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Grammatik der Schöpfung
 
 
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Grammatik der Schöpfung [Taschenbuch]

George Steiner , Martin Pfeiffer
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Allen Selbstbeschreibungen avantgardistischer Künstler zum Trotz wirft George Steiner in seinem neuesten, aus den Gifford-Lectures hervorgegangenen Buch die unser modernistisches Selbstverständnis herausfordernde Frage auf, ob es bedeutende Werke in der Kunst, Literatur, Musik oder Philosophie geben kann, wenn die Annahmen des Glaubens und einer transzendentalen Metaphysik aufgegeben werden. "Über die Gott-Hypothese läßt sich nicht ohne Kosten spotten", schreibt er in seinem Schlusswort.

Man kann die Frage auch so zuspitzen: Kann es eine atheistische Kunst geben? Steiner wagt es, dies zu bezweifeln. Genau mit dieser Frage muss sich aber seiner Auffassung nach die Kultur der Moderne konfrontieren, nachdem eine Ästhetik zur Herrschaft gelangt ist, die sich von der Verpflichtung auf das Ganze der Welt abgelöst hat.

Was Steiner auf mehr als 300 Seiten entwickelt, ist also nichts weniger als eine Onto-Theologie der Kunst, die von dem Gedanken ausgeht, dass die herausragenden Werke der bildenden Kunst und Literatur aus der ontologischen Fiktion der Analogie zur göttlichen Kreation der Welt ihren Wert, aber auch ihre Macht bezogen haben, Betrachter und Interpreten zu bewegen. Schöpfung war daher immer mehr als bloße Erfindung; Steiner verwendet den an Heidegger angelehnten Ausdruck "Ins-Sein-Treten", um die Analogie begrifflich zu erfassen. Man kann unmöglich die Etappen zusammenfassen, in denen Steiner seine Grundidee entwickelt: Wie Schöpfungsgeschichten in den großen kosmologischen Mythen mit theologischen, metaphysischen und ästhetischen Vorstellungen miteinander zusammenhängen und unser Bild von Kunst, Musik und Literatur geprägt haben.

Wer allerdings geglaubt hätte, dass zu den Klassikern der europäischen Literatur ohnehin schon alles Wichtige gesagt sei, wird bei der Lektüre eine angenehme Überraschung erleben. So gelingt es Steiner -- um nur ein Beispiel zu nennen -- auf wenigen Seiten eine subtile Interpretation zum Verhältnis von Schöpfung und Originalität in Dantes Divina Commedia zu entfalten, die auch dem Kenner dieses Werkes neue Aspekte vermittelt. Steiners perspektivenreiche Lektüren gehören denn auch zu den besonders erfreulichen Erfahrungen beim Lesen dieses an Fußnoten fast provokativ armen Buchs.

Man wird Steiners kulturkonservative Prämissen, seine Skepsis gegen die modernen Naturwissenschaften und die Errungenschaften der Technik nicht unbedingt teilen, und auch nicht allen seinen ästhetischen Werturteilen folgen. Trotzdem bleibt dieses Buch ein ebenso gedankenreiches wie respekteinflößendes Meisterwerk, das aus der trostlosen und uninspirierten Masse der literaturwissenschaftlichen Durchschnittsproduktion eindrucksvoll herausragt. Steiner erweist sich damit einmal mehr als einer der letzten Repräsentanten des alteuropäischen Humanismus. --Jens Kertscher -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Pressestimmen

»Unmöglich, George Steiner nicht zu lieben. Weil er ein unvergleichlicher Kritiker ist, der den schwierigen Autoren der philosophischen Literatur, von Hegel bis Heidegger, von Spinoza bis Simone Weil, der ihren akademisch einbalsamierten Texten zu neuem Leben verhilft. Weil er ein Tiefensüchtiger ist, der die Tiefensucht des Geistes, speziell in seiner deutschen Ausprägung, ironisch an den Ohren zieht und dabei abgrundtief versteht.«
Süddeutsche Zeitung



»George Steiner gehört zu den wenigen Kulturkritikern, die ohne Wehleidigkeit und in einer zugänglichen Sprache die Grundfragen unserer Zivilisation verständlich machen, den Kontinuitätsbruch des 20. Jahrhunderts, die Entstehung neuer Wahrnehmungsmöglichkeiten, aber auch die damit einhergehenden Verluste.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung



»Eine inspirierende Geschichte der Kreativität.«
Tages-Anzeiger, Zürich

Kurzbeschreibung

George Steiners neues Buch handelt von der Idee der Schöpfung, wie sie sich in der westlichen Kultur von der Bibel über Literatur und Kunst bis in die Philosophie und die Wissenschaftsgeschichte verbreitet hat. Erst das 20. Jahrhundert stellte die Idee des Schöpferischen in Frage und ersetzte sie durch das Prinzip der Erfindung.

