Ob Charles Dickens bereits derart visuell geschrieben hat? In Unkenntnis des Buches wage ich mich an die Verfilmungsrezension, bei der nicht nur visuell alles stimmt und beeindruckend ist. Dabei wirkt "Great Expectations" zunächst wie eine übertrieben schauermelodramatische Fingerübung im Kielwasser von Filmen à la "Rebecca" (1940). Ist es aber nicht. Regisseur David Lean erzählt wieder einmal eine berührende Geschichte, bei der er sich gleichzeitig als Virtuose im Einsatz der filmischen Mittel erweist. Der Waisenjunge Pip stibitzt für einen entflohenen Sträfling Essen und eine Feile, und bei dessen Gefangennahme deutet sich etwas wie Dankbarkeit und Loyalität an. Später wird der in einfachen Verhältnissen aufwachsende Pip in das Haus der schwerreichen Miss Havisham geschickt, deren verzickte Adoptivtochter Estella ihn demütigt und verhöhnt. Doch vor seiner Handwerkslehre geht Pip bei Miss Havisham ein und aus und scheint sich ihrer Zuneigung versichert zu haben. Jahre später kommt Pip unerwartet zu materiellem und gesellschaftlichem Aufstieg dank eines Gönners, der ungenannt bleiben möchte - es ist kein Spoiler, zu verraten, dass höchstens Miss Havisham oder der Verurteilte dafür in Frage kommen. In Estella, die für ihn immer unerreichbar schien, hatte sich Pip bereits als Kind verliebt, doch auch jetzt scheint sie ihren herzlosen Hochmut nicht verloren zu haben - darin gegenüber Pip immerhin ehrlich. Es folgen verschiedene schicksalhafte Ereignisse, die vordergründig aus allzu absurden Zufällen und Zusammenhängen zu bestehen scheinen. Aber letztlich ist hier alles symbolisch statt wahrscheinlich, und das Werk zeigt meisterhaft, wie Schicksale miteinander verwoben sind: Vergangenheit und Gegenwart, vorherbestimmte Erwartungen und großes Unerwartetes, Gefängnisse (reale und selbst gezimmerte) und Befreiung, Oberschicht und "Unterschicht", Liebe und (Selbst-)Haß, verlorene Kinder, verlorene Kindheit und Ersatzkinder. Es läuft wohl darauf hinaus: Auch im England des 19. Jahrhunderts ist jeder seines Glückes Schmied, ob er nun tatsächlich wie Pip in einer Schmiede aufgewachsen ist oder sich für etwas besseres hält und feine Hände hat, die noch nie körperlich gearbeitet haben.
Wie David Lean dies auf die Leinwand zaubert, sucht seinesgleichen und ist eine Sinfonie aus Bild, Raum, Licht, Schatten, Soundtrack. Pip lebt zu Beginn in der wenig freundlichen Enge einer Schmiede, aber ihn zieht es zu unbekannten Schattenreichen, zum Friedhof, auf dessen Weg Galgen im Gegenlicht zu sehen sind, die Äste wie Klauen ins Bild ragen und unheimliche Geräusche machen. Stimmigerweise findet er am Grab seiner Eltern den Sträfling, der sich als Ersatzvater entpuppen wird. Das Haus von Miss Havisham hingegen ist auf völlig andere Art genauso ein Gefängnis wie die Schmiede und wie der Ort, von dem der Verurteilte geflohen ist: Die Zeit ist dort stehengeblieben, Miss Havisham hat die Uhren angehalten, Gitter des Tores und der Fenster erzeugen eine klaustrophobische Stimmung. Dazu passt, dass der Sonne Zutritt verboten ist und spinnverwebte Gegenstände auf einem langen Tisch die Zeugen der Vergangenheit sind, mit der Miss Havisham aufzuräumen offensichtlich ein Problem hat: Vor Jahren hatte sie ein Mann sitzen gelassen, nun hasst sie alle Männer und hat nach besten Kräften Estella dementsprechend erzogen. Pip hat keine Eltern, der Verurteilte hätte gern ein Kind, und als negatives Gegenbild sehen wir Miss Havisham, die ein Kind nur deswegen adoptiert, um ihre (selbst-)hasserfüllten Projektionen auf es zu werfen. Das sind alles Umkehrungen und negative Spiegelbilder: Pip verschafft dem Verurteilten die Freiheit und wird zu dessen fernem und lange unwissendem Ersatzsohn, doch in Miss Havishams Haus kommt er in die Unfreiheit, wobei er ironischerweise fast wie ein wirklicher Sohn dort lebt. Man kann das also als einen kritischen Blick auf elterliche Gewalt in jeglichem Sinne des Wortes deuten. Aber es geht um so viel mehr, vor allem um ein Plädoyer für ein selbstbestimmtes Leben und das Einreißen jeglicher Gefängnismauern, die aus Staub und Schatten der Vergangenheit gebaut sind. In einer der besten Metaphern des Filmes hat das Kleid von Miss Havisham Feuer gefangen - die in ihr lange Jahre schwelenden Konflikte und Belastungen drohen sie zu vernichten. Pip versucht den Brand zu ersticken und hat keine andere Möglichkeit, als endlich, endlich die große, schwere, staubbedeckte Decke vom Tisch zu reißen und Miss Havisham damit zuzudecken. Diese ganzen Gegenstände, die Miss Havisham obsessiv an das vergangene Elend erinnert haben und mit denen sie ihren Haß und Selbsthaß kultiviert und wachgehalten hatte, fliegen mit Getöse vom Tisch, der hinterher in einem top shot eine riesige blanke Fläche bildet. Manchmal muss man eben reinen Tisch mit der Vergangenheit machen, um brennende offene Wunden abzudecken und einen Menschen zu seinem Frieden finden zu lassen.
