Bei dem Roman 'Grafeneck' handelt es sich meiner Meinung nach nicht um ein 'brillantes Debut' vielmehr einen nicht sehr gelungenen literarischen Versuch zum Thema 'Schuld und Sühne'.
Euthanasie und Judendeportation sind die großen Themen dieses schmalen Buches, die Handlung in wenigen Sätzen erzählt. Doch dieses scheinbare Missverhältnis muss in einer Erzählung (um eine solche handelt es sich eigentlich, schon gar nicht ist es ein Krimi) keineswegs störend sein, sofern denn die Rahmenbedingungen stimmig sind. Und eben hier setzt meine Kritik an:
Rainer Gross schafft ein von Lokalkolorit stark geprägtes Ambiente.
So beschreibt er nicht nur Orte und Gegenden sehr genau und nennt sie bei ihrem direkten Namen, er bedient sich bei seinen Figuren z.T. auch tatsächlich existierender Personen, die zwar unter anderem Namen agieren, aber zweifelsfrei von jedem kundigen anhand bestimmter Fakten sofort erkannt werden. So weit so ' nicht ' gut, denn Gross verfälscht diese Personen gleichzeitig, indem er ihnen Worte in den Mund legt, die diese eben so nie gesprochen haben. Das irritiert und ärgert, denn das darf auch und vor allem dichterische Freiheit sich nicht anmaßen.
(S.a. der Roman 'Esra' von Maxim Biller.)
Überhaupt stören diese langen Passagen, die in direkter Rede gehalten sind, ungemein: denn genau so sprechen die Leute 'da oben' nicht. Man muss nicht in den Älbler Dialekt verfallen, um seinen Protagonisten einheimische Glaubwürdigkeit zu verleihen, aber man muss ihre Mentalität, ihre Art sich auszudrücken wiedergeben können. Bei Gross erscheint eben diese Ausdrucksweise nur als 'tumb', was Einfältigkeit assoziiert. Damit wird Gross nicht nur den Leuten nicht gerecht, sondern
er verfehlt auf diese Weise auch das Thema der vollen Schuldfähigkeit.
Dass Gross es unterließ, sein 'Lokalkolorit' faktisch besser zu belegen, ist keine lässliche Sünde. Es legt den Verdacht nahe, dass er es nicht für nötig hielt (seine Informationen über das heutige Grafeneck sind mangelhaft, die Firma Gminder hörte nicht schon vor Kriegsende auf, sondern sehr viel später u.a.m.) und das diskreditiert auch teilweise sein Buch.
In stilistischer Hinsicht störten mich auch die recht elegischen Passagen sprich Gedankengänge, die Gross gegen Ende seinem Kommissar Grevening (der plötzlich vom Saulus zum Paulus wird) und seinem Protagonisten Mauser in den Mund bzw. Sinn legt: das ist schon ein rechter weltanschaulicher Einheitsbrei.
Fazit: es gibt inzwischen eine Reihe brillanter Krimis mit Lokalkolorit, Gross' "Grafeneck" gehört meiner Meinung nach nicht dazu.