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Grand Tour: oder die Nacht der Großen Complication - Roman
 
 
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Grand Tour: oder die Nacht der Großen Complication - Roman [Taschenbuch]

Steffen Kopetzky
4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (16 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Für Angestellte der europäischen Schlafwagengesellschaft Compagnie International des Wagons-Lits gibt es per definitionem nur drei Zustände: Man ist unterwegs, man befindet sich auf einem kurzen Zwischenstopp -- Passage genannt -- oder man hat irgendwo Aufenthalt. Etwas anderes gibt es nicht. Selbst wenn sich jemand 40 Jahre lang aus seinem Dorf nicht hinausbewegt -- für die Schlafwagenschaffner ist das nicht mehr als ein langer Aufenthalt.

Der junge Leo Pardell war bislang eher ein Mensch der langen Aufenthalte, bis er im Frühjahr 1999 zu solch einem Schlafwagenschaffner wird. Eigentlich hatte er seinem Architektur-Studium mit einem Praktikum in Argentinien den letzten Schliff verleihen wollen, doch noch vor dem Abflug werden ihm Ticket, Geld und Gepäck gestohlen -- völlig abgebrannt und ohne Dach über dem Kopf verdingt er sich daraufhin als Aushilfsschlafwagenschaffner. Bei seinen von mehr oder minder kurzen Passagen und Aufenthalten unterbrochenen nächtlichen Reisen kreuz und quer durch Europa tut sich dem ahnungslosen Pardell eine völlig neue Welt auf, bevölkert von Trickbetrügern, Schmugglern, Beischlafdiebinnen und zahllosen anderen skurrilen Nachtgestalten. Sein neuer Job hindert ihn freilich nicht daran, seiner Mutter und seiner Angebeteten per gelegentlicher Anrufe vorzugaukeln, er wäre tatsächlich in Buenos Aires -- deshalb ist seine Armbanduhr auch auf argentinische Ortszeit eingestellt.

Eine Armbanduhr spielt auch die Hauptrolle im zweiten großen Handlungsstrang des Buches: Unter Sammlern geht das Gerücht, dass die mythische, für Liebhaber unschätzbar wertvolle Ziffer à Grande Complication 1924, die erste mechanische Uhr mit Jahrtausendanzeige, aufgetaucht sei -- sofort setzen sich der schwerreiche Friedrich Baron von Reichhausen und noch ein paar andere Gestalten in Bewegung, um die Uhr in ihren Besitz zu bringen oder zumindest dem einmaligen Moment beizuwohnen, in dem die Jahresanzeige am 31. Dezember 1999 auf das neue Jahrtausend umspringt. Auch hier beginnt eine wilde Jagd quer durch Europa, und die Wege der Uhrensammler und die der Schlafwagenschaffner kreuzen sich ein ums andere Mal.

