Zwischen 1936 und 1939 nahm Pablo Casals, nicht mehr jung, aber immer noch auf dem Gipfel seines Könnens, Bachs sechs Suiten für Violoncello solo für das Plattenlabel His Master's Voice (HMV) auf. Die Aufnahmen erschienen auf nicht weniger als 20 (!) Schellackplatten, also insgesamt 40 Seiten. Naxos-Restaurator Ward Marston hat diese alten Schellackplatten aus Archiven ausgegraben und mit neuester Technologie auf zwei CDs liebevoll überspielt. Dass das alles nicht wie eine moderne Digitalaufnahme klingt, versteht sich von selbst, aber man kann sich schnell an das Rauschen und an den recht guten Monoklang gewöhnen - und dann bekommt man vielleicht die beste Interpretation dieser Stücke zu hören, die die herkömmliche Musikszene jemals hervorgebracht hat. Nicht Fragen der Authentizität stehen hier im Vordergrund - Casals war fest in der Romantik verwurzelt und verwendet einen ausgiebigen Vibrato -, sondern schlicht die Stimmigkeit einer wunderbar intensiven, aus den tiefen der Seele stammenden Interpretation, die auch einen Originalklangfetischisten wie mich die musikologischen Fragen vergessen lassen kann und über zwei Stunden lang mit Bach'schen Soloklängen zu fesseln vermag. Sicher kann man Bach anders spielen als hier, aber von "besser" zu reden, das wäre schon sehr gewagt!
Als "Füller" für die zweite CD dienen einige kurze Arrangements aus anderen Werken Bachs, die hier von Casals mit Klavierbegleitung vorgetragen und zwischen 1927 und 1930 aufgenommen wurden. Preiswerter geht's kaum!