>> Grabesstimmen << (Original: Grave Sight) ist der erste Band der vierteiligen "Harper Connelly - Serie". Sicher mag er nicht durch Originalität (abgesehen von Harpers Fähigkeit) glänzen, aber die Charaktere machen kleine Defizite wett. Diese Buchreihe kann laut der Autorin unter Mystery Krimi angesiedelt werden. Die Geschichte um H. Connelly kam 2005 in die amerikanischen Buchläden und zählt zu den neusten Kreationen der Autorin. Hierzulande kennt man die Autorin durch die "Sookie Stackhouse bzw. Southern Vampire - Reihe", welche jetzt - durch den derzeitigen Vampirboom- den Zenit des Beliebtheitsgrades erreicht hat. Doch Frau Harris ist eine vielschichtig talentierte Schriftstellerin. Jede, ihrer weiblichen Hauptfiguren, liegt einem Anstrich ihrer Charakterzüge zugrunde.
Frau Harris weiß mit eingestreuten Infos, die progressiv detaillierter werden, den Leser zu begeistern. Ihr Schreibstil ist schlicht, aber ansprechend.
Die Hauptprotagonistin, Harper Connelly, ist scheinbar ein einfach gestrickt, abgebrühter, düsterer Charakter - zu recht. Neben Harpers ständiger Präsenz, ist da noch ihr Begleiter, Manager und Stiefbruder Tolliver Lang. Die Beiden sind ein eingeschweißtes Gespann, was bei der gemeinsamen Vergangenheit verständlich wird. Harper hat für ihre jungen 24. Jahre schon einig Elend gesehen und erlebt. Ihre selbstauferlegte rauhe Schale bekommt erst mit den fortlaufenden Bänden Risse.
Die zwei Geschwister fahren quer durch die USA, dort wo sie gebraucht und bezahlt werden. Im Allgemeinen stoßen sie auf nicht sonderlich viel Gegenliebe und machen auch kein Hehl aus dem 'frivol makaberen' Erwerb. Sie leisten ihren Dienst und verschwinden sofort.
Harper wird für einen Auftrag in die Kleinstadt Sarne gebeten. Sie soll einen verschwundenen Teenager der Gemeinde auffinden. Doch kaum angekommen, scheinen die Verantwortlichen gar nicht mehr so sicher, ob sie diese dubiose Frau, mit ihren zweifelhaften Fähigkeiten, wirklich engagieren wollen: Harper kann Leichen aufspüren, sie förmlich wittern, und deren Todesursache ergründen.
Nach einer ersten Beweisprobe ihres Könnens, entschließt sich die Witwe Sybil Teague Harper anzuheuern. Wie sich zeigt, ist vor wenigen Wochen/ Monaten Sybils Sohn Dell selbst zu Tode gekommen. Da Dell und ein verschwundenes Teenagermädchen liiert waren, werden die beiden Vorfälle zusammengezählt. Dell wird sogar des Mordes an seiner Freundin verdächtigt, wobei bei ihm ein Selbstmord vorliegen soll. Kaum ergründen Harper und Tolliver den Ort des Geschehens, werden sie auch fündig - sie finden Teenie Hopkins Leichnam. Die ersten Zweifel schleichen sich schnell ein. Als dann Harper auch nach Sarne zurückbeordert wird, überschlagen sich die Ereignisse. Irgendwer scheint sie von weitern Nachforschungen abhalten zu wollen. Während dem ungewollt, unliebsamen Aufenthalt, lernt Harper den örtlichen Hilfssheriff etwas besser kennen. Auch die jüngere Schwester Dells, Mary Nell Teague, scheint großes Interesse an dem Geschwisterpaar zu haben. Die überwiegende Abneigung den beiden Auswärtigen gegenüber, gerät allmählich aus d. Ruder. Und dann geschieht auch noch ein weiterer Mord. Die Suche nach der Verbindung zu den beiden Teenagern, wird zu einer ausufernden Angelegenheit.
Zugegeben, der Start der Story ist recht lau; doch bald wird man in die Welt von Harper geschleudert. Der Zusammenhang zwischen den beiden Teenager ist schnell ersichtlich. Der Mörder ist nicht weiter verwunderlich, hat man aber bis zum Schluß nicht im Sichtfeld. Einige Anhaltpunkte sind gut kombinierbar, aber die fehlenden Einzelteile des Puzzles werden erst am Ende aufgedeckt. Wie gesagt: der Ausgang ist nicht sonderlich überraschend und hätte etwas besser ausgebaut werden können. Das Ende scheint abrupt.
Die Phalanx der Kleinbürgerlichkeit, die sich, dem Ungewohnten gegenüber sah, nimmt das gewohnte Bildnis an: Abneigung, Borniertheit, bis hin zur Verfolgung. Harpers Vergangenheit wird sporadisch eingestreut, und gibt uns Einsicht in ihr Seelenleben. Das sie ihre Fähigkeiten nutzt, um sich damit ein Obolus zu verdienen, mag auf den ersten Blick geschmacklos erscheinen, ist aber keineswegs abschätziger wie andere geläufige Dienstleistungen - zum Beispiel Psychiater. Trotzdem muß sich Harper ständig & stehts erklären/ rechtfertigen, was die Leute meist nicht milde stimmt.
Der erste schleppende Band ist sicher nicht das herausragenste oder 'aktiongeladenste' Harris - Werk, hat aber dennoch sehr viel Charme. Gerade die kontroversen Hauptprotagonisten sind allein schon ein Anreiz. Harpers Vergangenheit wird in den späteren Bänden weitergeführt und gegenwärtig thematisiert. Während diese Reihe dem Krimi Genre angehörig ist, muß man als >> Southern Vampire << - Fan starke Abweichungen eingestehen und klare Grenzen ziehen. Aber Frau Harris wunderbar klarer Schreibstil ist vereinnahmend. Ihre leicht spitze Zunge erfrischt die Sarkastiker, wie auch Zyniker unter der (gewohnten) Leserschaft. Ich werde diese Serie im Auge behalten. Harris' Fans, die sich nicht nur von ihrer erfolgreichsten Serie blenden lassen, sollten ruhig mal hier zugreifen. Alle anderen Werke liegen leider nicht dem dt.-sprachigen Raum zur Verfügung. Ich warte noch darauf, bis endlich 'Lily Bard', 'Aurora Teagarden' und viele ihrer Einzelromane bei uns erscheinen, die bisher nur auf Englisch gibt. Doch ein weiterer Fortschritt steht schon diesem Dezember in den Läden: >>Stummer Zorn<<. Frau Harris bewältigt die eigene Vergangenheit mittels ihrer Geschichten und Figuren, die sehr viel von ihr selbst widerspiegeln. Und das kann überzeugen.
Ich vergebe gerne drei SEHR gute Sterne für dieses Buch.