Es wäre der "Grammatologie" zu wünschen (ebenso den Werken "Die Schrift und die Differenz", "Die Stimme und das Phänomen" oder, jüngeren Datums, "Die Politik der Freundschaft"), daß sie nach all den Habermas'schen und Luhmann'schen Einlassungen hinsichtlich der Nutzlosigkeit und Unlauterkeit des Derrida'schen Schaffens, einfach endlich gelesen würde.
Unvoreingenommen und ohne Berührungsängste, sollte der Leser sich Stück für Stück - mit Geduld und Zeit und Lust zur Lektüre - in das Denken der Dekonstruktion einlassen und die Erfahrung machen, daß es zwar sehr schwierig, durchaus aber lohnenswert ist, sich Derrida noch einmal ganz naiv und neu zu nähern. "Grammatologie" ist sicher das Buch Derridas, das am eindeutigsten linguistischen, also rein sprachwissenschaftlichen Fragen nachspürt - und eröffnet dennoch schon hier enorme Perspektiven darauf, was die Dekonstruktion, richtig verstanden und erkannt und angewandt, zu leisten vermag, auch außerhalb des literarischen oder rein linguistischen Diskurses.
V.a. ist es wichtig, von dem wegzukommen, was ich hier einmal Vulgär- oder Populärdekonstruktion nennen will. Denn die sintflutartige Verwendung des Begriffes hat ihn aufgeweicht und somit zu einem mehr oder weniger leeren Begriff gemacht. Derrida allerdings hat ein sehr klares und auch nachvollziehbares Konzept dessen, was er Dekonstruktion nennt - eben keine Methode, kein Prinzip, keine Theorie, sondern eine Bewegung im Sprachlichen selbst/sprachlichen Selbst.
Der Vorwurf, Derridas Schreiben sei nicht lesbar, sei ein Raunen von den Rändern des Diskurses, welches der Esoterik Vorschub leiste und die Strenge des philosophischen Gedankens unterminiere, ist gerade an diesem Text zu widerlegen. Daß es ein schwieriger Text ist, daß man Zeit und Konzentration braucht - geschenkt. Welcher philosophische Text erfordert dies nicht? Und wenn man sich erst einmal in den Stil (auch der Übersetzungen) eingelesen hat, ist es auch möglich, eine Menge Humor und durchaus schöne sprachliche Bilder hier zu entdecken.
Man sollte in Deutschland endlich die Angst vor dem postmodernen französischen Denken ablegen! Ein Zusammen, ein Gemeinsam, ein aufeinander Zugehen und Ab- und Anstecken der Philosophien tut Not. Die Wirklichkeit neu lesen, die dekonstruktiven Kräfte innerhalb dieser Wirklichkeit sehen - das wäre ein Anfang, damit aus reiner zurückgezogener Philosophie (die oft genug zum l'art pour l'art verkommt und sich darüber auch oft genug beschwert, gekoppelt an die Klage, keinen gesellschaftlichen Einfluß mehr zu haben) politisches und gesellschaftliches Handeln abzuleiten wären.