Sekundärliteratur zu Comics bzw. Graphic Novels wird manchen Gelegenheitslesern wie eine übertriebene Verwissenschaftlichung vorkommen, aber für diejenigen, die tiefer in das Thema einsteigen und ihren Horizont erweitern wollen, überhaupt sehr viel mehr Graphic Novels kennenlernen wollen, ist dieses großformatige, quadratische Buch des ausgewiesenen Experten (seine Internet-Seite checken!) eine unschätzbare Bereicherung. Er macht alles richtig und vertraut nicht nur dem geschriebenen Wort und ein paar wenigen Ausschnitten aus den vorgestellten Büchern, was in solchen Publikationen üblich ist (siehe auch das trotzdem wichtige Buch von Andreas Platthaus, FAZ), sondern zeigt sehr viele vollständige Seiten (verkleinert) und kommentiert diese auch. So kann man sich sofort ein Bild machen von den Bildern, somit auch von der Qualität der Zeichnungen und vom Stil - deshalb auch das vergrößerte Format. Gravett ordnet die von ihm ausgewählten Graphic Novels nach eigenen Kategorien. Eine davon ist dem Reisen in ferne Gefilde gewidmet (z. B. Corto Maltese), wieder eine andere dreht sich um Liebe & Erotik im weiteren Sinne (z. B. Lost Girls). Für jede der Kategorien gibt es mindestens ein umfassend vorgestellte Graphic Novel, von der Gravett besonders viel hält und mehrere weitere mit stark verkleinerten Seiten. Man könnte seine Auswahl durchaus als eine Art Kanon begreifen, und wenn es so ist, dann ist sein Geschmack ganz ausgezeichnet. Selbst Insider werden das eine oder andere entdecken, was sie noch nicht kennen und unbedingt lesen wollen. Natürlich werden Jimmy Corrigan, Maus, Watchmen und solche Sachen umfassend gewürdigt und eingeordnet, und zwar in einer sprachlichen Qualität, die der Sache absolut gerecht wird. Seine jeweils einführenden Texte sind kenntnisreich und ein echter Gewinn, die erläuternden Kurztexte zu den Ausschnitten erhellend und präzise. Man kann in diesem Buch blättern, auf Bilder gucken, ein paar Textabschnitte lesen, wieder gucken. Man bekommt Ideen für zwei bis drei Jahre, was man sich denn anschaffen könnte. Gravett kennt sich hervorragend aus im Metier, solche Leute wie Martin tom Dieck kennt er auch (obwohl der hier nicht vorkommt) - man sollte also nicht glauben, dass er amerikazentriert denken würde. Allerdings kommen auch nur solche Graphic Novels im Buch vor, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch erhältlich waren und in englischer Sprache erschienen sind. Aber das ist durchaus genug. Dieses Buch sollte man zu Hause stehen haben, wenn man von Graphic Novels nicht genug bekommt. Zudem sollte es auch in Comic-Läden angeboten werden. Eine sinnvolle Erweiterung für diese Anschaffung ist Gravetts Publikation über Mangas, die im von mir besprochenen Standardwerk nur eine untergeordnete Rolle spielen (es versteht sich aber von selbst, dass u. a. "Barfuß durch Hiroshima" und "Akira" darin vorkommen).