Der Inhalt dieses Jahrhundert-Romans ließe sich zur Not in ein, zwei Sätzen wiedergeben: Arme Teufel geraten durch ein System, das sie nur allmählich und bruchstückhaft durchschauen, unwiderruflich und immer tiefer ins Elend. Warum also einen über 500 Seiten dicken Roman darüber lesen? -- Antwort: Weil er gut ist, und weil keine einzige Seite, kein einziger Satz überflüssig oder gar langweilig wäre. Seine unsentimentale Sprache ist dermaßen plastisch, dass es kaum auszuhalten ist.
"Grapes of Wrath" beruht auf Steinbecks eigenen Recherchen; er hatte selbst eine Familie auf dem Treck von Oklahoma nach Kalifornien begleitet und die Zustände unterwegs und in den kalifornischen Lagern miterlebt. In weiten Passagen des Romans verwendet er eine Sprache, wie sie auch seine Protagonisten hätten verwenden können, und vor allem übernimmt er ihre Perspektive. Vielleicht erklärt das die unglaublich dichte Atmosphäre seines Romans, die den Leser mit voller Wucht trifft und ihn nie auf Distanz gehen lässt. (Die Leser seien aber gewarnt -- das gute alte Schulenglisch allein reicht nicht aus, den Roman im Original zu lesen.)
Oklahoma, Anfang der 1930er Jahre: Infolge des Börsencrashs 1929 wird vielen kleinen Farmern der Kredit gekündigt, und zu allem Elend machen Dürren, Bodenerosion und Überschwemmungen die Ernten zunichte. Ganze Landstriche werden entvölkert; es entstehen die unüberschaubaren Riesenfarmen, die seitdem die Landschaft des Mittleren Westen prägen. Ein endloser Treck enteigneter Familien zieht nun über die gar nicht romantische Route 66 ins Gelobte Land, nach Kalifornien -- es kursieren Handzettel, dass man dort guten Lohn für leichte Arbeit zahle. Die Phantasie der Farmer wird bevölkert vom weißen Häuschen im Schaten der Orangenbäume und von Waschtrögen voller Trauben, in die man sich hineinsetzen kann; ihre Realität aber bestimmen Armut, Hunger und Heimatlosigkeit.
Steinbeck kontrastiert immer wieder von Kapitel zu Kapitel die Einzelschicksale der Menschen mit journalistischen Berichten und Analysen über die Gesamtsituation der heimatlosen Farmer, über Ursachen und Zusammenhänge der Katastrophe, veranschaulicht anhand der Zustände in Kalifornien Marx'sche Begriffe wie Proletarisierung, Verelendung, Entfremdung oder Mehrwert, ohne diese Begriffe je nennen zu müssen -- die Zustände sprechen für sich und brauchen keine Schlagworte. Auch diese "überpersönlichen" Kapitel sind, wie der ganze Roman, in der Sprache der enteigneten Farmer verfasst.
Vor allem geht es in "Grapes of Wrath" jedoch um das Schicksal der Joads, einer typischen Farmersfamilie aus Oklahoma. Auch sie können ihren Kredit nicht mehr abbezahlen und werden brutal von ihrer Farm vertrieben, auch sie beladen einen schrottreifen Lastwagen und ziehen nach Kalifornien: Eltern, zwei kleine Kinder, die Großeltern, die älteren Söhne Tom, Noah und Al, die schwangere Tochter mit ihrem Mann, ein Onkel, und der desillusionierte Wanderprediger Jim Casy (letzterer mit Zügen von Steinbeck selber). Auch wenn ihr Schicksal für das von Abertausenden steht, sind die einzelnen Figuren keine Schablonen, sondern eigenständige Persönlichkeiten mit ihren widersprüchlichen Charakteren, würdevoll auch im ärgsten Elend. Es sind die unzählbaren kleinen, genau beobachteten Szenen, die diesen Protagonisten und mit ihnen dem ganzen Roman ihren unverwechselbaren Charakter verleihen, diese stete Balance von stoischer Schicksalsergebenheit und Rebellion, Mutlosigkeit, innerer Stärke und verhaltener unsentimentaler Zärtlichkeit. --
Schon unterwegs zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die Mutter der Fixpunkt der Familie ist, während ihr Mann und ihr Schwager angesichts des wachsenden Elends von Tag zu Tag, von Misserfolg zu Misserfolg immer mehr resignieren. Zusammen mit ihrem Sohn Tom versucht sie, die allmählich zerfallende Familie so gut es geht zusammenzuhalten -- die Großeltern sterben unterwegs, ein Sohn und der Schwiegersohn setzen sich ab, der Wanderprediger schließt sich protestierenden Arbeiter an und wird daraufhin ermordet.
Der soziale Abstieg geht auch im Gelobten Land weiter -- die Löhne werden systematisch unters Existenzminimum gedrückt und der Gewinn der Großfarmen maximiert, die Heere der Arbeitslosen bis zur Weißglut provoziert. Schließlich tritt Tom Joad der Arbeiterbewegung bei und geht in den Untergrund.
Das Ende der Joads und ihrer abertausend Leidensgenossen, ob zum Guten oder zum Bösen, erfährt man nicht im Roman; die Schlussszene könnte ein Wendepunkt sein, oder auch das definitive Ende. Bleiben wird aber Tom Joad: Er wird überall dabeisein, "wherever there's a fight so hungry people can eat, [...] where there's a cop beating up a guy[...]. I'll be in the way guys yell when they're mad. I'll be in the way kids laugh when they're hungry and they know supper's ready. And when the people are eating the stuff they raised, and living in the houses they build, I'll be there, too."
Steinbeck machte mit "Grapes of Wrath" bei dessen erstem Erscheinen Furore; das Buch wurde zeitweilig verboten und nur noch mehr gelesen, es erhielt den Pulitzer-Preis, wurde zum Ausgangspunkt soziologischer Untersuchungen -- und beeindruckt seine Leser bis heute.