkowitz zieht alle Register seines klangtechnisches Könnens! Das Lied beginnt ohne Drums, doch sofort mit dem wuchtigen Gitarrenmotiv, dass sich durch das ganze Stück als Begleitung zieht. Die ganze Stimmung ist sehr sphärisch und träumerisch, unterbrochen von den Einwürfen "A Zigeuner möcht' i sein" und dann durch den enthusiastischen Refrain "Wenn i a Zigeuner wär". In der zweiten Strophe werden dann auch die negativen Seiten des Zigeunerlebens aufgezeigt, sodass der zweite Refrain durchaus eine zynisch-ironische Färbung bekommt. Das richtige Kolorit wird in den Zwischenspielen durch die Geige geschaffen. Ein gewaltiges Stück!
6. SO FREI, WIE MAN SEIN KANN (Steinbäcker):
In der Strophe eher trist, blüht der Enthusiasmus im Refrain richtig auf. Der 6/8-Takt sorgt für die richtige nachdenkliche Stimmung, während Steinbäcker das Thema Freiheit in all seinen Facetten besingt. Er bemerkt, wie eingeschränkt man doch im Alltag ist und träumt von wahrer Freiheit.
7. KOMM (Lennon/McCartney-Schiffkowitz):
Eine Cover-Version des Beatles-Songs "Help!" (1965). Schiffkowitz' deutscher Text ist einerseits sehr nah am Originaltext, bemüht sich jedoch auch um Individualität. Diese Arbeitsweise zeigt sich bereits im Titel: Anstatt den Titel "Hilf!" zu nennen, wählt Schiffkowitz den sinngemäß ähnlichen, aber doch anderen Begriff "Komm!". So in etwa ist er mit dem Text des ganzen Stückes vorgegangen.
8. GROSSVATER (Steinbäcker):
Ein sehr nachdenklicher Song, der v.a. durch die wundervolle Begleitung, einer Mischung hauptsächlich von mehreren Gitarren und (später) Klavier, den lyrischen Charakter erhält. Das Instrumentarium steigert sich bis zum Refrain, der dann die Erinnerungen, die in den Strophen verarbeitet werden, durch Zurufe an den (verstorbenen?) Großvater verstärkt. Eine grandiose Mischung aus Gefühl und Nachdenklichkeit.
9. ANFACH FORT (Timischl):
Timischl schildert hier den traurigern Fall einer Trennung zweier Menschen. Besonderes Augenmerk richtet er dabei besonders auf die Kinder, die während der Trennungszeit der Eltern ebenfalls eine schwierige Phase durchmachen.
10. HERR LOHENGRIN (Schiffkowitz):
Ein eindrucksvolles Stück: Ein Möchte-gern-Opernsänger gibt im Theater-Café Arien zum besten. Schiffkowitz besingt die Stimmung in derartigen Cafés und richtet sein Augenmerk auf Herrn Lohengrin, der sich nach seinem 20. Viertel erhebt und auf einmal anfängt, Opernmelodien zu schmettern. Der Witz bei der Sache ist, dass Schiffkowitz in sein Lied den "Opernsänger" selbst (der gesungen wird von Karl Scheibmaier, dem Entdecker und Verleger von STS) gleich 2 Mal zu Wort kommen lässt. Die Musik wechselt also zwischen chaotischem Sprechgesang, wie ihn nur Schiffkowitz persönlich hinbringt, und der melodischen Opernmelodie.
Ein grandioser Abschluss für eines der grandiosesten Alben der Musikgeschichte.
Diese CD wäre Tausende von Euro wert, aber stattdessen ist sie spottbillig: Da kann man doch nur zugreifen!