Franz Schubert hat einige geniale Kammermusiken komponiert. Mit einer aber übertrifft er alles bisher Dagewesene, selbst die späten Quartette Beethovens, und alles Kommende: Das Streichquintett C Dur schrieb Schubert in seinem Sterbejahr 1828. Das Werk steckt voller Liebe und Hass, voller Freude und Leid, voller Trost und Trauer. Auf jede Zeit projiziert gebart es sich als die Essenz alles Menschlichen. Es ist nicht mehr Musik, es sind keine Instrumente mehr, die wir hören, es ist die Sprache des Weltgeistes.
Der erste Satz ist in seinem Aufbau, seiner Konzeption und seiner Themenfülle beispiellos. Es ist wohl rein technisch gesehen der großartigste Satz, den Schubert je komponierte. Anders als sein 15. Streichquartett, das ebenfalls von leise nach laut startet, lässt er in seinem Quintett die Instrumente lieblichere Töne anstimmen. Das vielfältige Themenmaterial entwickelt sich allmählich, bisweilen unterbrochen von einigen schroffen, harschen Akkorden. Zwar fehlt dieser Einspielung die Reprise der Exposition, dennoch wird dem Hörer ein Eindruck dessen vermittelt, wie die Musik im Himmel klingen muss. Welche Klangfülle, welche Liebe und Wärme, welches Glück beim Hören!
In tiefe Trauer verfällt das Stück im zweiten Satz. Das sehr langsame Adagio vermittelt einen Bildnis von der Ewigkeit. Einfachheit kann so schön schein, Schlichtheit so erbauend. Doch plötzlich der Ausbruch mitten in die Ruhe: Aufgewühlt und rastlos scheint die Musik in den Abgrund zu stürzen, bis sich schließlich alles wieder in Frieden findet.
Das abstrakte Scherzo erinnert stark an die großartigen Scherzi Beethovens. Schubert unterwirft ein eigentlich recht simples Hauptthema zahlreichen Wandlungen, so dass es nie als dasselbe erscheint. Das Trio dann aber spielt wie aus dem Nichts heraus und scheint zugleich ins Nichts dahin zu fließen. Es gewährt den Ausdruck tiefster Trauer und Empfindung - eine Todesahnung?
Dem Finale hat man seinerzeit nie verziehen, dass es als einziger Teil des Quintetts in irdische Gefilde herabzusteigen scheint. Hinweggewischt scheint alles Elysische. Die Musik wirkt realer, weniger wie ein Traum. Dennoch ist dieses Allegretto derart erhaben und herrlich, dass es einem Beethoven würdig wäre.
Das Alban Berg Quartett, wahrscheinlich das beste Streichquartett Ensemble des vergangenen Jahrhunderts, mit Verstärkung durch den großartigen Cellisten Heinrich Schiff schafft es tatsächlich, dieses göttliche Werk unterwürfig, aber dennoch völlig transparent und packend zu interpretieren. Bei diesem Wiener Quartett hat der Hörer ohnehin immer das Gefühl, dass die Partitur vorher traktiert wurde, damit alles in geordneten Bahnen verlaufe. Nichts ist heterogen, diese Einspielung ist vollkommen. Der Klang ist sauber und einwandfrei.
Fazit: Die vorliegende CD stellt die absolute Referenzeinspielung dieses divinen Stückes dar. Nach dieser transzendentalen Dreiviertelstunde denkt man sich nur eines: Warum schrieb Schubert nur ein Streichquintett? Dieses Stück und diese CD sind etwas, das bleibt.