In ihrer verdienstvollen Serie "Great Recordings of the Century" hat die EMI in sorgfältiger Auswahl viele ihrer besten Aufnahmen in hervorragender Ausstattung wiederveröffentlicht. Auch die auf dieser CD zusammengefaßten Werke gehören ohne jeden Zweifel in diese Kategorie.
Svjatoslav Richter (1915-1997) zählte zu den raren Ausnahmepianisten des vergangenen Jahrhunderts, und sein Rang ist in einer riesigen Auswahl von Aufnahmen eindrucksvoll belegt. Im Juni 1976 traf der Pianist sich im Münchener Bürgerbräukeller mit dem berühmten, inzwischen leider ebenfalls verstorbenen Dirigenten Carlos Kleiber (1930-2004), um das einzige Klavierkonzert von Antonin Dvorak unter Mitwirkung des Bayerischen Staatsorchesters München aufzuzeichnen.
Ähnlich wie Schumann widerstrebte es Dvorak, ein "Konzert für den Virtuosen" zu komponieren, aber im Gegensatz zum Konzert seines deutschen Kollegen wurde das seine nie wirklich berühmt, geschweige denn populär. Dies blieb dem etliche Jahre später entstandenen Cellokonzert vorbehalten, während das Klavierkonzert immer ein Schattendasein sowohl im Konzertsaal als auch auf Tonträger geführt hat. Auch der immense Einsatz seines Landsmannes Rudolf Firkusny hat es nicht vermocht, das Werk einem breiteren Publikum zu erschließen. Firkusny unternahm es sogar, das Konzert einer Bearbeitung zu unterziehen, und in dieser Fassung hat er es auch auf Schallplatte aufgenommen.
Svjatoslav Richter hat für seine Aufnahme die Originalfassung vorgezogen, und in der intensiven Zusammenarbeit mit dem genialen Carlos Kleiber ist es ihm gelungen, die bis heute schlüssigste Version des Konzertes dem interessierten Publikum zu präsentieren. Wie der englische Kritiker Bryce Morrison in seiner vortrefflichen Texteinführung zu dieser CD schreibt, bleibt das Konzert "trotz aller hohen Ansprüche an den Pianisten hartnäckig unvirtuos" und ist somit "ein Vorläufer der großartigen Klavierkonzerte von Brahms", ohne jedoch deren große symphonische Form und melodischen Reichtum zu erreichen. Erst recht konnte es nicht mit "der größten aller Schlachten für Klavier und Orchester", nämlich Tschaikowskys erstem Konzert, konkurrieren. Trotzdem ist Dvoraks Werk reich an schöner Musik, wenngleich manches ein wenig folkloristisch klingt. Richter ist in Top-Form, und Carlos Kleiber holt alles an Klangschönheit aus seinem Orchester, das ihm größtmögliches Engagement entgegenbringt. So wollen wir uns glücklich schätzen, daß diese herrliche Interpretation wieder greifbar ist.
Gekoppelt wurde das Konzert mit der einzigartigen Auslegung von Schuberts "Wanderer-Fantasie" D. 760, die Richter 1963 in Paris in einer Nachtsitzung realisierte. Es ist die bis heute großartigste, wuchtigste Interpretation des gewaltigen Werkes geblieben, trotz der superben Konkurrenzaufnahmen von Rubinstein (RCA), Kempff (DGG), Curzon (Decca) und Fleisher (Sony). Richters überlegene Technik ist einfach phänomenal und wurde bis heute von niemand übertroffen. Leider fehlt die gleichzeitig eingespielte charmante A-dur-Sonate D. 664, die man doch mühelos noch auf dieser CD hätte unterbringen können. Ein unverzeihlicher Fehler, da die Sonate in Richters einmaliger Auslegung z.Zt. nur in einer umfangreichen und teuren Edition greifbar ist.
Klanglich hat die EMI ganz hervorragende Arbeit geleistet. Sowohl das Konzert als auch die Fantasie erklingen in imponierender Wiedergabe. Trotz des großen zeitlichen Abstandes sind kaum Unterschiede festzumachen. Das bereits erwähnte Textbuch ist von hoher Qualität.