Das vorliegende Buch ist keine wissenschaftliche Arbeit im engeren Sinne, sondern die Verbindung einer Beschreibung der Grameen Bank in Bangladesch und autobiographischer Notizen des Verfassers und Bankgründers Prof. Muhammad Yunus.
Die Grameen Bank ist entstanden aus der Erkenntnis, daß in vielen Fällen eine Verbesserung der Lebensumstände mit Hilfe geringer finanzieller Mittel möglich ist. Nötig wären danach relativ niedrige Kapitalvolumina, die die Empfänger aus der Abhängigkeit von Geldverleihern befreien und sie in die Lage versetzen würden, durch gezielte Investitionen ihre wirtschaftliche Selbständigkeit zu erlangen. Hierfür haben sich nach Angaben des Bankgründers Kleinstkredite als hilfreicher erwiesen als nicht rückzahlbare Almosen bzw. Subventionen, da mit der Verpflichtung zur Darlehensrückzahlung zum einen eine Gewöhnung der Kreditnehmer an Disziplin und Verantwortung verbunden ist und zum anderen der zurückgezahlte Betrag einschließlich Zinsen erneut verliehen werden kann. Die Vergabe von Kleinstkrediten mit Hilfe der traditionellen Banken stieß jedoch auf erhebliche organisatorische, finanzielle und personelle Schwierigkeiten. Insbesondere war die Bearbeitung bezogen auf ihre Volumina zu teuer. Diese Probleme führten dazu, daß sich das eigentlich nur als Experiment vorgesehene Grameen Programm im Laufe der Jahre verselbständigte und zu einer eigenen Bank entwickelte, die nach wirtschaftlichen Grundsätzen operiert. Ihre Zielsetzung ist die Bekämpfung der Armut gerade in den ärmsten Gebieten der Welt, wobei die Kredite vorrangig an Frauen vergeben werden, um diesen eine eigenständige wirtschaftliche Existenz zu ermöglichen. Zudem haben sich Kreditnehmerinnen als zuverlässiger bei der Rückzahlung erwiesen als Männer.
Das Konzept der Vergabe von Kleinstkrediten an Frauen, wie es detailliert in dem vorliegenden Buch beschrieben und begründet wird, ist durchaus nicht unumstritten. Auf Widerstand stößt die Vorgehensweise insbesondere in ländlichen Regionen, wo die traditionellen Autoritäten in Form geistlicher und politischer Führer in der Regel ablehnend reagieren, da sie ihre Stellung bedroht sehen. Widerstand kommt jedoch auch aus sozialanthropologischen, entwicklungspolitischen und ökofeministischen Kreisen, wobei die Gründe vielfältiger Natur sind: Die Kreditbeträge seien zu gering, um ein Geschäft aufzubauen; die Kredite würden nicht investiv, sondern konsumtiv verwendet; die Rückzahlung erfordere die Verschuldung bei Geldverleihern; wirtschaftliche Betätigung sei für Frauen in Bangladesch mit einem Absinken des Status verbunden; die Kredite würden zwar von den Frauen aufgenommen, aber fast ausschließlich von den Männern genutzt; Frauen würden von den Männern unter Druck gesetzt, um Kredite aufzunehmen; die ärmsten Familien würden mit der Kreditvergabe nicht erreicht; die Versuche, durch Handel Geld zu verdienen, würden zur Vernachlässigung der Subsistenzproduktion führen (S. 118ff, 178, 188ff). Die Kritik kumuliert in der Aussage von Winter: „In Bangladesch zeigt sich, daß eine isolierte Kreditvergabe an Frauen, die in vollständiger Abhängigkeit von ihren männlichen Verwandten leben, nicht zur Armutsbekämpfung geeignet ist, sondern zur Stabilisierung von Abhängigkeitsverhältnissen und zu einer Zunahme der Gewalt gegen Frauen führt. Eine Betrachtung der Tatsachen vor Ort entlarvt die Grameen Bank als ein ganz normales, profitorientiertes Unternehmen."
Eine Bewertung des Grameen Bank-Konzeptes hinsichtlich seiner Eignung zur Bekämpfung von Armut und Unterentwicklung ist auf der Basis des vorliegenden Buches und der oben skizzierten Kritik nicht möglich, zumal Yunus/Jolis auf die Vorwürfe dadurch eingehen, daß sie ihnen in ihrer Gesamtheit widersprechen und die positiven Wirkungen der Banktätigkeit mit Hilfe von Einzelfalldarstellungen belegen. Hilfreich wäre hier eine einschlägige empirische Studie.
Ungeachtet dieser nicht abschließend beurteilbaren Problematik bietet das Buch insgesamt eine umfassende historische und konzeptionelle Darstellung der Entwicklung der Grameen Bank. Interessant ist von genossenschaftlicher Warte aus noch ein weiterer, sehr spezieller Aspekt. Zwar ist die Grameen Bank mit Sicherheit keine Genossenschaft, doch weist sie dennoch bedeutsame genossenschaftsähnliche Züge auf. Sie ist im engeren Sinne kein Institut der Selbsthilfe, aber doch eines der Hilfe zur Selbsthilfe: Die verliehenen Gelder stammen nicht aus dem Mitgliederkreis, sondern werden aus verschiedenen Töpfen der Entwicklungshilfe zur Verfügung gestellt. Die Bank selbst gehört zu drei Viertel ihren Kundinnen und Kunden, der Rest dem bengalischen Staat, der staatlichen Sonali-Bank und der landwirtschaftlichen Krishi-Bank (S. 217). Die mit Hilfe der Grameen Bank praktizierte Verbindung von Mildtätigkeit und Wirtschaftlichkeit erinnert in vielfacher Hinsicht an Projekte, wie sie von Raiffeisen zur Überwindung der ländlichen Armut ins Leben gerufen wurden. Dieser stellte in einem Brief an Schulze-Delitzsch nämlich ausdrücklich fest: „Der Unterschied zwischen Ihrem und meinem Verfahren scheint mir darin zu liegen, daß Sie das Prinzip Selbsthilfe, welchem ich auch durchaus huldige, bis zur Garantie durchführen, während ich für letztere auch den wohlhabenderen Teil der Gesellschaft mit in Anspruch nehme; teils um sie auch tätig zu machen für die gute Sache, an der sie aus vielfachen Gründen Interesse haben müssen, dann aber auch, um der Sache mehr Ansehen und Garantie nach außen zu geben. Selbsthilfe ist es immer noch, wenn jemand das, was er anleiht, zurückgeben muß und zurückgibt."