Steffen Kopetzkys neuer, kiloschwerer Roman wartet mit einer barocken Fülle von Figuren und Handlungsfäden auf. "O nein, nicht noch einer!", ist man jedes Mal zu schimpfen versucht, wenn wieder eine neue Figur eingeführt wird -- 50 sind es locker. Doch binnen kurzem hat man jede einzelne von ihnen ins Herz geschlossen und freut sich über die zusätzliche Verkomplizierung des Geschehens, die sie mit sich bringt. Es ist zugegebenermaßen nicht ganz einfach, den Überblick zu bewahren, und viel Geduld muss man auch mitbringen -- doch wenn man sich der Herausforderung der -- nomen est omen! -- Grand Tour stellt, wird man mit einem ungewöhnlich packenden Leseerlebnis belohnt, das in einem furiosen Finale kulminiert. --Christoph Nettersheim -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 22.03.2002
Genügend Gründe, "Steffen Kopetzky für einen Scharlatan und Schlawiner unter den Jungschriftstellern zu halten", trug Rezensentin Kristina Maidt-Zinke im Hinterkopf, als sie sich mit dem Berliner Autor auf die 740-seitige "Grand Tour" begeben hat: Rechtschreibfehler, vormoderne Erzählmethoden, Kopetzkys Überheblichkeit, seinen neuen Roman vorab schon als "Hauptwerk" anzukündigen - mit einer langen Liste an Verstößen eröffnet Maidt-Zinke ihre Kritik, um anschließend zu erörtern, warum sie ihre Reise an Kopetzkys Seite, auf der Jagd nach dem weltweit einzigen Chronometer mit Jahrtausendanzeige mit Namen "Grande Complication", dennoch nicht bereut hat. So sei das Personal des Romans zwar unübersichtlich, demgegenüber jedoch "farbig, komisch und ausdrucksstark" Beeindruckt haben die Rezensentin auch die intertextuellen Anspielungen (Benjamin entdeckt sie zwischen den Zeilen) und die "Kenntnisse verschiedenster Provenienz", mit denen Kopetzky prunke. Schließlich sei es der "unerschrockene Fabuliereifer", der sie mit immer neuen Wendungen selbst über die Durststrecken der Lesestrecke getragen habe. Zum Ende kann es sich Maidt-Zinke nicht verkneifen, noch einmal zu mäkeln: Wenn der Klappentexter schon eine "barocke Fülle" ankündigt, hätte er doch gleich von "Rokoko" reden sollen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 23.03.2002
Nach einer lockeren Plauderei über den 31-jährigen Kopetzky, der momentan auch als Kolumnist in der "Leben"-Redaktion der "Zeit" von sich reden macht, widmet sich die Rezensentin Petra Kohse mit ganzer Aufmerksamkeit dem 740 Seiten umfassenden, äußerst komplex angelegten Roman um den jungen Leo Pardell, dem auf seinen nächtlichen Touren durch Europa als Aushilfs-Schlafwagenschaffner sonderbare Gestalten begegnen. Eine weitläufige, überbordende Handlung und ein hohes Maß an Authentizität zeichnen diesen Roman nach Ansicht der Rezensentin aus, ohne dass dies seinem Charakter als "gebauter und damit so künstlicher wie in sich stimmiger Entwurf von Wirklichkeit" widersprechen würde. Die "liebevolle Hingabe", mit der Kopetzky sein wunderliches Personal porträtiere, begeistert die Rezensentin ebenso wie seine "rhythmisch insistierende, sorgfältig ausgearbeitete und in ihrer liebevollen Genauigkeit immer ironiefähige Sprache". Kohse findet in "Grand Tour" nicht nur einen Abenteuer-, Liebes- und Kriminalroman, sondern auch eine "Kulturgeschichte der Eisenbahn und der Uhrmacherkunst sowie das Handbuch zur Sonnenfinsternis, zur Mafia oder zum Highlanderspiel". Alles in allem: ein "großartiger Roman".

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

"Ein witziges, weises, gewagtes, abenteuerliches - kurz: ganz und gar hinreißendes Buch." (Stern )

"Ein großartiger Roman." (Frankfurter Rundschau )

"Ein großer Wurf." (Werner Fuld, Focus )

Kurzbeschreibung

Der verkrachte Student Leo Pardell lässt Mutter und Freundin in dem Glauben, er befinde sich auf Sprachreise in Buenos Aires. Doch in Wirklichkeit heuert er als Schlafwagenschaffner an, reist kreuz und quer durch Europa und begegnet einer Vielzahl von Menschen, unter ihnen auch dem exzentrischen Uhrensammler Baron Reichhausen auf der Suche nach einem legendären Stück, der "Grande Complication". Unversehens wird Leo zur Schlüsselfigur in Reichhausens fanatischer Jagd ...
Liebes-und Detektivgeschichte, Entwicklungsroman und Schelmenstück, Kulturgeschichte und Reisebericht in einem: Kopetzkys literarische Tour de Force begeisterte Kritik und Lesepublikum gleichermaßen. Von elegant geschliffener Sprache, höchst amüsant, präzise und zugleich überbordend an Phantasie bietet "Grand Tour" ein Lesevergnügen der ganz besonderen Art.


Klappentext

"Ein großes Buch, ein gutes Buch, ein gelungenes Buch!"
taz

"Ein Buch, so präzise wie ein Uhrwerk. Ein Autor, der weiß, wovon er schreibt. Was will man mehr?"
Rheinischer Merkur

"Mit seinem erstaunlichen Erfindungsreichtum, der sprachlichen Eleganz und einer subtilen Liebe zum Detail ist Kopetzky ein großer Wurf gelungen."
Werner Fuld, Focus

