Ich bin ein großer Fan von Livealben. Im Konzert gehen die Musiker fast immer mehr aus sich heraus und lassen sich durch die Konzertatmosphäre inspirieren. Die Songs werden gegenüber den oftmals eher sterilen Studioversionen mit mehr Bums interpretiert und mit Soli veredelt. Genau dies ist jedoch auf der "Greatest hits live"-Scheibe der altgedienten Shadows nicht der Fall. Leadgitarrist Hank Marvin und Rhythmusgitarrist Bruce Welch, die beiden Gründungsmitglieder der Instrumentalband, der ebenfalls schon altgediente Schlagzeuger Brian Bennett sowie Mark Griffiths am Bass und Cliff Hall an den Keyboards gehen vielmehr auf Nummer sicher. Sie spulen ihr Best of-Programm von sage und schreibe 27 Titeln auf einer CD (!) so ab, als ob eine Jukebox mit den Original-Studioaufnahmen auf der Bühne eingeschaltet ist. Keine Improvisationen, keine spontanen Soli, kein Mut zum Risiko. Wenn da nicht die Ansagen von Hank Marvin und der eher zurückhaltende Beifall der Cardiffer Konzertbesucher wäre, könnte man den Silberling tatsächlich mit einer Studio-CD verwechseln. Die Aufnahme vermittelt überdies den Eindruck, als sei sie in einem Theater oder einer Konzerthalle für Klassische Musik entstanden. Vermutlich haben die weichen Plüschsessel zusätzlich zur gebotenen Musik das Publikum davon abgehalten, der Band mehr abzufordern. Zudem muß die Frage erlaubt sein: was hat ein Keyboarder bei den Shadows zu suchen? Wie Cliff Hall z. B. den "Guitar tango" mit seinen schwulstigen Tastenergüssen geradezu erstickt, tut den Ohren weh. Der absolute Tiefpunkt der Scheibe ist aber "Let me be the one". Die Jungs erdreisten sich hier doch tatsächlich, eine Gesangsnummer in ihre Setlist zu schmuggeln. Das schrottige Liedchen als Stilbruch zu bezeichnen, wäre geschönt. Am besten gefallen mir noch das melodieselige "Theme for young lovers" - leider von den Keyboards teilweise verkitscht - sowie die "Deerhunter"-Filmmusik und das nicht totzukriegende "Sleepwalk" von Santo & Johnny. Zumindest ansatzweise aus sich heraus gehen die Jungs schließlich beim flotten "Shadoogie". Doch das allein reicht nicht aus für eine auch nur durchschnittliche Bewertung. Als Vergleichsmaßstab zu "Greatest hits live" habe ich immer noch das "Live at the Paris Olympia"-Album der Shadows von 1975 im Kopf. Verglichen mit dieser dynamischen und energiegeladenen Show klingt "Greatest hits live" eher lasch. Freilich muß man Marvin, Welch und Bennett zugute halten, daß 30 Jahre zwischen diesen Aufnahmen liegen. Die Jungs waren zum Zeitpunkt der Aufnahme allesamt Mitte 60. Jünger und dynamischer werden wir ja alle nicht. Ein bißchen mehr Drive und Spontanität hätte man von den ehemaligen Begleitern Cliff Richards jedoch schon erwarten können. Cliff selbst kann da durchaus als Vorbild dienen.