Detlev Claussen (Jahrgang 1948) hält das Banner der Kritischen Theorie hoch. Gegen die geistig-moralische Wende dumpfer Kohl-Merkel-Restauration, gegen alle 09/11-Paranoia und Nahost-Hysterie. Claussen ist ein letzter intellektueller Sachwalter der Aufklärung und ihrer Dialektik.
Wie sehr Claussen schon auf verlorenem Posten steht, das zeigen die beiden Vorbemerkungen zur Neuausgabe 1994 und 2005. Während Claussen sich 1994 noch einer breiten und verständigen intellektuellen Öffentlichkeit sicher sein durfte - das zeigt auch die Diktion des Textes -, kann das für die Zeit 2005 ff. sicher nicht mehr angenommen werden. Der Diskurs, aus dem Claussen seine intellektuelle Substanz zieht, wird nicht einmal mehr in akademischen Kreisen betrieben - der schwarz-gelben Intelligenzvermeidung sei Dank. Die Kritische Theorie ist bundesrepublikanische Geschichte. Antiquiert und museal. Sie ist ein Kulturgut im Sinne Walter Benjamins.
Es ist Claussen daher hoch anzurechnen, dass er in seiner Genealogie antisemitischer Ideologie nicht nur die zentralen historischen Daten referiert, sondern immer wieder auf den Kernbestand ideologiekritischer Aussagen der Kritischen Theorie rekurriert. Wesentliche Bezugspunkte seiner Darlegungen sind die Fragmente Walter Benjamins und die "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer und Adorno. Seine philosophische Kommentierung deutsch-jüdischer Geschichte geht daher weiter als geschichtswissenschaftliche Analysen (z.B. von Friedländer, Rürup, Volkov u.a.). Sie legt am gesellschaftlichen Antisemitismus genau jene Friktionen, Störungen und Gewalttätigkeiten offen, die ihn im Wesen prägen und gleichzeitig über ihn hinausweisen - auf etwas höchst Fragwürdiges an der Conditio Humana.
Claussens Texts ist wie Klees Angelus Novus der Vergangenheit zugewendet. Einer "einzigen Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft" (Walter Benjamin). Der Text ist angesichts dessen kein geschichtswissenschaftlicher, sondern ein eminent philosophischer Text. Einer, der den Philosophischen Fragmenten Horkheimers und Adornos zutiefst (persönlich und ethisch) verpflichtet ist. Ein Text schließlich, der unseren komfortorientierten Umgang mit einer unfassbar grausamen Zeitgeschichte fundamental in Frage stellt. Und das in einer nüchternen, harten, wissenschaftlichen und unmissverständlichen Prosa. All das macht Claussens "Grenzen der Aufklärung" so wertvoll - und so unzeitgemäß.