Leider ist auch heute noch Faurés Totenmesse in deutschen Landen relativ unbekannt und noch weniger populär. Kurz gesagt: Sie wird bei uns kaum aufgeführt. Umso dankbarer wollen wir sein, daß André Cluytens mit dem Choers Elisabeth Brasseur und dem Conservatoire-Orchester Paris uns dieses wunderbare Dokument hinterlassen hat. Dieses Requiem enthält nicht, wie üblich, die Sequenz "Dies irae", als hätte der Komponist bereits Ende des 19. Jahrhunderts vorausgeahnt, daß das 2. Vatikanische Konzil diesen Gesang eliminieren würde (sein Landsmann Duruflé hat nach Ende des 2. Weltkrieges ein ähnlich konzipiertes Requiem vorgelegt, welches sich allerdings sehr stark an die Gregorianik anlehnt). Lediglich die letzten Zeilen "Pie Jesu Domine" hat Fauré vertont, und dies auf eine so intime und sanfte Weise, daß man glauben könnte, er hätte bei der Komposition an die Solistin dieser Aufnahme, Victoria de los Angeles, gedacht. Sie gestaltet den herrlichen Gesang auf so unnachahmliche Weise, daß man tief ergriffen ist. Zwei weitere Höhepunkte dieses Requiem, "Libera" und "In paradisum", gehören im strengen Sinn eigentlich der Begräbnisliturgie an und sind nicht Bestandteil der Messe. Im "Libera me" erfreut uns Dietrich Fischer-Dieskau mit seinem makellosen, innigen Gesang, und das abschließende "In paradisum" wird vom Chor auf wundersame Weise gestaltet und in Klang umgesetzt. Der Dirigent, ein großartiger Kenner und Interpret französischer Musik, begleitet sehr einfühlsam und mit wachem Verständnis.
Klangtechnisch ist die Aufnahme in Ordnung; sie entstand 1962 in Paris. Die Präsentation als "Great Recording of the Century" ist lobenswert und erfreut Auge und Ohr gleichermaßen.