Beim Durchlauf ihres Debütalbums "No Love Lost" wusste ich im Jahr 2006 nach fünfmaligem Hören kaum zu sagen, was mein Lieblingssong sei: "Local Boy" und "When I'm Alone" kannte ich schon als 7" Singles, nachdem ich Ende 2004 in einem Münchener Plattenladen auf The Rifles aufmerksam geworden war. Der dortige Inhaber war ein Fan der ersten Stunde und ich wurde es auch. Was war nun am besten? "Repeated Offender", "Peace & Quiet" oder das hoch energetische "Hometown Blues"? Ich kann es bis heute nicht sagen. Für mich ist "No Love Lost" eins der besten Debüts aller Zeiten. Und wie oft bin ich mit meiner Tochter auf dem Arm nicht zur Akustikversion von "She's The Only One" (B-Seite der 7" Single "Peace & Quiet") durchs Zimmer gehopst?! All das war/ist eine Klasse für sich. The Rifles eben. Neben den irischen The Immediate und The Dead 60s, die es beide nicht mehr gibt, waren The Rifles in jenen Jahren die große Hoffnung der Rockmusik von der Insel. Um so vieles besser als die britischen Bands, über die alle Welt damals sprach.
Auf "The Great Escape" (2008) kann ich nach achtmaligem Hören kein Stück vom anderen unterscheiden. Nichts bleibt hängen, nichts ist signifikant, kein einziger toller Song. Schon die Rifles-Single "I Could Never Lie" war Anfang 2008 eine herbe Enttäuschung - zu Recht ist sie auf dem Album "The Great Escape" nicht mal enthalten. Beim ersten Hören klingt alles scheinbar vertraut - die sirrenden Gitarren, der treibende Beat, die Anleihen beim Mod, sogar Ska und bei den Spätsiebzigern à la The Clash oder The Jam! Ja, beim Intro ist man stets guter Hoffnung. Aber dann passiert nicht viel. Standard-Brit-Pop in allen Tempi poltert drei, vier Minuten lang gen Nirgendwo und--- Ende der Fahnenstange. Melodien zum Mitsingen? Refrains mit Widerhaken? Fehlanzeige! Nein, das hätte ich niemals erwartet, nicht nach einem so furiosen Debüt wie "No Love Lost". Natürlich ist "The Great Escape" nicht vollends schrecklich und gänzlich unhörbar. Aber gerade der nette, fette, radiotaugliche Durchschnitt verleiden mir das Werk.
Richtig misslungen ist auf "The Great Escape" allemal die Produktion. Hier hat man sich von einem schlanken, transparent knackigen Rocksound zu einem echten Klangbombast verführen lassen. Streicher, Bläser, Mellotron, Handclaps füllen das große Nichts eines Wall Of Sound bis fast zum Platzen - The Rifles lassen kein Fettnäpfchen aus. Es ist ein Jammer.
Als The Dead 60s im Jahr 2007 ihr zweites Album "Time To Take Sides" vorlegten, darauf sie sich nicht wesentlich von den Parametern des Vorgängers (dito. 2005) entfernten, wurden sie von der Musikkritik dafür böse abgestraft. Nachdem auch der Verkaufserfolg ausblieb, löste sich die Band zum Jahresende auf. Ich bedaure das bis heute, werde The Dead 60s dafür jedoch in bester Erinnerung behalten. Ein Abgang in Würde ist für The Rifles nach diesem enttäuschenden Follow up - und damit ganz im Fahrwasser von Mando Diao oder Jet - keine Option mehr. In den dritten Streich, sollte ihn die Band zustande kriegen, werde ich allemal reinhören, denn vielleicht folgt auf diese Überraschung wieder eine, und vielleicht ist es diesmal eine gute. Tomorrow never knows.