Über den Autor

Steffen Kopetzky wurde 1971 in Pfaffenhofen an der Ilm geboren und arbeitete nach einem unvollendeten Philosophiestudium eine Zeit lang als Schlafwagenschaffner. Er veröffentlichte u.a. Theaterstücke, Opernlibretti, Radiofeatures und Erzählungen und wurde vielfach ausgezeichnet. Von 2003 bis 2008 war er Künstlerischer Leiter der Biennale Bonn. „Der letzte Dieb" ist sein vierter Roman. Nach einem Jahrzehnt in Berlin-Neukölln lebt Kopetzky mit Frau und Kindern wieder in seiner oberbayerischen Geburtsstadt.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Wir betreten die Bahnhöfe: fast immer in der Stadtmitte gelegen, an ihren Vorderseiten kolossal den großen Boulevards geöffnet, Einfallstore in eine Welt aus Fahrplänen und Destinationen. Wir betreten die Bahnhöfe, an irgendeinem Ort, stehen vor der Pariser Gare de l'Est, unser Blick wandert über die Front, wir erheben uns, passieren die hundert Jahre alten Figurinen des Verkehrs und des modernen Fortschritts, setzen uns kurz auf einen der Vorsprünge, von deren Höhe aus die scheinbar chaotische Bewegung des Kommens und Gehens der Reisenden eine Ordnung erhält, eine Logik des Austauschs und des freien Fließens, die, je höher wir steigen, desto geschmeidiger und natürlicher erscheint, wie auch die Stränge der Schienen, die undurchschaubar und wahllos wirken, solange man sich auf gleicher Höhe mit ihnen befindet. Doch jetzt, in diesem Augenblick, da wir den Bahnhof Milano Centrale endgültig überblicken und die klassische Anordnung seiner kolossalen Treppenhäuser begriffen haben, wenden wir uns wieder nach Norden und ermessen bewundernd den Strauß von Richtungen und Verzweigungen, die sich uns darbieten. Es ist ganz egal, welchem der Schienenstränge wir folgen: Sie führen fort, verzweigen sich immer weiter und weiter, bis sie in der selbstbewußt aufragenden Südostseite des Genfer Hauptbahnhofs enden, in der theatralischen Kulisse des Bahnhofs von Straßburg, in Genuas orientalischer Phantasmagorie mit ihrer kleinen, spitzen Kuppel und den in die Felsen gebauten Bahnsteigen, die langgestreckten, kühlen Höhlen gleichen. Wir umschweben das zierliche, in den Stadtverkehr gesenkte Portal des Hauptbahnhofs Kopenhagen, Helsinkis schweigende Wächter, die riesigen Granitfiguren, die gewaltige leuchtende Kugeln in die nordische Nacht hineinhalten, spüren die Hektik von Santa Maria Novella in Florenz oder die atemberaubende Weitläufigkeit von Wien West, um schließlich auf den Gedanken zu kommen, uns irgendwo im Inneren der Bahnhöfe niederzulassen und den Flug zu unterbrechen. Dort allerdings, auf den Stahlträgern, den Säulen und den gegen alle Schwere in lichten Bögen geschwungenen eisernen Balustraden, wimmelt es von spitzen Stacheln und von hinterhältigen Drähten, die uns Stromschläge versetzen. Man duldet uns nicht, man vertreibt uns, kaum daß wir uns irgendwo niedergelassen haben. Also durchqueren wir ruhelos die Hallen, fliegen zwischen den Ausgängen hin und her, sammeln uns auf den Vorplätzen, schwärmen auf, und manchmal lassen wir uns in die ruhigen Winkel voller Zigarettenstummel und Abfall treiben, in denen wir plötzlich alleine sind, und für uns. Eine einzelne. Eine unter vielen. Da ist sie.
Wie sollen wir sie nennen? Es gibt so viele ihrer Art, aber da wir beschlossen haben, dieser einen zu folgen, müssen wir ihr einen Namen geben: Sagen wir Leoni? Nein, aber ein >L< sollte es schon sein, das >L< hat den richtigen Anhauch von Leichtigkeit, leicht muß er sein, der Name, und auffliegend. Um aber neben der flügelnden Leichtigkeit auch das Lichte ihrer Existenz zu treffen, müssen wir noch weiter suchen, das Licht muß aufscheinen in ihrem Namen, denn wenn die Sonne am Nachmittag plötzlich schräg über die Vorplätze und die Hallen fällt, beginnt ihre eigentliche Zeit, und während man ihr nachblickt, denkt man sehnsüchtig daran, daß bald wieder Sommer sein wird ^