George Steiner zeigt, wie stark unsere Zivilisation von den vielfältigen Erscheinungsformen des Schöpferischen geprägt ist und macht deutlich, dass von Wissenschaft und Technik keine Antworten auf die großen Fragen der Moral, der Politik und der Ästhetik zu erwarten sind. Eine Zivilisation, die sich von der Idee der Schöpfung und des Schöpferischen verabschiedet, nimmt große Verluste in Kauf und setzt ihre Zukunft aufs Spiel. Kein anderer als George Steiner vermag es, so eindringlich vor dieser Entwicklung zu warnen.

Der Verlag über das Buch

»Unmöglich, George Steiner nicht zu lieben. Weil er ein unvergleichlicher Kritiker ist, der den schwierigen Autoren der philosophischen Literatur, von Hegel bis Heidegger, von Spinoza bis Simone Weil, der ihren akademisch einbalsamierten Texten zu neuem Leben verhilft. Weil er ein Tiefensüchtiger ist, der die Tiefensucht des Geistes, speziell in seiner deutschen Ausprägung, ironisch an den Ohren zieht und dabei abgrundtief versteht.« Süddeutsche Zeitung

»George Steiner gehört zu den wenigen Kulturkritikern, die ohne Wehleidigkeit und in einer zugänglichen Sprache die Grundfragen unserer Zivilisation verständlich machen, den Kontinuitätsbruch des 20. Jahrhunderts, die Entstehung neuer Wahrnehmungsmöglichkeiten, aber auch die damit einhergehenden Verluste.« Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Eine inspirierende Geschichte der Kreativität.« Tages Anzeiger

Über den Autor

George Steiner, geboren 1929 in Paris, lehrte in Princeton, Genf und Cambridge; seit 1994 ist er Professor für Komparatistik an der Universität Oxford. Zahlreiche Veröffentlichungen.

