Was für ne angenehme Überraschung! Aber der Reihe nach: Eine Pirsch durch den Secondhand-Laden meines Vertrauens, und da erspäh ich eine CD, auf deren Cover fünf alte Herren mit ihren Instrumenten auf einer Südstaaten-Veranda versammelt scheinen, die aussehen wie die Patenonkel von Mance Lipscomb und Compay Segundo, irgendwo direkt aus den Cajuns oder dem Weichbild von New Orleans eingetroffen. So scheint es.
"The Jolly Boys" -- noch nie gehört, den Bandnamen. Erster Gedanke: So wie die aussehen, m ü s s e n sie gut sein. Eine Rasselbande, die längst das Rentenalter erreicht hat. Dann ein Blick auf die Rückseite: Soeben erst erschienen, und schon im Secondhand gelandet? War da jemand enttäuscht, weil er dasselbe dachte wie ich? Egal; das Teil wird mitgenommen. Das Booklet verheißt Gutes: Die Instrumente sind steckdosenunabhänig: Percussions, Gitarren, Congas, Banjos... und außerdem bin ich inzwischen einfach furchtbar neugierig, was diese fidelen Herren mit den musikalischen Visitenkarten von Johnny Cash, den Rolling Stones, den Doors, den Stranglers, Amy Winehouse und noch einigen anderen vorhaben.
Daheim merke ich nach den ersten drei Takten, dass ich mich mit meiner musikalischen Einordnung saftig geirrt habe. Das jedoch begeistert mich wie nix Gutes, denn sowas wie das hier habe ich noch nie gehört. Man könnte glauben, alte Blues-, Zydeco- und Bluegrass-Haudegen hätten den Reggae entdeckt und probierten diese Neuentdeckung mit dem vereinigten musikalischen Können eines halben Jahrhunderts an Gassenhauern aus, die man normalerweise in ganz anderen musikalischen Schubladen suchen würde, als da beispielsweise wären: "Golden Brown", "Do It Again", "Riders on the Storm", "Ring of Fire", "Rehab", "You can't Always Get What You Want" oder "Nightclubbing" -- um nur einige zu nennen. Die Jolly Boys spielen altgediente Klassiker ein, als wären die gerade eben extra für sie geschrieben worden. Keine falsche Ehrfurcht, kein biederes Nachspielen, und erstrecht keine krampfhafte Pseudokreativität auf Teufel-komm-raus. Und nicht nur dem Chef und Sänger Albert Minott hört man das Rentenalter an, und zwar aufs Angenehmste: Er macht sich's gemütlich, ohne je trottelig zu werden... "trottelig"?! -- Von wegen! Minott ist ebenso quietschfidel und musikalisch auf dem Quivive wie seine Mitstreiter. Die können alle miteinander nicht nur unglaublich viel, sind nicht nur jahrzehntelang aufeinander eingespielt, nein -- denen macht's ganz einfach einen Heidenspaß, das hört sogar ein Tauber.
Inzwischen bin ich natürlich schlauer als vorgestern; die englische Wikipedia und die Homepage der Jolly Boys teilen Wissenswertes mit und wissen noch viel mehr als nur, dass Errol Flynn ihr ergebener Fan war. Seit Neustem weiß ich sogar, dass es seit den 30er Jahren einen jamaikanischen Musikstil namens Mento gibt, eine Vorform des Reggae, der die afrikanischen Wurzeln noch deutlich anzumerken sind. Steht jedenfalls so da. Ich finde meine Beschreibung aber auch nicht schlecht, in aller gebotenen Bescheidenheit. Mit Reggae kann ich nämlich nicht so recht warm werden, da scheint mir das nötige Gehör abzugehen, um Nuancen unterscheiden zu können. Aber mit Blues in all seinen Varianten und Spielarten kann ich was anfangen.
Und genau deswegen hab ich mich in diese CD auf Anhieb verliebt: Blues-Harmonien im Reggae- und Ska-Rhythmus, während die Besetzung der Band samt ihren Gastmusikern schonmal an Bluegrass, Zydeco oder Ragtime erinnert -- je nachdem, welche Instrumente gerade das Sagen haben.
Für Abwechslung ist gesorgt, und doch hört sich das Album vom ersten bis zum letzten Takt wie aus einem Guss an.