Wir wollen sie Lucia nennen, das ist ein guter Name. Lucia wurde, sieben Monate vor ihrer gerade erfolgten Taufe, auf einer von sieben Bolzen zusammengehaltenen Querstrebe aus soliden Stahlträgern geboren, zwischen zwei der spitzen Drahtstifte, die eigentlich zur Abwehr angebracht waren und auf denen es sich ihre Mutter geschickt und vorsichtig bequem gemacht hatte, um Lucia zu gebären.
Unserem Blick zeigt sich Lucia im südlichen Teil des Münchener Hauptbahnhofs, nahe der großen Treppe zum Untergrund. Unschlüssig, was sie eigentlich will, ist sie der Zudringlichkeit eines großen, allerdings schon etwas alten Liebhabers ausgesetzt, dem ein Teil seines linken Fußes fehlt, weshalb er bei gewissen zärtlichen Drehungen immer auf den Schnabel fällt. Lucia ist nicht interessiert. Nach einer Weile besinnt er sich und schließt sich einem kleinen Schwarm an, der die nächtliche Bayerstraße Richtung Süden überfliegt. Lucia bleibt und geht äugend über das Pflaster. Es gibt da interessante Lichter: Imbisse!
An einem davon steht ein großgewachsener Mann, vielleicht Ende Fünfzig. Ein leichtes Doppelkinn und überhaupt eine gewisse Schwammigkeit des Gesichts können den athletischen Eindruck, den er vermittelt, zwar trüben, aber nicht ganz zunichte machen. Die braungebrannte Glatze und eine ungesunde, auf Alkohol zurückzuführende Röte der Wangen verstärken diesen doppeldeutigen Eindruck, etwas Zwiespältiges, das sich auch in seiner weiteren Erscheinung fortsetzt: Er trägt einen edlen Trenchcoat von Burberrys, wundervolle dunkelbraune Schuhe, deren Leder mit dem Leder seines Gürtels korrespondiert, so, wie der Farbton seiner Strümpfe die Farbe seiner Krawatte wiederaufnimmt. In seiner Linken ein weißes Batisttaschentuch mit dem in zartem Blau gestickten Monogramm FvR und einer kleinen, fünfzackigen Krone darüber. Mit diesem Taschentuch wischt er sich größere Mengen eines Gemischs von Ketchup und Mayonnaise von seinen Mundwinkeln: Er ißt, sichtlich heißhungrig, eine >doppelte< Currywurst rot-weiß. Dazu nimmt er große, hastige Schlucke aus einer Flasche Augustiner Edelstojf. Von der Semmel fallen Brösel auf seinen Trenchcoat und auf das Pflaster vor seinen Füßen. Während er sich die Brösel von seinem Mantel klopft, blickt er auf die goldene Uhr an seinem Handgelenk, nimmt sein Gepäck auf und geht zügig auf ein in der Nähe wartendes Taxi zu.
Durch des Mannes ruckartige Bewegungen verunsichert, nähert sich Lucia sehr zögerlich den Krümeln und entfernt sich wieder von ihnen, aber jetzt - jetzt hat sie einen beachtlichen Brocken erwischt, wendet sich sofort ab, und als der Trenchcoat des Mannes einen bedrohlichen Schwenk macht, fliegt sie auf in die Halle des Hauptbahnhofs. Lucia passiert das Portal in seinem oberen Drittel, wendet sich nach links den Gleisen und Bahnsteigen zu, überfliegt die Gleise 11 bis 15, um dann neuerlich eine Linkskurve zu beschreiben, deren Bogen sie zunächst weit über die Schienenstränge führt. Sie läßt sich in einem wunderschön niedersteigenden Zirkel sinken, landet schließlich auf dem äußersten Bahnsteig, Nummer 11, und beginnt, so gierig den Krümel zu verzehren, daß sie das Näherkommen des jüngeren Mannes, der den Bahnsteig herunterkommt, erst im
allerletzten Moment bemerkt und erschreckt und panisch auffliegt. Der junge Mann bleibt stehen und sieht, wie sie höhersteigend der Glasfront der Dachkonstruktion zufliegt. Er blickt ihr zärtlich und sehnsuchtsvoll nach, obwohl der Aufflug einer Taube auf einem Bahnhof nichts Ungewöhnliches ist. Er sieht ihr nach, die sich, in der plötzlichen Erinnerung, daß es unmöglich ist, auf dem Stahl der Dachkonstruktion zu landen, bis auf die Höhe des unteren Rands der Glasfassade fallen läßt, in die Dunkelheit hinausfliegt und seinen Blicken entschwindet.
Dann geht er das Gleis weiter hinunter. Er denkt nicht daran, daß zwischen ihm und einem anderen Menschen - den er nicht kennt, den er niemals kennenlernen wird — vielleicht nichts als der Flug einer Taube liegt. Oder liegen wird: eine Figur aus Zufällen und Rätseln. Der zarte Flugschatten einer Geschichte.