Wie sehr alles miteinander zusammenhängt, ist ohne Spoiler schwierig zu erklären, aber die Ereignisse finden in abertausenden Doppelungen und Spiegelungen auf wundersame Weise am Ende zueinander. Nur ein Beispiel, welches ich auswähle, weil es dort nicht nur auf das Bild, sondern auch einmal auf die Sprache ankommt: Wenn Pip von seinem Wohltäter erfährt, ahnen wir, dass es auf die eine oder andere Weise mit dem Straftäter von einst zu tun haben wird, denn Pips vom Wohltäter beauftragter Rechtsanwalt hat in seinem Büro Galgenstricke und Gipsabdrücke von Verurteilten - beides erinnert an die ersten Szenen des Filmes. Als sich der Rechtsanwalt scheinbar nebensächlich "die Akte Pip" geben lässt, scheint sich Lean (und evtl. schon Dickens) ein Wortspiel zu leisten: "file" heißt nicht nur "Akte", sondern auch "Feile", wie wir vom Anfang wissen, und mit einer Feile hatte Pip bekanntlich dem Flüchtigen (zunächst) zur Freiheit verholfen.
So ist der ganze Film mit höchster Aufmerksamkeit bis ins Letzte inszeniert, auch bei der Musik. Obwohl es sich durchgängig um Hintergrundmusik hat, schafft Lean ein paarmal den Eindruck, als könne diese direkt in das Handlungsgeschehen eingreifen. Als am Anfang die häusliche Situation aus den Fugen zu geraten droht, übertönt die Musik auf irreale Weise gezielt die Rufe von Pips älterer Schwester und Ersatzmutter nach ihrem Bruder. Wenn Pip in einer anderen Szene kurz durch Anticken und Ansprechen aus seiner Geistesabwesenheit gerissen wird, hält die Musik für einen kurzen Moment an, um dann aber fast ungebrochen weiterzugehen - Pip hängt offenbar immer noch seinen Gedanken nach. Solcher Beispiele wären noch viele zu nennen, und zwar aus allen künstlerischen Aspekten des Filmes und nicht nur dem musikalischen. Doch es möge nur noch dies verraten werden: Am Ende darf - daher die dem Musical "Hair" entlehnte Titelzeile dieser Rezension - die Sonne in das Havisham-Haus hereinkommen. Sie entlässt uns in ein open end voller großer Erwartungen.
Die DVD - ich rezensiere auf Basis der "David Lean Centenary Collection" - hat eine großartige Qualität, den englischen Ton und optionale englische Untertitel. Die Schauspieler sind durch die Bank überzeugend, der junge Alec Guinness hat einen wichtigen mittelgroßen Part als Freund von Pip. Hervorheben möchte ich Jean Simmons als junge Estella, beim Dreh etwa 16 Jahre alt und hier in ihrer ersten Sprechrolle zu sehen. Sie, die so oft (aber nicht nur!!!) die "Gute" spielen sollte, ist ungemein kraftvoll als verzogene, hochnäsige und beinahe grausame Göre, der man aber immer auch anmerkt, genauso sehr Opfer der narzisstischen Rache-Erziehung von Seiten Miss Havishams zu sein. Schade eigentlich, dass man sie nicht auch als erwachsene Estella besetzt hat, das hätte sie sicherlich mit gewissen Akzenten in Kleidung, Schminke, Kamerapositionen und Beleuchtung hinbekommen. Aber meine großen Erwartungen wurden auch schon so aufs Höchste erfüllt.