Das hat sich der Ich-Erzähler in diesem Buch vermutlich nicht träumen lassen: Sein Auslandsjahr in Madrid inmitten eines illustren Kreises von angejahrten Dirnen, exaltierten Schwulen und professionellen Taschendieben ist eher ein Studium möglicher Arten der Lebenspraxis als der Beschäftigung mit ehrwürdiger Kunst gewidmet.
Der Untertitel Spanische Vorkommnisse" trifft das nicht ganz. Hier geht es nicht um einzelne Vorfälle, Szenen oder Episoden, sondern um ein weitgehend chronologisch erzähltes Werk mit genauem Blick für die Dinge unter der Oberfläche und trotz des plaudernden Tonfalls gelegentlich beunruhigender Dramatik.
Kurzweilig und in lakonischem Tonfall gehalten, amüsiert Peter Richters Roman mit der präzisen Schilderung des Mikrokosmos abseits der Prachtstraßen, einer gehörigen Portion Situationskomik und einem Talent für Rahmen, Auftritt und Wirkung. Dafür nutzt der Autor ausgiebig das Repertoire an Schimpfwörtern (was sich wie die spanische Version von Holidays for Doosie" liest) und schildert unterhaltsam reichlich Nachbarschaftskrach oder die Tricks von Hoteliers und Kneipern. Ein kleines Bier wird zum Anlass ausführlicher Lebens- und Weltbetrachtungen und luzides Träumen zu einem Synonym für Lähmungserscheinungen, die nächtliche Ausschweifungen oder die sommerliche Hitze nach sich ziehen.
Auf wunderbare Weise zutreffende Klischees (schon in bisherigen Veröffentlichungen seine Spezialität), pointierte Beobachtungen und skurrile Erlebnisse sind fein verhäkelt - vom studentisch-hitzigen Debattieren bis hin zu Modefarben, Körpermaßen oder kulinarischen Auswüchsen der spanischen Küche. Nicht zuletzt nutzt Peter Richter die Gelegenheit zu humorigen Betrachtungen zum Beispiel über prachtvolle Schinken, mit denen sowohl die Gemälde im Prado als auch das Speisenangebot fragwürdiger Lokalitäten gemeint sind. Wohltuend ist das Fehlen jeglicher Ost-West-Repliken, die Mitte der neunziger Jahre nahezu zwangsläufig waren - außer einer heimwehkranken Erinnerung an Russisch-Brot und Hansa-Keks.
Der 1973 in Dresden geborene Peter Richter (in den neunziger Jahren selbst als Student in Madrid) hat längst im Feuilleton Fuß gefasst und machte bereits mit den beiden ebenfalls bei Goldmann erschienenen Büchern Blühende Landschaften" und Deutsches Haus" von sich reden. Sein lesenswertes Buch gehört bei einer Madridreise ins Gepäck und ist das ideale Geschenk für jemanden, der selbst mit einem Stipendium das spanische Leben abseits des universitären Alltags studieren durfte. Am liebsten möchte man auf einem Stadtplan die zumeist nächtlichen Streifzüge nachvollziehen und kann in jedem Fall noch etwas über die spanische Hauptstadt lernen.