München, Aufenthalt 7. 4. 1999, 20:35
Stille, würgende Panik. Stärker mit jedem Meter, den Pardell den Bahnsteig 11 des Münchener Hauptbahnhofs hinunterging. Er war viel zu früh aufgebrochen, um auf keinen Fall zu spät zu kommen, und hatte dann unwohl auf den Vorhöfen des Bahnhofs und seinen abseitigen Passagen herumgetrödelt. Er hatte wehmütig die vielsprachigen Auslagen der Zeitungshändler überflogen. Hatte auf dem aufgestellten riesigen Fernsehschirm Bilder von der Bombardierung einer großen Stadt auf dem Balkan gesehen und...

Auszug aus Grand Tour oder die Nacht der Großen Complication. von Steffen Kopetzky. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Zarter Flugschatten
Wir betreten die Bahnhöfe: fast immer in der Stadtmitte gelegen, an ihren
Vorderseiten kolossal den großen Boulevards geöffnet, Einfallstore in eine Welt
aus Fahrplänen und Destinationen. Wir betreten die Bahnhöfe, an irgendeinem Ort,
stehen vor der Pariser Gare de l'Est, unser Blick wandert über die Front, wir
erheben uns, passieren die hundert Jahre alten Figurinen des Verkehrs und des
modernen Fortschritts, setzen uns kurz auf einen der Vorsprünge, von deren Höhe
aus die scheinbar chaotische Bewegung des Kommens und Gehens der Reisenden eine
Ordnung erhält, eine Logik des Austauschs und des freien Fließens, die, je höher
wir steigen, desto geschmeidiger und natürlicher erscheint, wie auch die Stränge
der Schienen, die undurchschaubar und wahllos wirken, solange man sich auf
gleicher Höhe mit ihnen befindet. Doch jetzt, in diesem Augenblick, da wir den
Bahnhof Milano Centrale endgültig überblicken und die klassische Anordnung
seiner kolossalen Treppenhäuser begriffen haben, wenden wir uns wieder nach
Norden und ermessen bewundernd den Strauß von Richtungen und Verzweigungen, die
sich uns darbieten. Es ist ganz egal, welchem der Schienenstränge wir folgen:
Sie führen fort, verzweigen sich immer weiter und weiter, bis sie in der
selbstbewußt aufragenden Südostseite des Genfer Hauptbahnhofs enden, in der
theatralischen Kulisse des Bahnhofs von Straßburg, in Genuas orientalischer
Phantasmagorie mit ihrer kleinen, spitzen Kuppel und den in die Felsen gebauten
Bahnsteigen, die langgestreckten, kühlen Höhlen gleichen. Wir umschweben das
zierliche, in den Stadtverkehr gesenkte Portal des Hauptbahnhofs Kopenhagen,
Helsinkis schweigende Wächter, die riesigen Granitfiguren, die gewaltige
leuchtende Kugeln in die nordische Nacht hineinhalten, spüren die Hektik von
Santa Maria Novella in Florenz oder die atemberaubende Weitläufigkeit von Wien
West, um schließlich auf den Gedanken zu kommen, uns irgendwo im Inneren der
Bahnhöfe niederzulassen und den Flug zu unterbrechen. Dort allerdings, auf den
Stahlträgern, den Säulen und den gegen alle Schwere in lichten Bögen
geschwungenen eisernen Balustraden, wimmelt es von spitzen Stacheln und von
hinterhältigen Drähten, die uns Stromschläge versetzen. Man duldet uns nicht,
man vertreibt uns, kaum daß wir uns irgendwo niedergelassen haben. Also
durchqueren wir ruhelos die Hallen, fliegen zwischen den Ausgängen hin und her,
sammeln uns auf den Vorplätzen, schwärmen auf, und manchmal lassen wir uns in
die ruhigen Winkel voller Zigarettenstummel und Abfall treiben, in denen wir
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