Mit "Green" begann für R.E.M. ein ganz neuer Karriereabschnitt.
Nach 5 hervorragenden, aber kommerziell gesehen nie so ganz groß rausgekommenen Alben beim Indie-Label I.R.S. spielten R.E.M. von nun an (1988) für Warner Brothers. Diese Situation ist vergleichbar mit der eines talentierten Fußballers eines kleineren Vereins, der nun seine erste Saison nach dem Wechsel zum FC Bayern absolvieren soll.
Zwar war bereits auf den vorherigen Scheiben eine Entwicklung vom puristischen und geheimnisvollen Stil der ersten Alben wie "Murmur" hin zu geradlinigen und radiokompatibleren Sounds ("The one I love" aus "Document" wurde einer ihrer bekanntesten Songs) zu erkennen gewesen, aber dennoch erscheint "Green" beim ersten Hören etwas kommerziell und unerfreulich simpel gestrickt:
Stücke wie "Pop Song 89", "Get up", "Stand" oder das leicht an U2 erinnernde "Orange crush" stellen den R.E.M.-Liebhaber auf eine Probe, die man als Umkehrung dessen bezeichnen könnte, was Mainstream-Hörer aufzubringen haben, um beispielsweise die frühere R.E.M.-Musik zu verstehen - man muss bereit sein, sich auch mit fröhlichen Melodien oder hin und wieder mal belanglosen Texten auseinanderzusetzen. Dies sollte jedoch zum Erfolg führen, denn das Songwriting ist auch auf "Green" von beständiger R.E.M.-Qualität.
Die meisten Lieder sind Rock-Songs mit cleanen bis leicht-verzerrten E-Gitarren; 3 Stücke sind akustische Nummern, die von Peter Buck's damaliger "Neuentdeckung", der Mandoline, dominiert werden, von dem Instrument, welchem die Gruppe mehr oder weniger
ihren internationalen Durchbruch zu verdanken hat.
Ein Song ragt jedoch aus dem Album-Kollektiv eindeutig heraus:
"World leader pretend" hätte zu jeder Zeit auf jedem R.E.M.-Album eine zentrale Stellung inne gehabt, und zeigt das ganze Genialitäts-Spektrum der Band. Peter Bucks charakteristische, simple Gitarrenakkorde, ein geniales, akustisch dominiertes Arrangement, ein mitreißender Piano-Part und der düstere bis melancholische Gesang Michael Stipes offenbaren zusammen mit einem klug geschriebenem, aber auch inhaltlich klar verständlichem Text über den kalten Krieg das gesamte künstlerische Potenzial einer Band, die bessere, aber auch schlechtere Alben als "Green" veröffentlicht hat;
es handelt sich um eine Sammlung von Songs, die zwar kein Albumkonzept oder eine ihnen eigene Atmosphäre aufweisen, jedoch trotzdem letztendlich qualitativ zu überzeugen wissen.