Auszug aus Grammatik der Schöpfung. von George Steiner. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Wir haben keine Anfänge mehr. Incipit: dieses stolze lateinische Wort, das den Beginn signalisiert, lebt nur in einem Wort wie dem verstaubten englischen inception fort. Der mittelalterliche Schreiber hebt die erste Zeile, das erste Kapitel mit einem verzierten Großbuchstaben hervor. In dessen goldenen oder karminroten Strudel setzt der Manuskriptilluminator heraldische Tiere, Drachen am Morgen, Sänger und Propheten. Die Initiale, ein Ausdruck, der Anfang und Vorrang bezeichnet, fungiert als Fanfare. Sie verkündet die - keineswegs selbstverständliche - Maxime Platons, wonach unter allen natürlichen und menschlichen Dingen der Anfang das vorzüglichste ist. Heutzutage tendieren in westlichen Orientierungen - man beachte die gedämpfte Gegenwart des Morgenlichts in diesem Wort - die Reflexe, die Wahrnehmungsneigungen zum Nachmittag, zur Dämmerung. (Ich verallgemeinere hier. Meine Argumentation ist durchgängig anfechtbar und offen für das, was Kierkegaard "die Wunden der Negativität" nannte.)
Epochen, in denen man das Ende nahen sah und vom Sonnenuntergang fasziniert war, hat es in der abendländischen Kul-
tur schon früher gegeben. Philosophische Zeugnisse, die Künste und Historiker des Gefühls berichten von "Schlußzeiten in den Gärten des Abendlandes" - während der Krisen der römischen Reichsordnung, zur Zeit der apokalyptischen Befürchtungen beim Herannahen des zweiten Jahrtausends n.Chr., im Gefolge des Schwarzen Todes und des Dreißigjährigen Krieges. Immer haben sich mit dem Bewußtsein, welches Männer und Frauen von körperlichem Verfall, von allgemeiner Sterblichkeit hatten, Gedanken an Niedergang, an Herbst und schwindendes Licht verbunden. Auch schon vor Montaigne wiesen Moralisten darauf hin, daß das Neugeborene alt genug zum Sterben ist. Selbst im zuversichtlichsten metaphysischen Konstrukt, im affirmativsten Kunstwerk liegt ein memento mori, ein implizites oder explizites Bemühen, einen Damm dagegen aufzurichten, daß die fatale Zeit, die Entropie in jegliche lebende Form einsickert. Aus diesem Ringkampf beziehen der philosophische Diskurs und die Hervorbringung von Kunst ihren gestaltgebenden Nachdruck, die ungelöste Gespanntheit, deren formale Modi Logik und Schönheit sind. Der Schrei "der große Gott Pan ist tot" verfolgt selbst diejenigen Gesellschaften, mit denen wir, vielleicht allzu konventionell, einen Sinn für Optimismus assoziieren.
Gleichwohl gibt es, glaube ich, im geistigen Klima am Ende des 20. Jahrhunderts eine Müdigkeit im Kern. Die innere Chronometrie, die Verträge mit der Zeit, die unser Bewußtsein so weitgehend determinieren, zeigen auf Spätnachmittag in einer Weise, die ontologisch ist - das heißt, die dem Wesen, dem Gefüge des Seins angehört. Wir sind Spätlinge oder fühlen uns als solche. Das Geschirr wird abgeräumt. "Feierabend, die Herrschaften." Solche Ahnungen sind um so zwingender, als sie der Tatsache entgegenstehen, daß in den entwickelten Wirtschaftssystemen die Lebenszeit und die Lebenserwartung des Individuums zunehmen. Doch die Schatten werden länger. Wir scheinen uns zur Erde und zur Nacht hin zu beugen, wie es heliotrope Pflanzen tun.
Ein Durst nach Erklärung, nach Kausalität wohnt unserer Natur inne. Wir wollen wissen: warum? Welche denkbare Hypothese kann eine Phänomenologie, eine Struktur empfundener Erfahrung erhellen, die so diffus und in ihren Ausdrucksformen so vielfältig ist wie die der "Terminalität"? Lohnt es sich, solche Fragen ernsthaft zu stellen, oder führen sie nur zu müßigem hochgestochenem Geschwätz? Ich bin mir nicht sicher.
Die Unmenschlichkeit ist, soweit wir über historische Belege verfügen, immerwährend. Utopias, Gemeinschaften der Gerechtigkeit und Vergebung, hat es nicht gegeben. Unsere aktuellen Besorgnisse - über die Gewalt auf unseren Straßen, über die Hungersnöte in der sogenannten Dritten Welt, über Regressionen in barbarische ethnische Konflikte, über die Möglichkeit pandemischer Seuchen - müssen vor dem Hintergrund eines exzeptionellen Moments gesehen werden. Ungefähr von der Schlacht bei Waterloo bis zu den Massakern an der Westfront in den Jahren 1915-16 hat die europäische Bourgeoisie eine privilegierte Zeitspanne, einen Waffenstillstand mit der Geschichte erlebt. Gestützt auf die Ausbeutung der Industriearbeiter im eigenen Land und die Kolonialherrschaft in anderen Ländern, erfuhren die Europäer ein Jahrhundert des Fortschritts, der liberalen Ordnungen, der vernünftigen Hoffnung. Im zweifellos idealisierten Rückblick auf diesen außerordentlichen Kalender - man beachte den ständigen Vergleich der Jahre vor August 1914 mit einem "langen Sommer" - erdulden wir unser gegenwärtiges Unbehagen.
Doch auch wenn man selektive Nostalgie und Illusionen berücksichtigt, bleibt die Wahrheit bestehen: für ganz Europa und Rußland wurde dieses Jahrhundert zu einer Zeit aus der Hölle. Auf mehr als 70 Millionen schätzen Historiker die Zahl der Männer, Frauen und Kinder, die in der Zeit zwischen August 1914 und den "ethnischen Säuberungen" auf dem Balkan durch Krieg, durch Hunger, Verschleppung, politischen Mord und Krankheit umgebracht worden sind. Entsetzliche Heimsuchungen durch Pest, durch Hunger und Gemetzel hat es schon früher gegeben. Der Zusammenbruch der Menschlichkeit in diesem 20. Jahrhundert birgt spezifische Rätsel. Er geht nicht auf Reiter der weiten Steppe oder Barbaren an den fernen Toren zurück. Nationalismus, Faschismus und Stalinismus (im letztgenannten Fall ist dies allerdings weniger klar) entspringen dem Kontext, der Lokalität, den administrativ-sozialen Instrumenten der Hochburgen der Zivilisation, der Bildung, des naturwissenschaftlichen Fortschritts und der humanisierenden Entfaltung, ob christlich oder aufgeklärt. Ich will nicht auf die schwierigen, in gewisser Weise herabwürdigenden Debatten über die Einzigartigkeit der Shoa eingehen ("Holocaust" ist eine aus dem Griechischen stammende edle technische Bezeichnung für ein religiöses Opfer, kein Name, der für gelenkten Irrsinn und den "Wind aus der Schwärze" angemessen ist). Doch es sieht in der Tat so aus, als sei die Auslöschung der europäischen
Juden durch die Nazis eine "Singularität", nicht so sehr, was das
Ausmaß - der Stalinismus hat weit mehr Menschen getötet -, sondern was die Motivation angeht. Hier erklärte man eine Kate-
gorie von Menschen bis hin zum kleinen Kind für schuldig des Seins. Ihr Verbrechen war die Existenz, war der bloße Anspruch auf Leben.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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