Die Fünfte von Gustav Mahler halte ich für seine schwierigste weil uneinheitlichste Sinfonie. In der letzten Zeit bin ich aber davon überzeugt worden - vor allem durch die großen Einspielungen von Herbert von Karajan und Pierre Boulez -, dass diese Sinfonie durchaus ihre Reize hat. Nur die vorliegende grandiose Einspielung durch das New Philharmonia Orchestra unter Sir John Barbirolli hat noch gefehlt, um mir zu verdeutlichen, dass auch dieses Oeuvre ein Werk allerhöchster Güteklasse ist.
Den ersten und den zweiten Satz nimmt Barbirolli wesentlich langsamer als gewohnt, ohne jedoch dabei das Tempo zu verschleppen oder die Sätze versanden zu lassen. Der Trauermarsch des ersten Satzes, den Barbirolli zudem auch leiser als andere spielt, wird dadurch noch empfindsamer, ein noch größeres Glanzlicht auf dem Imago Mahlers.
Den schwierigen zweiten Satz lässt der Dirigent transparent und eindrucksvoll darbieten durch das perfekt spielende New Philharmonia Orchestra. Das komplette thematische Material bleibt übersichtlich und gut durchhörbar.
Im gewaltigen Scherzo besticht vor allem die Ausdrucksintensität der Hornsoli. Dass Barbirolli jede Farb- und Klangnuance dieses pittoresken, exotischen Satzes trifft, braucht kaum erwähnt zu werden. Weniger die Emotionalität ist es, die diesen Satz auszeichnet, sondern seine enorme Vielfalt und Delikatesse.
Nicht zu dick aufgetragen: So könnte man Barbirollis Interpretation des Adagiettos bezeichnen, das ja äußerst berühmt geworden ist, obzwar es in dieser Sinfonie eigentlich nur den Charakter eines Intermezzos innehat. Das Orchester spielt sanft, leise, aber nie zu pathetisch, zu üppig.
Besonderes Lob verdient das hier eingespielte Finale, dem unter Barbirollis Händen Glanz, Triumph und Freude angedeiht. Zuvor empfand ich diesen Satz vor allem als lärmend und aufbrausend. Durch das klar strukturierte Spiel des New Philharmonia Orchestras aber wird Mahlers Intention glasklar...
Fazit: Viele Einspielungen der fünten Sinfonie von Gustav Mahler habe ich gehört; keine aber empfand ich als derart überzeugend, sei es in spieltechnischer, sei es, was die Tonqualität anbelangt, sei es in interpretatorischer Hinsicht, wie diese. Vermutlich die Referenz schlechthin!