Der Deutsche Taschenbuch Verlag macht die deutschen Leser regelmäßig für kleines Geld mit großen Literaten aus anderen Ländern vertraut. Mit Graceland wird ein Werk des nigerianischen Widerständlers Chris
Abani einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Monumental und neue bedeutende Stimme lautet die auf dem Buchdeckel abgedruckte, positive Beurteilung von der Zeit und der Neuen Zürcher. Doch wie so häufig, wenn jene Publikationen voll des Lobes sind, muß sich der einfache Leser keineswegs dem Jubel anschließen, denn was für die einen ein komplexer und durchgestalteter Roman ist, ist für den anderen ein langatmiges Kunstwerk. So auch hier allerdings nur zu Beginn.
Lagos, 1983, der Jugendliche Elvis lebt in der nigerianischen Hauptstadt bei seinem alkoholsüchtigen Vater und dessen neuer Frau. Er verdient sich sein Geld als Elvis-Imitator, was auf die Touristen einen sehr eigenwilligen Eindruck machen mag.
Hin und wieder schaltet der Autor eine Rückblende ein, in der das Leben des jungen Schwarzen einige Jahre zuvor beschrieben wird. Damals lebten seine Mutter und seine Großmutter noch. Sein Vater war in ihrem Dorf in der Provinz ein Meinungsgeber. Hunger kannte die Familie nicht, allerdings gab es so manches düstere Geheimnis, was der Junge erst später aufdeckt. Trotzdem verläuft das erste Drittel von Graceland eher beschaulich, ohne daß der Leser erkennt, wo denn nun das Erzählenswerte ist.
Auf der Suche nach einem besser bezahlten Job kommt Elvis plötzlich ins Drogengeschäft. Später landet er sogar bei der Organmafia und wird Opfer politischer Umstürze. Chris Albani wirft den Jungen aus einfachen Verhältnissen plötzlich in einen Strudel afrikanischer Katastrophen. Militärdiktatur, Unterdrückung der Armen, Zerstörung eines Slums, fehlende Ausbildung und Mangel an Alternativen zur Kriminalität machen die Lage Nigerias in den 80er Jahren deutlich. Bedauerlicherweise wirkt das, was die Neue Zürcher Zeitung als durchgestaltet bezeichnet, eher konstruiert.